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| 19:05 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
Hoffnung auf den Vater des Vaterlandes

Das Rektorat. Hier wurden die älteren Jungen unterrichtet.
Das Rektorat. Hier wurden die älteren Jungen unterrichtet. FOTO: Rainer Ernst
Finsterwalde. Warum die Finsterwalder das Schloss zum Schulhaus umfunktionieren wollten und welche Wege sie suchten, um ans Ziel zu kommen. Von Rainer Ernst

Bis 1815 wurden die Finsterwalder Kinder von drei Lehrern in zwei Schulgebäuden unterrichtet. Freilich dienten diese Häuser zugleich als Wohnung der Lehrkraft und verfügten nur über einen Klassenraum. Die Schule, in dem der Rektor die größeren Jungen unter seinen Fittichen hatte, blieb in der Grundsubstanz bis heute erhalten. Es ist das schön rekonstruierte Fachwerkhaus hinter der Kirche. Ein großer Zimmermannsbalken mit der Jahreszahl 1722 verrät seine Errichtungszeit. Die Mädchen und eventuell auch die kleineren Jungen wurden vom Diakon und einem weiteren Lehrer unterrichtet. Das Diakonat befand sich in der Schlossgasse. Es existiert nicht mehr.

In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts erreichte die Enge in den Schulzimmern ein unerträgliches Maß. Die Stadtväter sannen auf Verbesserungen, ohne die spärliche Stadtkasse zu ruinieren. Ein Brief vom 11. April 1827, aufbewahrt im Geheimen Preußischen Staatsarchiv Berlin-Dahlem, vermittelt einen anschaulichen Eindruck der aktuellen Schul-Misere. Zugleich offenbart er das demutsvoll-unterwürfige Verhältnis zur Obrigkeit, aber auch den taktisch-berechnenden Habitus der Bürger gegenüber ihrem König Friedrich Wilhelm III.: „Eure Königl. Majestät haben Allerhöchst Sich stets als Beschützer der Kirche und Schule gezeigt, und dies macht uns so dreist, gegenwärtiges allerunterthänigstes Memorial Eurer Königl. Majestät ehrfurchtsvoll zu Füßen zu legen ... Durchdrungen von der alten Erfahrung, daß ein guter Schulunterricht die Stütze der Moralität, Religion, Industrie des bürgerlichen Wohlstandes und somit auch des Staates sei, entschloß sich die Kommun nicht nur, vor 12 Jahren einen vierten und im vorigen Jahre einen fünften Lehrer anzustellen, sondern auch die früher schlecht dotierten Stellen, trotz der ziemlich schlechten Zeiten, fast auf das Doppelte zu erhöhen. Mit dem Zunehmen der Population hat sich unsere schulfähige Jugend bis über 400 gemehrt, und es wird nun die Anstellung und Dotation eines sechsten Lehrers nöthig, wenn unsere Schule als eine Bürgerschule auf einen höhern Standpunkt gestellt und somit besonders unsere sich größtentheils der Fabrikation und Manufactur widmenden männlichen Jugend einen zeitgemäßen Unterricht im Orte selbst erhalten soll. Alle diese Opfer bringen wir unseren Kindern und dem Staate gern; aber ein, alle unsre Kräfte übersteigendes Hinderniß tritt uns in den Weg und zwar (der) Mangel an Locale (sic!). Früher hatten wir nur zwei beschränkte Schullokale, später mußten noch zwei dergleichen etablirt werden. Aber auch diese reichen bei der hier auffallend steigenden Population nicht mehr zu und sind übel situirt und conditioniret.“

Heutige Ansicht.
Heutige Ansicht. FOTO: Rainer Ernst

Um nicht den Eindruck der eigenen Untätigkeit zu erwecken, verwiesen die Stadtväter auf das Haupthindernis für die Beseitigung dieser Missstände, „den gänzlichen Mangel an Baustellen im Bereiche der Stadt“. Ein Schulneubau wäre also nicht möglich, und für die Zusammenlegung von noch zu erwerbenden Privathäusern, um darin Unterrichtsräume zu schaffen, fehle das nötige Geld. Da könne nur der König helfen: „In dieser höchst bedrängten Lage blickt nun die Bürgerschaft vertrauend und hoffend auf den Vater des Vaterlandes, den steten Beschützer der Kirche und Schule, den rastlosen Beförderer alles wahrhaft Guten hin und fleht Euer Königl. Majestät allerunterthänigst an: das hiesige , von Euer Majestät Domaine wenig benutzte und deshalben leicht entbehrlich zu machende Hinterschloß zu einer Schulanstalt huldreichst zu bestimmen und uns allerhöchst väterlich zu überlassen…Die Aller gnädigste Gewährung dieser unserer allerunterthänigsten Bitte würde uns und unsere spätesten Nachkommen zum steten Danke gegen Eure Majestät und Allerhöchst deßen späteste Dynastie verpflichten, und der Rum Euer Majestät fernerer Gnade würde auch von uns auf die spätesten Geschlechter geschrieben werden. Gott segne den Landesvater und das Allerhöchste Königs Haus, dies ist der Wunsch mit dem wir ersterben als Euer  Königl. Majestät“. Der König allerdings ließ sich von dem devoten Bittgesuch nicht beeindrucken. Die Finsterwalder Bürger mussten nach anderen Lösungen für ihr Schulproblem suchen.

Quellen: Preußisches Geheimes Staatsarchiv Berlin-Dahlem,  I. HA Rep. 89 [Zivilkabinett], Nr. 20653 und Stadtarchiv Finsterwalde Rep 8, Nr. 228 (für die hist. Abbildungen)