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| 12:07 Uhr

Kreismuseum
Kohlrübenwinter am Sängerstadt-Gymnasium

Emma Liebscher und Tony Weggen verteidigten erfolgreich ihre Seminararbeiten im Sänger- und Kaufmannsmuseum.
Emma Liebscher und Tony Weggen verteidigten erfolgreich ihre Seminararbeiten im Sänger- und Kaufmannsmuseum. FOTO: Robert Pötzsch
Finterwalde. Was hat der Kohlrübenwinter 1916/17 mit dem Sängerstadt-Gymnasium 2018 zu tun? Warum hatte einst ein Geist das Amt des Finsterwalder Bürgermeisters inne? Zwei Gymnasiasten haben die Antworten. Von Robert Pötzsch

Im Rahmen einer freiwilligen Seminargruppe unter der Leitung von Birgit Neidnicht haben die Schüler zur regionalen Geschichte recherchiert. „Kohlrübe statt Kartoffel!?“ lautet der Titel von Emma Liebschers Arbeit, das Projekt von Tony Weggen steht unter der Überschrift: „Der gute ‚Geist’ Finsterwaldes“. Nach langer und intensiver Recherche stellten die beiden Abiturienten ihre Ergebnisse öffentlich vor. Vor wenigen Tagen wurde es dabei spannend im Dachgeschoss des Sänger- und Kaufmannsmuseums in der Langen Straße. Etwa 30 Besucher waren neugierig auf die Seminararbeiten.

Den Auftakt macht Emma. Der Winter 1916/17 sollte als der „Kohlrübenwinter“ auch in der Niederlausitz im Gedächtnis der Einwohner präsent bleiben. Auf den Titel ihrer Arbeit „Kohlrübe statt Kartoffel“ ist sie durch einen Zeitungsartikel von damals gekommen, der den Verzehr von Kohlrüben statt Kartoffeln vorschlug. Sichtlich ergriffen berichtet Emma: „Niemand hatte sich auf einen so harten Winter eingestellt“. Hinzu käme die schlecht ausgefallene Kartoffelernte des vorangegangenen Herbstes, weshalb die robustere Kohlrübe Hauptnahrungsmittel wurde, wie die Schülerin zu berichten weiß. Auf das Thema ihrer Belegarbeit sei sie durch den wissenschaftlichen Mitarbeiter des Museums, Olaf Weber, aufmerksam geworden. Schnell habe die Abiturientin gemerkt, dass für ihre Arbeit eine Menge Material zur Verfügung steht, doch speziell dieser Teil der Heimatgeschichte schlichtweg wenig beleuchtet sei. Das perfekte Thema also, weil die Seminargruppe genau zu diesem Zweck, dem Erforschen von Regionalgeschichte, ins Leben gerufen wurde.

Da ihre Familie schon seit längerer Zeit in der Niederlausitz ansässig ist, bringt Emma auch persönliches Interesse mit. Mit ihrer Recherche im Museumsarchiv erhoffte sie sich, die Menschen der damaligen Zeit besser verstehen zu können. Dennoch: Dass für wenige Lebensmittel oder banale Haushaltsgegenstände eingebrochen und sogar gestohlen wurde, sei ihr auch nach ihrer Recherche immer noch unbegreiflich. Sie habe es nicht für möglich gehalten, was Menschen machen, wenn sie Hunger leiden. „Wir alle können froh sein, dass wir nicht hungern müssen.“ Besonders ergreifend sei für sie aber die Häufung der damaligen Todesfälle gewesen. So entwickelte sich das Bild in den Finsterwalder Tagesblättern von anfänglich nur wenigen Todesanzeigen bis hin zu 20 Menschen, die an einem Tag dem Hunger zum Opfer fielen.

Auch Tony Weggen verbindet mit seiner Seminararbeit „Der Gute ‚Geist’ Finsterwaldes“ nicht zuletzt ein Stück persönliche Geschichte. Der gebürtige Nehesdorfer „rutschte“ nach eigenen Angaben in das Thema hinein. Als Ortsansässiger interessiere ihn natürlich vorrangig die Geschichte seines Ortsteils. So kam es, dass ihm ein Mann besonders auffiel: Georg Geist. Dem ehemaligen Finsterwalder Bürgermeister und den beeindruckenden Quellen sei es geschuldet, dass Tony auf diese Zeit aufmerksam geworden sei. Seine Recherche beleuchtete darüber hinaus die Werke von Richard Richter und Karl Dassel.

Geist war in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren Bürgermeister von Finsterwalde. Er sei „der Mann der Stunde“ gewesen, so der Abiturient. Mit seiner Politik bekämpfte der damalige Bürgermeister die anhaltende Wohnungsnot in Finsterwalde und war in der Lage, die politisch verfeindeten Lager der SPD und der Bürgerlichen erstmals zusammenzubringen. Tony betont das Ziel Geists, Bürger zu verbinden. „Er sah reale Möglichkeiten und diese nutzte er auch“, so der Schüler, weshalb Georg Geist für ihn eine Schlüsselposition in der Geschichte der Stadt einnimmt.

Besonders fasziniert haben den Abiturienten die damaligen Wortgefechte der verfeindeten Lager und der sich stetig verschärfende Ton in gegenseitigen Anreden und Briefwechseln. Die Arbeit orientiert sich am wissenschaftlichen Schreiben einer Hochschule, weshalb er sich nun für seine Zukunft an einer Universität und eine später folgende Bachelorarbeit gewappnet sehe. Geschichte soll jedoch nicht Gegenstand von Tonys Studium werden, denn der Abiturient möchte sich der Ethnologie widmen.

Auch Emma Liebscher ist mit ihrer Seminararbeit zufrieden, habe jedoch die recht hohen Anforderungen leicht unterschätzt. Für die Zwölftklässlerin geht es nach dem Abitur ebenfalls zum Studium. Allerdings schwankt sie noch zwischen einem Lehramts- und einem Medizinstudium.