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| 08:37 Uhr

‚Ich gehöre zur aussterbenden Zunft'

Schäfer Torsten Mletzko: "Ich bin 365 Tage im Jahr bei meinen Tieren – und auch über die Osterfeiertage."
Schäfer Torsten Mletzko: "Ich bin 365 Tage im Jahr bei meinen Tieren – und auch über die Osterfeiertage." FOTO: Dieter Babbe
Finsterwalde. Sommer wie Winter, Weihnachten wie Ostern – Torsten Mletzko ist immer bei seinen Schafen. "Ohne Herzblut für die Tiere kann man die Arbeit nicht machen", sagt der Finsterwalder, der kaum Urlaub und keine freien Wochenenden kennt – und behauptet: "Ich habe den ältesten Beruf und gehöre zu einer aussterbenden Zunft an. In ein paar Jahren gibt es keine Schäfer mehr." Dieter Babbe

. Gerade in diesen Tagen muss Schäfer Mletzko besonders wachsam sein. Mehr als die Hälfte seiner 400-köpfigen Mutterherde mit Schwarzköpfen hat bereits gelammt. "Das passiert oft in Minutenschnelle, manchmal dauert es aber auch eine halbe Stunde und länger. Gut ist, wenn Kopf und Vorderbeine rausgucken - schlecht, wenn nur der Kopf oder nur die Beine zu sehen sind. Dann ist man Hebamme und Tierarzt zugleich. Doch das passiert bei 100 Geburten einmal", erzählt Torsten Mletzko (48) - der vor 32 Jahren in Thüringen Schäfer gelernt und 2008 nach Finsterwalde zur Schäferei Nesges gekommen ist, die in den alten Hangars auf dem Lausitz-Flugplatz Hunderte Schafe hat.

Die Tiere werden insbesondere wegen der schmackhaften Lämmer gehalten. "Im August sind sie 35 bis 40 Kilo schwer, dann gehen sie in die Gaststätten nach Berlin und ganz Deutschland, vor allem in die türkischen", weiß Torsten Mletzko. Die Wolle der Schafe, die unlängst erst geschoren wurden, ist eher Nebensache - sie wird in Deutschland nicht mehr gebraucht. "Die Chinesen haben die alte Wollkämmerei in Leipzig aufgekauft und dicht gemacht. Jetzt geht unsere Wolle nach China und kommt als billige Kleidung zurück", erklärt der Schäfer.

Ungewöhnlich viele Zwillinge, aber auch schon sechs Drillinge hat Torsten Mletzko in diesem Frühjahr auf die Welt geholfen. "Ein Zeichen, dass die Muttertiere gut gebockt haben, also fruchtbar sind", erklärt der Schäfer, "das hängt mit dem milden Winter und dem guten Futter zusammen." Bei Mehrlingsgeburten muss der Schäfer sich auch um die Kinderstube kümmern "Das Euter der Schafe hat nur zwei Zitzen. Damit die Zicklein satt werden, bekommen sie eine Ziege als Amme. Ich will, dass möglichst jedes Jungtier durchkommt."

Unterstützt wird der Schäfer bei seiner Arbeit von Herta, der schwarzen Hütehündin, die darüber wacht, dass die Schafe nicht ausreißen. Die kläffenden angeleinten Türkischen Kangals kommen erst in der Nacht zum Einsatz. Die musste sich die Schäferei anschaffen, seit Wölfe die Gegend durchstreifen und Torsten Mletzko bei Saalhausen die ersten zehn Tiere verloren hat. "Diese Herdenschutzhunde verteidigen die Schafe und greifen alles an, was sich ihnen nähert - auch Menschen", warnt der Schäfer vor ungebetenen Besuchern.

Ob es der Wolf, ein Hund oder Wild war, was einmal die Herde erschreckt hat, weiß Torsten Mletzko nicht - und erzählt von einem schlimmen Vorfall. "Die Tiere sind in der Nacht von der Koppel ausgerissen und über die Bahngleise der Strecke Senftenberg-Großräschen gerannt. Der Zug ist mitten in die Herde reingefahren, dabei kamen 30 Schafe ums Leben."

Das Weiderevier von Torsten Mletzko geht bis Großräschen, Freienhufen, zum Ilse-See, im Winter hütet er bei Langengrassau - und über Ostern steht seine Herde auf den weiten Wiesen rund um den Lausitz-Flugplatz. Wer hier mal bei einem Spaziergang mit einem der letzten Schäfer plaudern, Osterlämmchen bewundern und mit etwas Glück eine Geburt beobachten möchte - Torsten Mletzko ist, so lange es hell ist, bei der Herde zu finden. Die Zufahrt: Von Finsterwalde kommend in Schacksdorf gleich hinter der Gaststätte rechts abbiegen.