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Kein Krieg, kein Fest und dem König tut der Arsch weh

Bad Liebenwerda. Zwei Höhepunkte sorgten für Glanz bei der ,,Langen Nacht des Puppenspiels" im Bad Liebenwerdaer Bürgerhaus. jgw1

Rike Schubert zauberte am Sonnabend mit Gesang, Spiel und Puppentheater die Geschichte von ,,Paul und Paula" nach dem Roman von Plenzdorf und Carows Defa-Klassiker auf die Bühne und Heike Klockmeier die immer noch aktuelle Moliere-Komödie ,,Der eingebildete Kranke" als Marionettentheater.

,,Ich bin Paula und warte auf Paul!" Die junge Mutter will alles oder nichts. Alles ist Paul und das Kind von ihm, obwohl es ihr Leben kosten wird. Mit großer Intensität und Präsenz zeigt Rike Schubert von ,,theaterkosmos 53" aus Berlin eine gelungene Adaption des Romans und Kultfilms in der Regie von Tilla Kratochwill als einstündiger Fassung. Mit kraftvoller Stimme und Gitarrensound lässt sie ihren Drachen steigen und spielt überzeugend den Zauber bedingungsloser Liebe. Auch wenn Paul nur als aufgepapptes Foto vorkommt, ist er durch das suggestive Spiel von Rike Schubert präsent. Der überwiegende Teil des Publikums im Bürgerhaus kennt den Roman oder Film und folgt jedem Satz und jeder Szene vorausschauend genüsslich. Auf der Bühne wird der Kühlschrank zum Hochhaus, zum Refugium der Liebe, zur Kaufhalle und zum Ort des Leidens. ,,Weil ich dich liebe, ein Leben lang", singt Paula-Rike und träumt vom Eintritt ins Paradies: Die Legende lebt, auch Paulas Tod kann sie nicht zerstören. Geschickt bezieht die Darstellerin die kleinen Handpuppen als ihre Kinder ins Spiel ein und schmettert den Autohändler Saft, der um sie mit sozialistischer Kleinbürgerlichkeit wirbt, als monströs-hässliche Puppe ab. Dieser Mix aus Theater, Puppenspiel und Live-Musik von Rike Schubert dürfte Montagabend in der Museumsscheune Uebigau die Besucher ebenfalls begeistern.

Nachdem in der Pause die beiden Spieler von Fidlfadn aus Wien auf ihren selbst gebauten mittelalterlichen Musikinstrumenten das Publikum mit frühenglischer Musik und Anke Gierth mit ihrem Flohzirkus an den Tischen unterhalten hatten, sorgte Heike Klockmeier vom Hamburger Ambrella-Theater für tolle Marionetten- und Schauspielkunst. Eingebildete Kranke kennen wir alle. Aber der französische Dichter Jean Baptiste Moliere, eigentlich Poqueline, hat in seiner Komödie aus dem 17. Jahrhundert ein besonderes Exemplar aufgespießt und gleichzeitig Scharlatane, Ärzte und Betrüger mit entlarvt. Das alles ist verblüffend aktuell, merken die Besucher amüsiert, zumal dies in der Inszenierung des ,,Ambrella-Theaters" durch die ,,Regie" von ganz oben durch Kasper und Gretel karikierend auf die Spitze getrieben wird. Sie wollen Ludwig XIV., dem stinkenden Sonnenkönig, helfen. Der hat Langeweile, ,,es gibt keinen Krieg, keine Feste und der Arsch tut mir weh". Also gibt es überdimensionale Klistiere und der leidende Moliere denkt sich das Spiel um den eingebildeten Kranken aus. Solistisch beherrscht Klockmeier temporeich die verschiedenen großen und kleinen, phantasievoll gebauten Marionetten, bringt deren skurrilen Humor zur Geltung und sich selbst als Spielerin temperamentvoll ein. Bei ihrem Spiel lebt Marionettentheater auf hohem Niveau. Neben einer geschlossenen Veranstaltung ist ,,Der eingebildete Kranke" noch einmal am Freitag um 20 Uhr bei der Zobel & Co GmbH in Doberlug-Kirchhain zu erleben. Unbedingt anschauen!