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| 01:00 Uhr

Käfer-Alarm im Hamburger Hafen

Finsterwalde.. „Herrliches Bauwetter“ , freut sich Manfred Witte, der Geschäftsführer von der Landschafts- und Tiefbau GmbH in Lu ckau. Bis weit in den November hinein hat seine Mannschaft nicht in jedem Jahr auf den Baustellen arbeiten können. So geht es auf dem Finsterwalder Marktplatz zügig voran. Lediglich für ein paar Tage mussten die Pflasterarbeiten eingestellt werden. Der Grund: Es fehlte der Nachschub für die Steine. Die lagen noch im Hamburger Hafen – in Quarantäne. Kreuzgefährliche Tierchen hatten sich als „blinde Passagiere“ aufs Schiff geschlichen – die in Finsterwalde zu den ungebetenen Gästen gehören. Von Dieter Babbe

Die neuen Pflastersteine für den Markplatz kommen aus China. Sie werden in großen Steinbrüchen „geerntet“ , bearbeitet, in Holzpaletten gestapelt und dann verschifft. „Dabei besteht die große Gefahr, dass der Asiatische Laubholzbockkäfer nach Deutschland eingeschleppt wird“ , kennt Manfred Lehmann vom Pflanzenschutzdienst in Frankfurt/Oder das Problem.

Gefräßige Larven
Die Tierchen, die als Larven immerhin bis zu fünf Zentimeter lang werden können, haben Riesenappetit auf Holz, auf das von Laubbäumen vor allem. Sie fressen Rinde, Blätter und graben bis zu drei Zentimeter große Löcher durch Stämme und dicke Äste. „In Asien, dort vor allem in China, Korea und Japan, haben die gefräßigen Tiere Gegenspieler, von denen sie aufgefressen werden. In Europa kennt der Laubholzbockkäfer keine Feinde. Er ist 2001 erstmals in Europa und in österreichischen Wäldern aufgetaucht. Inzwischen hat er auch in Deutschland, in Bayern und Nordrhein-Westfalen vor allem, verheerende Schäden angerichtet: Ganze Wälder mussten schon abgeholzt werden“ , weiß Manfred Lehmann.
Der Käfer aus Asien fehlt uns gerade noch - als ob wir nicht schon genug eigene Wald- und Baumschädlinge hätten. So werden die Tierchen bei der Einfuhr in Containern mit Gas abgetötet. Damit sind in den mit Steinen gefüllten Holzpaletten auf dem Finsterwalder Marktplatz nur noch die Löcher zu sehen - einen Käfer oder eine Larve haben Wittes Bauleute bisher Gott sei Dank noch nicht entdecken können.
Warum überhaupt Steine aus dem fernen China bezogen werden, und nicht aus Polen oder Schweden, wie die Luckauer Firma sie zum Beispiel auf dem Cottbuser Altmarkt verlegt hat, weiß Ralph Meißner vom Berliner Architekturbüro Thomanek & Duquesnoy, das für den Finsterwalder Markt das Projekt erarbeitete. „China importiert sehr viele und zunehmend mehr Güter, auch aus Europa und Deutschland. Und damit die Schiffe nicht leer zurückfahren müssen, verkaufen die Chinesen ihre Steine zu Spottpreisen.
Die sind - trotz der langen Transportwege - fast um die Hälfte billiger als polnische, aber dennoch in bester Qualität“ , weiß Ralph Meißner: Bei 355 000 Steinen, die für den Finsterwalder Marktplatz, den Topfmarkt und rund um die Kirche gebraucht werden, rechnet sich das. „Kinder oder Häftlinge, wie manchmal berichtet wird, arbeiten nicht in den chinesischen Steinbrüchen, aus denen unsere Steine kommen - das haben wir überprüft“ , versichert der zuständige Architekt.
Inzwischen geht bei den Pflasterarbeiten auf dem Markt auch wieder alles seinen zügigen Gang: Es sind genug Steine da - auch das Wetter wird in den nächsten Tagen weiter mitspielen, hofft der Firmenchef. „Wenn es so bleibt wie es ist, schaffen wir es, die Ostseite vor den Geschäften bis zum 21. Dezember glatt zu kriegen - doch das ist blanke Theorie“ , geht Manfred Witte davon aus: „Wenn wir Nachtfröste von drei bis vier Grad haben, am Tage es nicht wärmer wird als plus ein Grad und der Boden somit nicht mehr auftaut, dann ist Schluss auf dem Bau.“

Immer wieder Überraschungen
Aber nicht nur das Wetter kann bei Tiefbauarbeiten in die Quere kommen. „Es gibt beim Buddeln im Boden immer wieder Überraschungen“ , ist Manfred Wittes Erfahrung - und erzählt von einer: Bei den Schachtarbeiten an der Häuserzeile stellten die Bauleute plötzlich fest, was in keiner Karte stand: Der Keller von Emunds Geschäftshaus reicht mehr als einen halben Meter weit in den Gehweg hinein. „Das ist damals so gebaut worden, damit die Kohle leicht in den Keller rutschen konnte“ , vermutet der Mann vom Bau.
Geschäftsführer Witte ist zuversichtlich, dass der Zeitplan eingehalten werden kann. Im Frühjahr soll es mit der Marktinsel weitergehen, dann mit dem Topfmarkt hinter dem Rathaus, zum Schluss kommt das Stückchen Schlossstraße bis zu Habermanns Haus dran.
Der Luckauer kennt den Termin vom großen Stadtfest: „Wir wollen nicht erst drei Minuten vor der Angst, sondern schon im Juli nächsten Jahres mit allem fix und fertig sein.“
Das letzte August-Wochenende hat sich Manfred Witte längst in seinem Terminkalender vorgemerkt: „Beim Sängerfest bin ich in Finsterwalde - zum Feiern natürlich, dann will ich keine Baustelle mehr sehen.“ Und einen Asiatischen Laubholzbockkäfer hoffentlich auch nicht.