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| 16:48 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
(K)eine zweite Apotheke für Finsterwalde

Spielzeug-Apotheke, Dauerleihgabe von Herrn Lichan, dem letzten Betreiber der Schloss-Apotheke, an das Sänger- und Kaufmannsmuseum Finsterwalde.
Spielzeug-Apotheke, Dauerleihgabe von Herrn Lichan, dem letzten Betreiber der Schloss-Apotheke, an das Sänger- und Kaufmannsmuseum Finsterwalde. FOTO: Rainer Ernst
Finsterwalde. Warum die Löwen-Apotheke lange konkurrenzlos blieb und welche Argumente dafür angeführt wurden. Von Rainer Ernst

Die Besitzerin der Finsterwalder „Apotheke zum Goltnen Löwen“, die Witwe Christiane Elisabeth Tzschierig, sorgte sich 1814 um die wirtschaftlichen Grundlagen ihres kleinen Unternehmens. Sie befürchtete nämlich die Niederlassung eines zweiten Apothekers in der Stadt. Natürlich wollte sie das verhindern und prognostizierte, dass „schliesslich in dem kleinen Orte keiner von beiden bestehen könne“. Ein Privileg, das die lokale Exklusivität der Löwen-Apotheke festschrieb, konnte sie im Gegensatz zu Amtskollegen in Doberlug, Kirchhain und Sonnewalde nicht nachweisen. Deshalb bat sie die Regierungsbehörden in Dresden, dieses Dokument im kurfürstlichen Archiv suchen zu lassen oder ein neues Privileg, wonach „außer der bestehenden keine andere Apotheke am Orte angelegt werden dürfe“, auszustellen. Jedoch – die sächsischen Amtsbediensteten konnten diesen Wunsch nicht erfüllen. Zum einen ließ sich ein Privileg in der Aktenüberlieferung nicht finden, was wohl dafür spricht, dass die Finsterwalder Apotheke in kursächsischer Zeit ein derartiges Vorrecht überhaupt nicht besaß. Zum anderen durften die Dresdner Beamten eine solche Urkunde nicht mehr ausstellen, denn die Landesverwaltung unterstand am Ende des Jahres 1814 „infolge des Krieges bereits dem provisorischen Königlich Preussischen Generalgouvernement“.

Witwe Tzschierig hatte sich jedoch umsonst gesorgt. Bis 1856 –  Finsterwalde gehörte längst ganz offiziell zu Preußen – blieb der Löwen-Apotheke auch ohne Privileg lästige Konkurrenz erspart. Nun aber wurde es ernst: Der ausgebildete Apotheker Julius August Burdach beantragte am 16. Oktober jenes Jahres, hier eine zweite Apotheke eröffnen zu dürfen. Der damals 32-jährige Sohn des bereits verstorbenen Arztes Dr. Chr. A. Burdach begründete sein Gesuch mit der rasanten Entwicklung Finsterwaldes als Fabrikstadt, in der eine weitere derartige Einrichtung „nicht nur gerechtfertigt, sondern auch wünschenswerth“ sei.

Der Magistrat und insbesondere Bürgermeister Rehme standen dem Ansinnen sehr offen und positiv gegenüber. Allerdings zögerte das Stadtoberhaupt mit der Niederlassungserlaubnis und befragte den derzeitigen Betreiber der Löwen-Apotheke, Gustav Wilhelm Handke, wie es denn mit den Existenzbedingungen bestellt wäre. Handke, der die Apotheke samt „Vorräthen an Medicinalarzneistoffen und Materialwaren“ erst vor wenigen Wochen von der Witwe des Vorbesitzers Luckwaldt für 14 150 Taler gekauft hatte, war verständlicherweise nicht begeistert, gleich mit einem Nebenbuhler ringen zu müssen. Deshalb malte er in düsteren Farben, wonach das Apothekergeschäft hier „kaum seinen Mann ernährt“. Zwar gäbe es einen beträchtlichen Bevölkerungszuwachs, „allein ein sehr großer Theil der Einwohner gehört lediglich der unbemittelten arbeitenden Klasse an und fehlt es namentlich an Honoratioren, welche mehr wie andere das Bedürfnis haben, Arzneistoffe oder sonstige Gegenstände aus einer Apotheke zu beziehen. Seitdem ich hier das Geschäft als Apotheker übe, ist die Rezeptur nur eine sehr unbedeutende gewesen und sind täglich nicht mehr als zwischen 9 und 15 Rezepte vorgekommen.“ Falls Burdachs Antrag genehmigt werde, drohte er mit einer Entschädigungsforderung. Auch das von Rehme eingeholte Gutachten des königlichen Kreis-Physikus (Kreisarzt) erkannte „noch nicht“ die Notwendigkeit einer zweiten Apotheke.

So behielt die Löwen-Apotheke noch über ein halbes Jahrhundert ihr Monopol und ernährte ihren Mann wohl sehr gut. Ein späterer Apotheker, Adolphus Schulz, gab einen Teil seines Gewinns an die Stadt zurück. So schenkte er 1905 das Bauland für das neue Krankenhaus und spendete eine erhebliche Summe für die Einrichtung eines modernen Operationssaales. Erst am 3. April 1910 öffnete in der Berliner Straße mit der Schloss- eine zweite Apotheke in der Stadt ihre Pforten.

Die neue Apotheke in der Berliner Straße, Postkarte um 1912.
Die neue Apotheke in der Berliner Straße, Postkarte um 1912. FOTO: Rainer Ernst

J. A. Burdach übrigens hatte sich variabel und schnell auf die Ablehnung seines Gesuchs eingestellt. Er gründete im Süden der Stadt ein „Laboratorium chemisch-technischer Producte“ und bot als Unternehmer am 1. Dezember 1858 erstmals Palmitin-Seife eigener Erzeugung an.

Hauptquellen: Stadtarchiv Finsterwalde, Rep. 8, Nr. 002 und Kreisarchiv EE, Bestand Finsterwalde, Nr. 869