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| 02:35 Uhr

Kunst als Befreiung vom Würgegriff

Das Wortspiel "reFORMationen" hat den zahlreich beteiligten Künstlerinnen und Künstlern viel Spielraum zur kreativen Auslotung des Reformationszeitalters gelassen.
Das Wortspiel "reFORMationen" hat den zahlreich beteiligten Künstlerinnen und Künstlern viel Spielraum zur kreativen Auslotung des Reformationszeitalters gelassen. FOTO: Jürgen Weser
Doberlug-Kirchhain. Mit großem Besucherinteresse wurde am Sonnabend die 11. Ausstellung der bildenden Künstler des Landkreises Elbe-Elster im Schloss Doberlug eröffnet. Jürgen Weser

Nach der offiziellen Eröffnung im Refektorium durch Landrat Christian Heinrich-Jaschinski, Bürgermeister Bodo Broszinski, der Laudatio durch die Dresdner Kunstwissenschaftlerin Karin Weber und der Vorstellung der 26 Künstler nahmen etwa 250 Besucher die Ausstellung über zwei Etagen im ehemaligen Schloss der Wettiner neugierig in Augenschein. Saxophonistin Miriam Kreher begleitete musikalisch durch die Schau und persiflierte das eine oder andere Werk.

Das Wortspiel "reFORMationen" ließ den Künstlerinnen und Künstlern aus Elbe-Elster und Gastkünstlern aus dem Märkischen Kreis, aus dem polnischen Naklo, aus Teltow-Fläming, Nordsachsen und Sachsen-Anhalt sowie aus Wrexham in Großbritannien viel Spielraum zur kreativen Auslotung des Reformationszeitalters und seiner Bezüge bis ins Jetzt. Dabei sei eine eindrucksvolle Schau im Spannungsbogen zwischen Historie mit gesellschaftlichem Wandel bis zur Bewahrung von Kultur einerseits und wachsender Entmenschlichung in unserer Zeit gelungen, hob Karin Weber in ihrer Laudatio hervor. Sie betonte die Einzigartigkeit dieser Ausstellungsreihe in Regie eines Landkreises, welche den kulturellen Geist in Elbe-Elster belege. Dass "Kunst als Labor für innovative Bewegung" gefördert werde und dass "kreative Künstler für die Entwicklung des Landkreises gebraucht werden", unterstrich Landrat Christian Heinrich-Jaschinski.

Diese Kreativität beeindruckte die Ausstellungsbesucher der Vernissage mit vielseitigen Werken von Malerei, Grafik und Skulpturen bis zu Objektkunst, Fotografie, Glas- und Schmuckkreationen. Da findet sich eine realistische Spurensuche zur Reformation mit "Luther"-Bildern von Volker Pohlenz aus Doberschütz, thematisiert die ehemalige Werenzhainer Atelierhofleiterin Ursula Bierther "Bilderstürmerei", lässt Karin Becker aus Zossen christliche Symbole lebendig werden und "jongliert" ironisch mit ihnen, befreit Catrin Große aus Doberlug Jesus vom Kreuz und demonstriert im Fernrohr, wie Luther die Kirche "umgedreht" hat, während Christine Bird-Jones aus Wrexham "Fußspuren" des Glaubens auf Glas gesetzt hat. Rosa Böhmchen aus Finsterwalde hinterfragt Luthers Verhältnis zu Frauen, und E.R.N.A. aus Mühlberg zeigt im orgiastischen Triptychon, "es ist ein Kreuz" mit der Religion. Paul Böckelmann und Ararat Haydeyan ist es als Kuratoren vorzüglich gelungen, trotz der Vielfältigkeit der Arbeiten, Techniken und Sichtweisen der Ausstellung ein Gesamtbild zum Thema zu geben, das allen Künstlern Freiraum gelassen habe, wie Laudatorin Karin Weber hervorhob. Ararat Haydeyan selbst stellt seine spezielle Büste "Mein Herr Käthe" wunderbar in Bezug zu armenisches Flair ausstrahlenden "Adam und Eva"-Acrylarbeiten.

Gern hat Paul Böckelmann selbst die für ihn notwendige Rolle des Provokateurs in der Ausstellung übernommen. Sein Tetzel-Bild und die ihn umgebenden Zitate werfen kritische Blicke auf Luther und Christentum und werden nicht allen gefallen.

Aber im Jahr des Reformationsjubiläums sei eine solch kritische und provokative Sicht ebenso notwendig wie das Zeigen der positiven Wirkungen, ist sich Böckelmann sicher. Die Welt brauche humanistische Erklärer wie Provokateure, forderte Laudatorin Karin Weber.

Zum Thema:
Die Elbe-Elster-Kunstausstellung, die alle zwei Jahre den Kulturanspruch des Landkreises unter Beweis stellt, ist noch bis zum 2. Juli dieses Jahres geöffnet. Sie findet nach 2015 zum zweiten Mal im Schloss Doberlug statt und will eine Brücke bauen zur ständigen Ausstellung "Doberlug und das sächsische Brandenburg", die ab 7. Juli 2017 stattfindet, und der Sonderausstellung "Die letzten Mönche von Doberlug" im Museum Schloss Doberlug.