| 20:19 Uhr

Lesung
Es war wirklich schön jewesen

Lea Streisand begeisterte in der Finsterwalder Buchhandlung Mayer das Publikum.
Lea Streisand begeisterte in der Finsterwalder Buchhandlung Mayer das Publikum. FOTO: Jürgen Weser / Weser Jürgen
Finsterwalde. Lea Streisand begeistert ihre Zuhörer zum Start in den Finsterwalder Leseherbst mit Berliner Witz und Schnauze. Von Jürgen Weser

Einen besseren Start in den Leseherbst konnte es nicht geben. Knackevoll präsentierte sich mit fast einhundert Besuchern die Buchhandlung Mayer am Donnerstagabend. „Ich freue mich wie Bolle“, reagierte Lea Streisand erfreut über die großartige Resonanz ihres ersten Auftritts in Finsterwalde. Das war aber kein Wunder, denn die Mitstreiterin auf bekannten Berliner Lesebühnen ist auch bei vielen radio 1 Hörern bekannt und beliebt.

„Wir machen uns einfach einen Bunten und ihr kauft meine Bücher“, führt sie lachend in die Lesung. Nach Finsterwalde hat Lea Streisand ihren Geschichtenband „War schön jewesen“, den biografischen Roman „Im Sommer wieder Fahrrad“ (beide 2016 erschienen) über sich und ihre taffe Oma und ein paar taufrische Texte, die noch im Smartphone steckten, mitgebracht.

Die eloquente Vorleserin hat die Zuhörer sofort auf ihrer Seite, wenn sie scharfsinnig beobachtend von den irrsinnigen Alltäglichkeiten des Lebens in Berlin erzählt und mit feinem Humor und auch derbem Witz über die Dummheit in der Welt staunt. Gelacht wurde über den Beziehungsscheiß von Freundin Kati. Verstehendes Schmunzeln gab es über den Einkaufstrip im schwedischen Möbelhaus, das sie und Frieda mit einem Einkaufwagen in Größe eines Kleintransporters voller Dinge, die eigentlich niemand braucht, wieder verlassen.

Kennt man ja. Mit feiner Ironie macht sich die Urberlinerin Lea Streisand über die „schlauen“ Prenzelfrauen und den Hausfrauentick ihres Freundes lustig und erzeugt Heiterkeit, wenn sie in der Nachbarwohnung sogar lauter schreien als vögeln lässt. Einen verblüffend neuen Blick wirft sie auf das narzisstische Verhalten der Pilze, die „suche mich“ schreien.

„Roman schreiben ist etwas für Masochisten“, beschreibt Lea Streisand nach der Pause ihre eigene anstrengende Romanarbeit. Die von ihr vorgelesenen Auszüge aus „Im Sommer wieder Fahrrad“ beweisen, dass sie äußerst erfolgreich masochistisch war. Dabei berührt, ihre liebevolle Hommage an Oma „Mütterchen“, die von der „Kommandozentrale“ ihrer Wohnung im 12. Stock der Neubauwohnung am Berliner Tierpark gelassen auf gelebtes Leben zurückblickt, und wie sie deren Leben als Schauspielerin und Lebenskünstlerin mit der Schilderung der eigenen Krebserkrankung verknüpft. Mit großer Erzählkultur meistert Lea Streisand beide Bereiche scheinbar mühelos. Allerdings merken die Zuhörer am hier etwas zu schnellen Lesetempo die persönliche Betroffenheit und wohl noch nicht ganz überwundene Angst der Autorin. Unbedingt das Buch lesen, denken nicht wenige Besucher der Lesung.

Zum Glück für ihre Leser tut sich Lea Streisand bereits wieder masochistische Romanschreiberei an. Denn sie entlässt sich und die Zuhörer in Mayers Buchhandlung zum Schluss ins pralle Leben mit Prenzelberg-Feeling und einer mit viel Inbrunst gesungenen Ode an den Fernsehturm. Der Aufforderung zum Bücherkauf kamen viele Besucher nach und beim Signieren war zu hören: „Es war wirklich schön jewesen“. Wiederkommen ist auf jeden Fall gewünscht.

Zunächst ist im Finsterwalder Leseherbst jedoch Christine Dieckerhoff am 2. November mit ihrem Krimi „Spreewaldtod“ in der Buchhandlung Mayer zu Gast.