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Sterngucker
Kleinkrausnik – dort wo der Mond zum Greifen nah ist

Steffen Noack
Steffen Noack FOTO: Dieter Babbe
Sonnewalde/Kleinkrausnik. Steffen Noack, einziger Konstrukteur von Fernrohren in Brandenburg, kann Milliarden Lichtjahre weit gucken.

Von Dieter Babbe

Für Steffen Noack steht felsenfest: Es gibt noch Leben außerhalb der Erde. Von Kindheit an trägt der heute 51-Jährige die Sehnsucht nach den Sternen in sich. Mit seinen selbst gebauten Fernrohren holt er Lichtjahre entfernte Galaxien ganz nahe heran – bis nach Kleinkrausnik im Elbe-Elster-Kreis. Vor wenigen Jahren erst hat der Sternengucker Steffen Noack seine Leidenschaft sogar zum Beruf gemacht. Im Land Brandenburg ist er wohl der einzige Konstrukteur von Teleskopen.
Auf dem Bauernhof seiner Lebensgefährtin hat sich Steffen Noack nach und nach eine kleine Werkstatt eingerichtet – mit Maschinen zum Schleifen, Fräsen, Bohren. Hier entstehen in aufwändiger Hand- und extremer Präzisionsarbeit seine großen und kleinen Linsen- und Spiegelteleskope – bei einem Spiegeldurchmesser von wenigen Zentimetern bis zu einem halben Meter. Mit Ausnahme der Gläser bzw. dem Spiegel und dem Okular stellt Steffen Noack alles selbst her – aus mehr als 200 Einzelteilen besteht ein Teleskop.

Etwa zwei Monate bastelt er, von der Konstruktion bis zur Lieferung, an einem großen Fernrohr. Seine Kunden sind fast ausnahmslos Hobby-Astronomen und vereinzelt kleine Firmen der optischen Industrie aus ganz Deutschland, immer mehr auch aus Europa und sogar darüber hinaus – „der weiteste Auftrag kam aus Südafrika“, sagt der Kleinkrausniker, der kaum Werbung machen muss. Wer ihn sucht, findet ihn auf seiner Internetseite.
Die Liebe zur Astronomie ist Steffen Noack praktisch schon in die Wiege gelegt worden. Sein Vater, der ein Seemann war, hat seinen Kindern nachts immer wieder beim Blick durch den Feldstecher den Sternenhimmel erklärt. „Das hat mich so fasziniert, dass ich mit meinen Geschwistern aus Brillengläsern und einem Rohr aus Pappe unsere ersten Fernrohre gebastelt habe.“

Zunächst hat der gebürtige Sachse aus Krauschwitz im Kraftwerk Boxberg Maschinist gelernt und hier 30 Jahre lang in Schichten gearbeitet. „Das kann doch nicht alles in deinem Leben gewesen sein“, sagte sich der Hobbyastronom, der inzwischen auch zum Elektronikbastler wurde und Spaß daran hat, Schaltungen zu entwerfen und Computer zu programmieren.
 Dabei hatte Steffen Noack nach der Wende festgestellt, dass „man im Westen auch nur mit Wasser kocht“. Soll heißen: „Die Technik zur Himmelsbeobachtung, die es auf dem Markt massenweise gab, war oft schlechter, als was wir von Carl Zeiss Jena kannten.“ So fing der Bastler an, wacklige Teleskope zu verbessern – was sich über die vielen Sternenguckervereine nach und nach herumgesprochen hat. „Die meisten Anfragen kamen anfangs aus dem Westen“, erinnert sich Steffen Noack. Als die Arbeit über Hand nahm, verließ der gelernte Maschinist Boxberg und seinen Beruf. Der frühere Kuhstall des Bauernhofes wurde zur Werkstatt ausgebaut, wo der Kleinkrausniker seit dem Jahre 2014 sein Gewerbe betreibt.
  „Ein idealer Standort“, schätzt Steffen Noack an dem kleinen Dorf am Rande des Elbe-Elster-Kreises – und weitab von jeder Industrie. „Hier ist es in der Nacht noch stockdunkel, hier stört kein Licht und nur wenig Dunst bei der Himmelsbeobachtung. Das ist inzwischen ganz selten geworden in Deutschland und müsste eigentlich als Weltkulturerbe aufgenommen werden“, sagt Steffen Noack – und regt an: „Kleinkrausnik könnte so eine wichtige Adresse für alle Hobbyastronomen werden.“ Dazu will er jetzt, wo er genug Arbeit für seinen Broterwerb hat, einen Beitrag leisten: Im großen Garten hinter der Werkstatt, wo er so mache sternenklare Nacht verbringt, seine Teleskope ausprobiert, mit einer Spezialkamera auch Fotos macht, soll bald eine kleine stationäre Sternwarte entstehen, in der Interessenten in den Himmel gucken können. 
Von hier aus kann Steffen Noack sechs bis sieben Milliarden Lichtjahre entfernte Galaxien beobachten oder die großen Krater des Mondes, „der vergleichsweise zu Greifen nah ist“, mit dem Fernrohr nach Kleinkrausnik holen.

Dass es irgendwo im weiten Universum weiteres Leben ist, „davon bin ich 1000prozentig überzeugt“, sagt Steffen Noack. An der Außenhaut der ISS-Raumstation habe man kürzlich Bakterien gefunden, die zweifelsfrei nicht von der Erde stammten. Lebewesen habe er im Weltall zwar noch nicht beobachten können, dafür aber andere außerirdische Flugkörper, die durch unser Sonnensystem treiben. „Immer wieder werden wir von Nachrichten über nahende Asteroide oder Meteoriten aufgeschreckt“, sagt der Hobbyastronom. Und er erzählt von der riesigen Tunguska-Explosion, bei der am 30. Juni 1908 ein vermutlich gewaltiger, bis zu 60 Meter großer Asteroid in Sibirien im Gebiet von Krasnojarsk einschlug und eine Fläche mehr als 60 Kilometer im Umkreis verwüstet hat.
Frage an den fachkundigen Hobbyastronomen von Kleinkrausnik: Kann sich solch eine Katastrophe wiederholen? „Die Gefahr ist real“, sagt Steffen Noack. Er kann zumindest, im Fall der Fälle, mit seinen Fernrohren der Gefahr tief ins Auge blicken.

Die Dreiecksgalaxie im Sternbild Dreieck ist etwa 2,7 Millionen Lichtjahre entfernt. Die Belichtungszeit betrug 60 Minuten.
Die Dreiecksgalaxie im Sternbild Dreieck ist etwa 2,7 Millionen Lichtjahre entfernt. Die Belichtungszeit betrug 60 Minuten. FOTO: Steffen Noack