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| 11:26 Uhr

Neue Chance
„Ich fühle mich angekommen“

 Helfried Brauer hat beim Kirchenkreis Niederlausitz eine Vertretungsstelle als Kirchenmusiker bekommen. Für ihn ist es sein Traumjob.
Helfried Brauer hat beim Kirchenkreis Niederlausitz eine Vertretungsstelle als Kirchenmusiker bekommen. Für ihn ist es sein Traumjob. FOTO: Heike Lehmann
Doberlug-Kirchhain. Die Musik hat im Leben von Helfried Brauer seit jeher eine große Rolle gespielt. Jetzt hat er sie zum Beruf gemacht und setzt sich dafür mit 53 Jahren noch einmal auf die Schulbank. Von Heike Lehmann

Mit 53 Jahren beruflich komplett umzuschwenken, ist das eine, sich dafür aber über zwei Jahre im C-Seminar, Fachbereich Chorleitung, in Berlin, auf die Schulbank zu setzen, um den Abschluss zu erlangen, nötigt Respekt ab. Helfried Brauer hat sich bislang um die Rinder der Agrargenossenschaft Oppelhain gekümmert. Seit dem 1. Oktober ist er Kirchenmusiker – vertretungsweise, aber mit Festanstellung. Helfried Brauer ist glücklich mit dieser Entwicklung. Er sagt: „Ich fühle mich wohl. Das ist, was ich immer wollte. Ich fühle mich angekommen.“

Musikalisches Grundwissen erlangt der Junge aus Friedersdorf bei Rückersdorf frühzeitig an der Kreismusikschule Finsterwalde. Er erzählt in der 9./10. Klasse seinen Mitschülern, was er über Beethoven und Mozart weiß, und vertritt schon mal den Musiklehrer bei der Leitung des Schulchores. 14 Tage vor Antritt seiner Lehrstelle bei der Konsumgenossenschaft ergibt sich die Chance zum direkten Wechsel an die Erweiterte Oberschule. „Wir waren 1981 der erste Jahrgang mit dieser Möglichkeit“, so Brauer. Er macht zwei Jahre später sein Abitur an der EOS Elsterwerda und will in Weimar das Fach Schulmusik studieren. Nach der bestandenen Eignungsprüfung in Weimar kommt an seinem 18. Geburtstag der Hammer: zum Studium nicht zugelassen! Eine politische Entscheidung, wie er heute noch sagt. „Es war die Zeit der ,Schwerter zu Pflugscharen’. Ich wollte nicht drei Jahre zur Armee, war Christ und habe schon Orgel gespielt, bin im benachbarten Pfarrhaus damit groß geworden. Mir ging es nur um die Musik.“

Und doch: Helfried Brauer hakt das Musikstudium für sich ab, will Geld verdienen. Vater und Mutter arbeiten in der Landwirtschaft. Er hatte während der Ferien schon dort gejobt. Also wird er Rinderzüchter, arbeitet sich im Oppelhainer Betrieb vom „kleinen Melker bis zum Anlagenleiter hoch“. Etwa 400 Rinder waren zu betreuen. „Betrieblich und züchterisch waren wir einer der besten in Brandenburg“, sagt er stolz.

Die Musik hat er „mit ganzer Energie“ auf der ehrenamtlichen Schiene weiterverfolgt. Ende 1986 übernimmt er den Frauenchor Schönborn und leitet ihn 28 Jahre. Vom Glaswerk Schönborn wird er zur Chorleiterausbildung delegiert. An der Bezirksakademie Rammenau macht er seinen Abschluss als staatlich geprüfter Chorleiter. Weitere Lehrgänge folgen.

1993/94 wird der Musizierkreis Laudate gegründet. 1994 stoßen Helfried und Doreen Brauer zum Vokalensemble Erbschleicher dazu, verlassen es aus Zeitgründen vor wenigen Jahren. Helfried Brauer singt seit 1977 im Kirchenchor in Friedersdorf, hat ihn Anfang der 1980er-Jahre geleitet. Dann war dort lange Pause, bis ihn seine Frau Ende der 1990er-Jahre wegen der großen Nachfrage wiederbelebt hat und bis heute leitet. 2006 übernimmt Helfried Brauer die Leitung der Kantorei Doberlug, hatte zuvor Kirchenmusikerin Sabine Huber schon öfter vertreten.

Im Frühjahr 2018 macht es bei ihm Klick. Für Sabine Huber wird eine Vertretung über drei Jahre gesucht. „Was hindert dich eigentlich daran, dich selbst zu bewerben“, fragt er sich. Und nun sitzt er seit September Mittwoch, Freitag und Samstag in Berlin im C-Seminar, das der Universität der Künste angegliedert ist. Zur Eignungsprüfung war ein Lied zu singen, vorzuspielen und vorzudirigieren. Für Helfried Brauer mit seiner Erfahrung keine Hürde. Er spielt in allen Doberluger Klosterdörfern und in Kirchhain zu den Gottesdiensten die Orgel. Für die Kirchengemeinde Kirchhain hat er donnerstags einen Singkreis ins Leben gerufen. Ungewohnt war nur der handschriftliche Lebenslauf. „Wissen Sie, wann ich das das letzte Mal gemacht habe?“, fragt er in den Raum. Im Januar stehen die ersten Prüfungen in Berlin an – Gemeindepädagogik, Gemeindesingen und Theologische Information.

Seine Frau Doreen macht momentan eine Ausbildung zur Katechetin. Einmal im Monat ist sie dafür zwei Tage in Brandenburg. Die Liebe zur Musik haben die beiden späten Studierenden auch auf die Kinder Anna Rebecca (15), Sophie Leonore (12), Julius Benjamin (10 und Tabea Elisabeth (2) übertragen. Bis auf die Kleine spielen sie alle Instrumente – Geige, Klavier, Schlagzeug, Flöte und Orgel. Und sie singen natürlich wie ihre Eltern.