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"In Finsterwalde bahnt sich ein Drama an"

Weil im Krankenhaus Frauenärzte fehlten, musste die gynäkologische und geburtshilfliche Station geschlossen werden. Mit dem Ausscheiden von MR Dr. Arnulf Sallach werden viele Eltern in Finsterwalde keinen Kinderarzt mehr finden. Edelgard Knispel von der Kinderarztpraxis Guse / Knispel schlägt Alarm. Mit EDELGARD KNISPEL sprach Dieter Babbe


Es gibt jetzt drei ambulant praktizierende Kinderärzte in Finsterwalde. Wie würden Sie die kinderärztliche Versorgung für die Stadt und Region einschätzen?
Gegenwärtig noch gerade so ausreichend. Wobei wir in unserer Gemeinschaftspraxis schon jetzt im Quartal etwa 400 Kinder behandeln, als der vorgegebene Durchschnittswert beträgt. Wenn Dr. Sallach ab Oktober dann nicht mehr praktiziert, können sehr viele kranke Kinder in Finsterwalde nicht mehr behandelt werden – wir können die jungen Patienten nicht mehr übernehmen.

Wen trifft das besonders hart?
Vor allem die kleineren Kinder. Während die Großen in den meisten Fällen beim Hausarzt ihrer Eltern betreut werden, wo hier jetzt schon mitunter lange Wartezeiten sind, müssen die Eltern kleiner Kinder künftig weitere Wege in Kauf nehmen. Das ist gerade für kleine kranke Kinder ein Problem.

Wo praktizieren die nächsten Kinderärzte?
Zwei in Herzberg, die aber auch keine neuen Patienten mehr annehmen, wie ich weiß. Es gibt weitere Kinderärzte in Falkenberg, Bad Liebenwerda, Großräschen, Lauchhammer, Senftenberg, die meist ebenfalls überlastet sind. Die Kinderärzte in Cottbus haben noch freie Kapazitäten. Doch fast alle Kinderärzte sind in meinem Alter und scheiden spätestens in zehn Jahren aus. Dann entsteht in unserer Region eine riesige Versorgungslücke. Ein Drama bahnt sich an.

Kann man das noch verhindern?
Die Kassenärztliche Vereinigung weiß von dem Finsterwalder Problem, das sich bereits ab Oktober zuspitzt, falls Dr. Sallach keinen Nachfolger findet – und danach sieht es aus. Es will kein ausgebildeter Arzt in unsere Region. Und eben hier muss der Staat eingreifen. Es ist doch zumutbar, dass ein Kinder-, aber auch jeder andere medizinische Absolvent nach seinem Studium für zwei Jahre dorthin geht, wo die Gesellschaft ihn dringend braucht, weil es einen personellen Engpass gibt und die Versorgung nicht mehr gesichert ist. Der bzw. die eine oder andere wird in der Zeit Wurzeln schlagen und möglicherweise in der Region bleiben.

Ist es wirklich nur die Region, die Ärzte vergrault?
Auch, aber nicht nur. Der Beruf wird immer weniger attraktiv. Das fängt schon bei der Ausbildung an, die Bedingungen werden schlechter, der Arbeitsdruck wird größer. Die Arbeitsbelastung wächst immer mehr, mancher Arzt könnte für zwei arbeiten. Außerdem ersticken wir im Papierkram, was uns von unserer eigentlichen Arbeit abhält.

Sie sind FDP-Stadtverordnete und könnten im Schloss die Alarmglocken läuten.
Das werde ich auch tun. Den Bürgermeister habe ich über die bevorstehende kritische Situation in der kinderärztlichen Versorgung informiert. Die Stadt kann die Sache nicht dem Selbstlauf überlassen, sie muss um Kinderärzte werben. Wir müssen sie einladen, ihnen eine schöne Wohnung oder ein Haus anbieten, möglicherweise dem Ehepartner Arbeit beschaffen – so etwas machen andere Städte auch. Ich werde das Problem in einer der nächsten Stadtverordnetensitzungen thematisieren. Einen Hilferuf habe ich an Bundeskanzlerin Angela Merkel gerichtet.

Doch den Eltern kranker Kinder läuft die Zeit davon . . .
Sie wie die gesamte Öffentlichkeit kann ich nur auffordern: Protestieren Sie lautstark, gehen Sie auf die Straße, wie kürzlich die Bauern, machen Sie die große Politik auf die Misere bei uns aufmerksam. Der Notstand hier ist kein Einzelfall, aber er gerät eben erst ins Rollen und ist noch zu stoppen. Sollte es in der reichen BRD nicht möglich sein, was die DDR – wenn auch auf einem anderen technischen Niveau – bis zum wohlverdienten Untergang garantiert hat: patientennahe Grundversorgung für alle!