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Puppentheater
Kasper und seine lustigen Verwandten

Dr. Olaf Bernstengel und Annabell Schultze mit chinesischen Marionetten aus der Sammlung Brockmüller.
Dr. Olaf Bernstengel und Annabell Schultze mit chinesischen Marionetten aus der Sammlung Brockmüller. FOTO: Heike Lehmann
Doberlug-Kirchhain/Bad Liebenwerda. Im Depot vom Museumsverbund Elbe-Elster werden mehr als 2000 Puppen der Sammlung Brockmüller erschlossen. Von Heike Lehmann

Es war 2016 ein musealer Paukenschlag, als für das Mitteldeutsche Marionettenmuseum Bad Liebenwerda 5000 Objekte rund um das Puppentheater mit Hilfe von Fördermitteln angekauft wurden.

Karin und Uwe Brockmüller aus Unterfranken hatten über Jahrzehnte gesammelt, was irgendwie mit Puppenspiel zusammenhängt. Nach dem Tod des Maschinenbauingenieurs Brockmüller, der in aller Welt unterwegs war, wollte sich dessen Frau Karin – deren Familie übrigens aus Herzberg stammt – von diesem Schatz trennen. Ralf Uschner, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bad Liebenwerdaer Kreismuseum, hatte davon Wind bekommen, die Förderer begeistert und die Sammlung „an Land gezogen“, nachdem die Stadt Schweinfurth ihr Interesse zurückgezogen hatte.

Die Ersterfassung der Figuren – mehr als 2000 – übernahm Bundesfreiwilligendienstlerin Johanna Krengel. „Jetzt wird die Sammlung aktiv erschlossen“, wie Babette Weber, die Leiterin vom Museumsverbund, den nächsten Schritt erläutert. Mit fachlich geschultem Blick arbeitet sich Dr. Olaf Bern­stengel, künstlerischer Leiter des jährlichen Internationalen Puppentheaterfestivals in Elbe-Elster, Puppentheaterhistoriker, Kurator und Autor aus Dresden, durch Kisten, Akten und natürlich von Puppe zu Puppe. Das passiert im Depot vom Museumsverbund im Schloss Doberlug. Ihm zur Hand geht Annabell Schultze, jetzige Bundesfreiwilligendienstlerin im Bad Liebenwerdaer Museum.

Bernstengel sagt: „Wir haben Glück. Brockmüller ging es nicht nur um den Besitz. Er hat akribisch festgehalten, wann und wo er was gekauft hat, wie teuer es war und  wer es geschnitzt hat. In 17 Ordnern hat er diese Fakten zur Sammlung verankert.“

Olaf Bern­stengel gerät ins Schwärmen: „Der hatte wirklich von jedem Dorf einen Hund oder drei Hunde. Ein paar ganz seltene sind dabei. Bis auf Südamerika und Australien sind alle Kontinente vertreten. Alles traditionelle Puppen.“ Allein für den Überblick über die Handpuppen ging eine Woche ins Land. Dieser Tage waren die Marionetten dran. „Die Kartons mit den mehr als 500 Schattenspielfiguren aus Indonesien habe ich noch gar nicht aufgemacht“, sagt Bernstengel. Ziel ist auch, die Aufarbeitung als Arbeitsdepot für Studierende – Hochschule für Bildende Künste und Schauspielschule sind ja nicht weit weg.

Um die Sammlung in angemessener Form der Öffentlichkeit  präsentieren zu können, muss zunächst ein schlüssiges Konzept her. Fachlich untermauert soll es bis Anfang des Jahres vorliegen, sagt Bernstengel. Ko-Kurator ist Ralf Uschner.

Der rote Faden soll „Die lustige Figur“ sein. Das heißt, der Schwerpunkt liegt auf dem Kasper und seinen europäischen Verwandten. Die sind in der Sammlung ziemlich vollständig vertreten und kuscheln sich im Depot lustig aneinander. Da liegt  Kasper (Deutschland), neben Kašpárek (Böhmen), Gašparko (Slowakei), Semar (Indonesien), Tsu Tei (Vietnam), Punch, Judy und das Kind Jiggi (England), Guignol (Lyon/Frankreich), La Fleur (Amiens/Frankreich) Pulcinella (Italien, Jan Klaassen (Holland), Polichinnelle (Frankreich) Tchentches (Belgien und Kasperl (Süddeutschland). „Nur einer fehlt: Petruschka aus Russland“, sagt Olaf Bernstengel.

„Diese Sammlung eröffnet dem Museum in Bad Liebenwerda eine Chance, die nicht zu erwarten war“, wird der Puppentheaterhistoriker nachdenklich und bedeutungsvoll. „Es könnte das Mitteldeutsche Marionettenmuseum in die Spitzenliga der Puppentheatermuseen katapultieren. Und davon gibt es immerhin 16 an der Zahl in ganz Deutschland.“

Sizilianische Schwergewichte sind diese überdimensionalen Marionetten. Sie sind mit etwa 1,50 Meter größer als alle anderen.
Sizilianische Schwergewichte sind diese überdimensionalen Marionetten. Sie sind mit etwa 1,50 Meter größer als alle anderen. FOTO: Heike Lehmann
Puppenspieler Olaf Bernstengel kann nicht wiederstehen und zieht sich Punch und Judy aus England über die Hände.
Puppenspieler Olaf Bernstengel kann nicht wiederstehen und zieht sich Punch und Judy aus England über die Hände. FOTO: Heike Lehmann