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| 01:04 Uhr

Lebenszeichen von Alex aus der Ukraine nach fast sechzig Jahren

Finsterwalde.. Nicht schlecht staunten Käthe und Erwin Kerth aus Finsterwalde über den Brief aus der Ukraine. Dabei ist das für den ehemaligen Russischlehrer Erwin Kerth eigentlich keine Seltenheit. Eine langjährige Freundschaft verbindet ihn zum Beispiel mit dem ukrainischen Maler Kostja Tschepiga. Diesmal kam der Brief aber von Alexander Iwanowitsch Rjabucha aus dem Dörfchen Trudischtsche im Sumsker Bezirk unweit der russischen Grenze und betraf vor allem Erwin Kerths Frau Käthe. Sie hatte den 16-jährigen Alex als junges Mädchen 1944 im Hause ihres Vaters, des Müllers Curt Liedtke, in Luckau kennen gelernt. Von Jürgen Weser

„58 lange Jahre habe ich Euch gesucht“ , schreibt Alexander Rjabucha und schildert in dem mehrseitigen Brief eine wahre Odyssee, die er in den letzten Kriegsjahren und danach erlebt hat. Seine langjährige Suche über die Organisation „Versöhnung und Ver ständnis“ brachte keinen Erfolg, auch andere Versuche nicht, bis er sich 2002 entschloss, an die Stadt Luckau zu schreiben. Schließlich kam für den Ukrainer die lang ersehnte Antwort. Ein Sohn des Luckauer Müllermeisters, Erich Liedtke, bestätigte ihm, dass Alex bei seinem Vater gearbeitet hatte. Auf diesem Wege erfuhren Käthe und Erwin Kerth, wo Alexander lebt und suchten gleichzeitig über Kostja Tschepiga den Kontakt zu ihm.

Alexander schreibt an Käthe, dass er gern am Grab ihrer Eltern Blumen niederlegen möchte, denn er verdankt ihnen wohl sein Leben. 1942 verschlägt es ihn als verschleppten Zwangsarbeiter, er ist 14 Jahre alt, in ein Lager in der Nähe von Finsterwalde. Er, so schildert Alex, entgeht Erschießungen und gerät als Zwangsarbeiter in ein Holzsägewerk bei Welzow. Im März 1943 meldet sich der Junge zur Arbeit in der Landwirtschaft. Er verspricht sich ein besseres Leben ohne Hunger wie im Sägewerk. Immerhin hatte er gelernt, Pferde anzuspannen. So kommt Alex zum ersten Mal in die Gegend um Luckau, nach Riedebeck, und arbeitet dort bei einem Gutsherren. Allerdings währt die bescheidene Freude darüber nicht lange, denn er wird wieder nach Welzow zurück transportiert. Dort beschließt er zu fliehen, reißt sich das Fremdarbeiterzeichen vom Ärmel und schafft es auch wieder bis nach Riedebeck. Mit „He, Bürger der Sowjet-Union“ , so erinnert sich Alex in dem Brief, greift ihn ein Mann mit Pferdefuhrwerk auf und nimmt ihn mit zu sich nach Hause in die Luckauer Mühle.

Gut aufgenommen
Der Mann ist der Luckauer Müller Curt Liedtke. Wie legal oder illegal sein Handeln war, verliert sich etwas im Dunkeln der Erinnerungen. Jedenfalls war es für Alexander Rjabucha eine gute Zeit. Er lebt als Alex Lebedewski in der Müllers familie, Curt Liedtkes örtliche Beziehungen hatten das wohl ermöglicht. „Deine Mutter nahm mich gut auf“ , schreibt Alexander im Brief an Käthe und erinnert sich an seine Arbeit im Stall, auf dem Acker und in der Mühle und daran, dass „wir mit deinem Bruder Kurt manchmal im nahe gelegenen See baden gingen“ .
Jäh ist die Zeit im Herbst 1944 vorbei, Alex wird erkannt und zur Polizei zum Verhör gebracht. Wieder ist es Vater Curt Liedtke, dem es gelingt, Alex dem Zugriff der SS zu entziehen. Dafür bricht er seine Kur in Tirol ab und kehrt sofort nach Hause zurück, erinnert sich Alexander Rjabucha. Am Ende des Krieges holt die Rote Armee den jungen Mann. Er wird in Wittenberg vereidigt, kämpft in Prag und muss in Lemberg (Lwow), in den Karpaten und schließlich in Chust bis 1951 in der Armee als einfacher Soldat gegen seinen Willen dienen.
Endlich kommt der als Junge unfreiwillig seiner Heimat entrissene Alexander Iwanowitsch Rjabucha, durch harte Jahre und viele Schicksalsschläge zum Manne gereift, in seine ukrainische Heimat zurück. „Eine Entschädigung für die Zwangsarbeiterjahre in Deutschland hat er nie bekommen“ , weiß das Ehepaar Käthe und Erwin Kerth. „Wahrscheinlich hat er sich in den Jahren nach der Wende auch zu spät darum gekümmert“ , mutmaßen sie.
„Wir warten auf Eure Antwort wie die Nachtigall auf den Sommer“ , beendete Alex seinen Brief. Die ukrainische Nachtigall musste nicht lange warten. Es gibt jetzt einen regen Briefwechsel zwischen Finsterwalde und dem ukrainischen Dörfchen Trudischtsche, wo Alexander Rjabucha verheiratet war und jetzt lebt, die Kinder und Enkel nicht allzu weit entfernt. Aber nicht nur den Briefwechsel gibt es, sondern die acht Geschwister Liedtke, zu denen Käthe Kerth aus Finsterwalde gehört wie auch Erich, der das Elternhaus in Luckau erhalten hat, und Joachim, der Jüngste, der in Lübbenau seinen Dienst als Pfarrer verrichtet, organisierten wieder Lebenshilfe. „Darüber waren wir uns schnell einig“ , erzählt Käthe Kerth. Pakete mit Kleidung, mit Schuhen und anderen Sachen erreichten den inzwischen 76-Jährigen im Sumsker Gebiet, außerdem achthundert Euro. Hans aus Nürnberg, einer der Brüder, schickt regelmäßig Medikamente zur Heilung von Alexanders Krankheit. Die Hilfe der Geschwister Liedtke, ist sich Käthe Kerth sicher, wird wegen der schlechten Verhältnisse in der Ukraine weitergehen. In Kürze startet die nächste Sendung auf den Postweg nach Trudischtsche.

Kein Besuch am Grab
Wegen seiner Gelenkentzündungen und anderer orthopädischer Probleme wird sich Alexander Rjabucha den Wunsch, noch einmal am Grab der Liedtkes Dankeschön sagen zu können, nicht mehr erfüllen können. Aber das Haus von Mühlenbaumeister Curt Liedtke, der 1961 gestorben ist, würde er noch erkennen wie auch die Mühle, auch wenn die nicht mehr an ihrem alten Platz steht.
Für Käthe und Erwin Kerth in Finsterwalde und die anderen Liedtke-Geschwister ist jedenfalls ein Stück Familiengeschichte in Verbindung mit der großen Weltgeschichte lebendig geworden und die Erkenntnis: Menschlichkeit spielt sich immer im Kleinen ab und oft gegen die üblichen Schablonen.