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In Tröbitz gerettet – und doch gestorben

Familie Oestreicher in besseren Tagen – bevor die Nazis auch nach Holland kamen. Tochter Helly (3. v.l.) besucht am Donnerstag die Gräber ihrer Mutter (3.v.r.) und ihres Vaters (r.) in Tröbitz. Beide haben nach ihrer Befreiung nur noch wenige Wochen gelebt.
Familie Oestreicher in besseren Tagen – bevor die Nazis auch nach Holland kamen. Tochter Helly (3. v.l.) besucht am Donnerstag die Gräber ihrer Mutter (3.v.r.) und ihres Vaters (r.) in Tröbitz. Beide haben nach ihrer Befreiung nur noch wenige Wochen gelebt. FOTO: privat
Tröbitz. Mehr als 550 jüdische Häftlinge sterben während der fast zweiwöchigen Irrfahrt vom KZ Bergen-Belsen durch Deutschland. Unter den etwa 2000 Überlebenden des "Verlorenen Transports”, die am 23. April 1945 in Tröbitz befreit werden, gehört die vierköpfige Familie Oestreicher. Doch die Eltern leben nur noch einige Wochen. Tochter Helly besucht nach 70 Jahren das Grab ihrer Eltern. Dieter Babbe

Im November 1943 werden Felix Hermann Oestreicher, seine Frau Gerda und ihre beiden Kinder Beate und Maria in das holländische Durchgangslager Westerbork und im März 1944 weiter in das KZ Bergen-Belsen deportiert. "Ich hatte Glück”, sagt Helly Oestreicher, die dritte Tochter. "Als die Lastwagen unsere Familie abgeholt haben, lag ich im Krankenhaus. Mein Vater, der Arzt war, hat bei mir Diphtherie angegeben, wegen der Ansteckungsgefahr wollte man mich noch nicht mitnehmen - dabei hatte ich eigentlich Asthma. Später wurde ich auf einem Bauernhof im Osten Hollands den Krieg über versteckt”, berichtet die heute 79-jährige Helly.

" . . . dass wir Gespenster sind"

Und sie erzählt von den Eltern, die sie nach ihrem Abtransport nicht mehr wiedersehen sollte. Sie waren zusammen mit ihren beiden Schwestern im "Verlorenen Transport”, der in Tröbitz von der Sowjetarmee befreit wurde. "Als wir aus dem Zug stiegen, müssen die Bewohner gedacht haben, dass wir Gespenster sind, so ausgehungert waren wir. In Tröbitz gehörte das Sterben zum täglichen Leben dazu”, erinnern sich die Schwestern später. Zusammen mit ihren Erinnerungen hat Maria das Tagebuch des Vaters, in dem er die qualvollen Zustände im KZ und im Zug beschrieben hat, veröffentlicht. Während beide Töchter nach eineinhalb Monaten nach Holland zurückkehren konnten, mussten sie ihre Eltern in Tröbitz zurücklassen. "Unsere Mutter starb hier am 31. Mai 1945 an Flecktyphus, unser Vater folgte ihr nur Tage später am 9. Juni”, erzählt Helly Oestreicher.

Bereits 1994 besuchte sie mit ihrer Schwester Beate das erste Mal Tröbitz. "Ganz überrascht waren wir, als wir unsere Eltern nicht wie vermutet in einem Massengrab, sondern in zwei Einzelgräbern auf dem jüdischen Friedhof vorfanden, der sehr gepflegt war”, würdigt Helly, die inzwischen einzige noch lebende Oestreicher, die Tröbitzer. Wenn sie am Donnerstag mit ihrem Mann zur Gedenkveranstaltung ins Dorf kommt, wird sie ein altes Bild der Familie auf einer der neu aufgestellten Stelen wiederfinden, die auch an das tragische Schicksal ihrer Eltern erinnern.

Erstes Treffen mit Erika Arlt

Dann wird Helly Oestreicher zum ersten Mal mit jener Tröbitzerin zusammentreffen, von der der Historiker Ralph Gabriel, der die neuen Open-Air-Ausstellung gestaltet hat, voller Hochachtung sagt: "Ohne diese Frau hätte es die Ausstellung so nicht gegeben.” Seit den 70er Jahren beschäftigt sich Erika Arlt mit der Geschichte des "Verlorenen Transportes”- anfangs noch zusammen mit ihrem Mann Richard, der in der Nazizeit als Antifaschist wegen "Vorbereitung zum Hochverrat” zweieinhalb Jahre hinter Gittern zubringen musste. "Wir fühlten uns moralisch verpflichtet, das Schicksal der Juden in Tröbitz zu erforschen”, sagt die heute 89-Jährige. Über unzählige Kontakte mit Überlebenden, Angehörigen und Zeitzeugen sowie durch aufwendige Recherchen hat sie die Geschichte des Zuges und der vielen Toten sowie die Ereignisse in Tröbitz erforscht, das Massengrab in Langennaundorf entdeckt - und vor wenigen Tagen erst erfahren: "Hätte der Zug nur sechs Stunden länger in Lübbenau auf dem Bahnhof gestanden, wäre er schon vier Tage zuvor von der Roten Armee befreit worden - und es hätten noch mehr Menschen überlebt."

Aus aller Welt bekommt Erika Arlt dieser Tage Post und Anrufe von Juden, die ihr Kommen am Donnerstag in Tröbitz ankündigen. Ganz besorgt hat Helly Oestreicher angefragt, ob in Tröbitz ein Asylbewerberheim brannte - sie hatte es mit Tröglitz verwechselt. Doch dass es in Deutschland und Europa schon wieder diesen Fremdenhass gibt, empfindet die Jüdin Helly Oestreicher als "erschreckend".