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Im Gedenken an die Befreiung vom Nationalsozialismus

Im ehemaligen KZ Sachsenhausen: Gästeführer Frederic Bonnesoeur mit Michel Ringenbach, Monique Dutriaux, Jean-Pierre Bosino, Karin Linnard und Benjamin Benoist (v. l.)
Im ehemaligen KZ Sachsenhausen: Gästeführer Frederic Bonnesoeur mit Michel Ringenbach, Monique Dutriaux, Jean-Pierre Bosino, Karin Linnard und Benjamin Benoist (v. l.) FOTO: jgw1
Finsterwalde. Innerhalb der Partnerschaftsbeziehungen zwischen Finsterwalde und dem französischen Montataire ist in den Jahren eine enge Freundschaft gewachsen. Gegenseitige Besuche aus Anlass der beiden großen Weltkriegskatastrophen im 20. Jahrhundert zur weiteren Aussöhnung zwischen beiden Nationen belegen das. Jürgen Weser/jgw1

Im November 2014 weilte eine Finsterwalder Delegation mit Bürgermeister Jörg Gampe aus Anlass des 100. Jahrestages des Beginns des Ersten Weltkrieges in der Partnerstadt und besuchte ehemalige Kriegsschauplätze und Soldatenfriedhöfe.

Aus Anlass der Befreiung von Finsterwalde vom Nationalsozialismus am 21. April 1945 besuchte nun eine Frendschaftsdelegation mit Bürgermeister Jean-Pierre Bosino zum wiederholten Mal die Partnerstadt Finsterwalde. Neben der offiziellen Gedenkveranstaltung am 21. April am sowjetischen Ehrenmal war tags zuvor der Besuch des Konzen trationslagers Sachsenhausen in Oranienburg Höhepunkt der Besuchstage für die sieben französischen Gäste gemeinsam mit Bürgern, Abgeordneten und offiziellen Vertretern der Stadt Finsterwalde. Zuvor hatten sie am Wochenende das Finsterwalder Kammermusikfestival verfolgt und in einer Veranstaltung erlebt, wie sich Schüler des Finsterwalder Sängerstadt-Gymnasiums im Rahmen des bundesweiten Geschichtswettbewerbs mit Krieg, Flucht und Vertreibung auseinandergesetzt haben.

In Sachsenhausen erlebten die französischen Gäste eine emotionale Führung durch die 1936 eröffnete und als idealtypisches KZ konzipierte Anlage. Aus Finsterwalder Sicht ist das KZ besonders in Erinnerung, weil der jüdische Kaufhausbesitzer Emil Galliner und sein Sohn sowie der jüdische Textilwarenhändler Leo Haensch 1938 kurzzeitig nach Sachsenhausen verschleppt worden waren, um ihnen ihren Besitz für einen Schleuderpreis abzupressen. Mehrjährig erlitt der Antifaschist Karl Schmellentin die KZ-Leiden. In Sachsenhausen Kommunist geworden, war er von Herbst 1945 bis 1949 Bürgermeister von Finsterwalde.

Erschüttert zeigten sich die französischen Gäste von Größe und Schreckensgeschichte der Anlage. In Compiégne, 35 Kilometer von Montataire entfernt, so Michel Ringenbach als Vorsitzender des Partnerschaftsvereins, gibt es eine kleinere Gedenkstätte. Dort steht auch der berühmte Eisenbahn-Salonwagen, in dem 1918 der ,,erste Waffenstillstand" zwischen Frankreich und Deutschland sowie 1940 nach Besetzung durch Hitler-Truppen der ,,zweite Waffenstillstand" unterzeichnet worden war. Für Benjamin Benoist war der erste Besuch einer ehemaligen KZ-Anlage in Deutschland ein erschütterndes Erlebnis. Der Zufall wollte, dass mit Fréderic Bonnesoeur ein Mitarbeiter der Gedenkstätte Sachsenhausen mit familiären Wurzeln unweit von Montataire die Führung durchführte.

Beeindruckt, so Bürgermeister Jean-Pierre Bosino, sei er im Finsterwalder Sängerstadt-Gymnasium gewesen, als Schüler Forschungsarbeiten zu Inhaftierung, Besetzung, Flucht und Vertreibung auf der Grundlage von Zeitzeugenbefragungen vorgestellt hatten. ,,Das haben die Elftklässler ganz toll und souverän gemacht", urteilten auch die Finsterwalder Abgeordneten Hannelore Elmer (SPD) und Udo Linde (Linke).

Schon im September wird der Partnerschaftsverein Montataire wieder Finsterwalde besuchen. Die französischen Pilzfreunde kommen dann mit Vorfreude auf Wohlgeschmack.