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| 01:00 Uhr

Hoffnung aus der Bibel

Dieser Tage fühle ich mich unfreiwillig erinnert an längst vergangen geglaubte DDR-Zeiten. Von Michael Wolf

Damals war das doch so: Wenn im ZK, im Politbüro, oder im Staatsapparat eine Um- oder Neubesetzung vorgenommen wurde, dann geschah das hinter verschlossenen Türen und wir, das Volk, wurden dann über Fernsehen und Parteipresse über diese - natürlich in größtem Einvernehmen getroffene - Personalentscheidung informiert. Manchmal hat man ja hinter vorgehaltener Hand darüber spekuliert, ob da nun eher die Betonköpfe oder die Reformer gesiegt hatten, aber offiziell hat man ja sogar diese beiden "Fraktionen" geleugnet.
Wie es scheint, wünschen sich manche Parteipolitiker auch solche Zustände. Die, von denen wir Demokratie lernen sollten, benehmen sich wie selbstherrliche Monarchen und wenn sie nicht so behandelt werden, treten sie beleidigt zurück. Herrn Schröder passt das Landtagswahlergebnis in NRW nicht, also setzt er mit zumindest fragwürdigen parlamentarischen Mitteln Neuwahlen durch. Herr Müntefering braucht einen neuen Generalsekretär für die Partei. Er schlägt seinen Wunschkandidaten (wie hieß der noch„) vor. Und es bewirbt sich auch noch eine Gegenkandidatin, Andrea Nahles. Demokratisch und offen bis hierher, oder“ Dann findet im Parteivorstand die Abstimmung statt, und siehe da, Frau Nahles gewinnt. Nun ist der SPD-Parteivorstand kein Lausbubenclub (will ich hoffen), der dem Chef ohne Grund mal eins auswischen wollte. Aber anstatt nach den Gründen für ein solches Abstimmungsverhalten zu fragen, oder gar zu vermuten, dass die Damen und Herren der Chefetage Frau Nahles vielleicht für geeigneter halten, tritt Herr Müntefering am Montag kurzerhand beleidigt zurück. Doch wohl, weil ihm das Ergebnis nicht passt und er mit den Konsequenzen einer demokratischen Abstimmung nicht leben möchte. Und dann spricht so ein Herr von einem Seeheimer Kreis (wohl eine Gruppierung innerhalb der SPD) davon, dass man eine Königsmörderin nicht auch noch belohnen dürfe. Schon die Wortwahl lässt tief blicken. Also nicht die, die so abgestimmt haben, sind schuld, sondern diejenige, die sich ganz nach demokratischen Spielregeln beworben hat! Ja wo leben wir denn„ Ist die DDR oder der Wunsch nach "DDR-Demokratie" inzwischen in die "demokratischen Parteien" eingewandert“ Einmal mehr hat man den Ein-druck, dass es in den Parteien vor allem um Postenschacher und Selbstdarstellung geht (Herr Stoiber hat die Gelegenheit auch gleich no ch ergriffen) und erst Meilen dahinter die vom Volk übertragene Aufgabe kommt.
Keine sonnigen Aussichten und auch kein übliches "Wort zum Sonntag", zugegeben.
Um so dringender die herzliche Einladung zu den Veranstaltungen der Friedensdekade in der kommenden Woche. Vielleicht die eine oder andere Gelegenheit, über unsere Angelegenheiten auch selbst ins Gespräch zu kommen, und uns zu fragen: "Was können wir tun?" Denn dass "die da oben" sich darum schon kümmern werden, glaube ich immer weniger.

Michael Wolf ist Pfarrer
in Betten.