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| 11:35 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
Keine müßige Leserei in unsittlichen Büchern

Könnte in der Finsterwalder Leihbibliothek gestanden haben: Weimarisches Taschenbuch, 1823, Frontispiz.
Könnte in der Finsterwalder Leihbibliothek gestanden haben: Weimarisches Taschenbuch, 1823, Frontispiz. FOTO: Rainer Ernst
Finsterwalde. Wie sich Leihbibliotheken in der Stadt Finsterwalde etabliert haben. Von Rainer Ernst

Der Theaterdirektor in Goethes „Faust“ urteilte recht abwertend über sein Publikum: Es habe zwar „schrecklich viel gelesen“, aber „an das Beste“ sei es trotz der großen Mengen konsumierter Literatur nicht gewöhnt. Damit führt uns der Dichterfürst zu der Frage, woher die Leute ihren Lesestoff nahmen. Bücher waren ein teures Luxusgut.

Am Ende des 18. Jahrhunderts und bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden in Deutschland zahlreiche Leihbibliotheken; zunächst in den größeren Metropolen (Dresden 1777,  Leipzig 1780), dann aber auch in den kleineren Städten. Im Jahr 1852 gab es im Regierungsbezirk Frankfurt (Oder) immerhin schon 31 dieser Einrichtungen.

Illustration zu Claurens Lustspiel „Das Gasthaus zur Goldnen Sonne".
Illustration zu Claurens Lustspiel „Das Gasthaus zur Goldnen Sonne". FOTO: Sänger- und Kaufmannsmuseum Fins / Rainer Ernst

Leihbibliotheken unterlagen der strengen Aufsicht des Staates. Die Zensurbehörde achtete mit Argusaugen darauf, dass nicht etwa Bücher, die für „Religion, Sittlichkeit, Anstand und bürgerliche Ordnung anstößig“ wären oder gar die „Ehrerbietung gegen den Regenten und die Achtung vor der Staatsverfassung verletzen“, ungehindert in die Öffentlichkeit gelangten.

Solche Befürchtungen hegten die preußischen Staatsbeamten auch vor der Genehmigung für die Eröffnung einer Leihbücherei in Finsterwalde. Bürgermeister Junker jedoch sah keine Gefahr, dass „durch diese Leihbibliothek eine müßige Leserei herbei geführt und unsittliche Bücher herbei geschafft würden“. Er vertraute wohl auch dem Antragsteller und künftigen Betreiber der Bibliothek, dem Buchbinder Gottlob Lehmann, der sich bisher „gut und sittlich aufgeführt“ habe, „ein belesener Mann und des Schreibens und Rechnens kundig“ sei und sich „in seiner 3jährigen Militärzeit gut geführt“ habe. Bevor sich die Regierungsbeamten zur Eröffnungsgenehmigung durchrangen, studierten sie noch sehr genau die Liste der Bücher, die Lehmann zur Leihe anbieten wollte. Die Übersicht der insgesamt 435 bibliografischen Einheiten gliederte sich in Reisebeschreibungen und Biographien (unter anderem Forster „Tagebuch einer Entdeckungsreise nach der Südsee“), Theatralische Schriften, Lustspiele, Trauerspiele, Monatsschriften, Romane und Erzählungen, Ritter-, Geister- und Räubergeschichten (unter anderem Rinaldo Rinaldini). Das Autorenverzeichnis enthält neben einigen heute längst vergessenen Schriftstellern, die Namen von Lessing, Knigge, Kleist, de la Motte Fouqué, Kotzebue, Vulpius oder Iffland.

Legen wir die Zahl der Autorennennungen zugrunde, so war Heinrich Clauren mit 24 Eintragungen der erfolgreichste Schriftsteller. Das freut natürlich den Regionalhistoriker, denn Clauren, der im bürgerlichen Leben Carl Heun hieß, wurde 1771 im Schloss Doberlug geboren. Darüber hinaus finden sich mit E. v. Houwald, C. W. Salice-Contessa und dem unter dem Pseudonym „Der Verstorbene“ schreibenden Fürsten Pückler noch weitere Autoren, die mit der Niederlausitz eng verbundenen waren. Auffällig ist allerdings das gänzliche Fehlen der Heroen unserer deutschen Nationalliteratur: Goethe, Schiller oder Herder.

Die Zensurbehörden sahen nun offenbar keinen Grund mehr, G. Lehmann die Genehmigung zum Betreiben einer Leihbücherei zu verweigern. Im August 1836 öffnete sie ihre Pforten. Leider erfahren wir aus den Archivunterlagen nicht, wo sich ihr Standort befand, wer zum Leserkreis gehörte oder welche Leihgebühren zu entrichten waren. Der wirtschaftliche Erfolg blieb Lehmann verwehrt, bald geriet sein kleines Unternehmen in Insolvenz.

Die Finsterwalder mussten jedoch nicht auf ihre geliebte Lektüre verzichten. Schon bald offerierten andere Leihbüchereien ihr Angebot. Bis 1867 sind sechs solcher Einrichtungen nachweisbar. Als dann schließlich 1898 der Handwerkerverein seine reichen Buch- und Zeitschriftenbestände allen Bürgern zur Nutzung anbot, hatten sich kommerzielle Leihbibliotheken in Finsterwalde endgültig überlebt.

Zitate aus: Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam, Pr.Br.Rep 3B, Regierung Frankfurt/Oder, I, Polizei, Nr. 790. Ausführlich wurde das Thema im „Speicher“, H. 2 behandelt