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| 02:40 Uhr

"Heute bin ich nicht mehr wehmütig"

Günther Jahn ist seit 2013 arbeitslos, kocht ehrenamtlich im Kloster Mühlberg – ein Neuanfang, der dem ehemaligen Kneiper Kraft schenkt.
Günther Jahn ist seit 2013 arbeitslos, kocht ehrenamtlich im Kloster Mühlberg – ein Neuanfang, der dem ehemaligen Kneiper Kraft schenkt. FOTO: Karl
Mühlberg. Das war nicht sein Jahr. Dennoch rappelt sich der ehemalige Kneiper Günter Jahn wieder auf. Nach der Insolvenz des Hamburger Hofs in Mühlberg ordnet er sein Leben neu und startet auch mit Gottes Segen durch. Corinna Karl

. Der Pullover eng über den Bauch gezogen, die Schiebermütze liegt auf dem Tisch - als Günter Jahn zum RUNDSCHAU-Interview im Äbtissinnenhaus in Mühlberg erscheint, ist er gelöst, relaxt, ja fröhlich. Keine Spur von Verdruss oder Aufgabe. Freundlich zeigt er einem Besucher noch schnell den Klosterinnenhof, verkauft Karten und lobt den Aufwand, der in das Gebäude und in die Belebung des Geländes gesteckt wird.

Welchen Augenblick vergesse er im Leben nicht? Das ganze Jahr 2013 war mit solchen Momenten gespickt - von Insolvenz bis familiären Schicksalsschlägen. Doch fangen wir früher an.

Die drohende Misere zeichnete sich bereits 2010 ab. Nachbarn beschwerten sich wegen Diskolärm. Günter Jahn machte kaum noch Werbung für seine Veranstaltungen. "Mit dem Tornado kamen die richtigen Probleme. 65 000 Euro hatte ich von der Versicherung bekommen. Die Reparatur des Daches und des Giebels haben jedoch 140 000 Euro verschlungen", sagt er. Fledermausgauben wurden wieder hergestellt. Bange Wochen vergingen. Die Handwerker hatten im gesamten Stadtgebiet zu tun. Die Arbeiten an seinem Haus verzögerten sich. Es war fast ein Jahr eingerüstet. "Ich hoffte auf gute kommende Jahre, dann hätte ich die Last geschafft. Doch dann kam das Junihochwasser 2013", erinnert er sich. Die Auftragsbücher seien voll gewesen.

Abschied nehmen

"Es war ein verrücktes Jahr", sagt er und schüttelt den Kopf. "Heute bin ich nicht mehr wehmütig. Ich habe viel Geld in die Gaststätte gesetzt, viel Kraft investiert. Doch es sollte wohl so kommen", sagt er. Die Touristen blieben aus, stornierten ihre Besuche in der Elbestadt. Zu den bangen Tagen während des Hochwassers kamen die langen Wochen auf der Suche nach Gästen. "Irgendwann wollte ich nicht mehr kämpfen. Ich war eine Arbeitsmaschine. Der Druck wurde von Jahr zu Jahr stärker. Es war wie ein Rucksack, der dir zu schwer auf den Schultern lastet", erklärt Jahn. Sein Telefon hatte er damals ständig am Mann. "Du musstest schnell sein. Gäste riefen nur einmal an", sagt er heute. Günter Jahn musste Insolvenz anmelden.

Es war an einem Donnerstag im Juli, als das Türschloss ausgewechselt wurde. "Die letzte Veranstaltung war ein 80. Geburtstag. Es war ein schönes Fest. Am Morgen danach sollte ich raus", erinnert sich der Familienvater. Vier Monate dauerte sein emotionaler Abschied vom Hamburger Hof. "Ich brauchte meine Zeit, um auch innerlich damit abzuschließen. Ich werde älter, es war besser so. Ich habe Hochachtung, dass die neuen Besitzer den Mut aufbringen, so viel zu investieren. Mühlberg kann schwierig sein", sagt Jahn.

Heute konzentriere er sich auf seine Familie. Jahn: "Mein Bruder ist im Dezember gestorben, meine Tochter wurde 2013 operiert. Sie hat Schmerzen." Leben ist zerbrechlich, das habe er gelernt. Er wolle sich mehr um seine Tochter kümmern.

Neuanfang

Günter Jahn sieht wieder fitter aus. "Ich habe aber zugenommen. Vielleicht auch, weil ich mich wohler fühle." Er habe einen Neustart gewagt. "Ich war immer christlich. Weil ich als Gästeführer historisch interessiert bin, habe ich auch den Kirchenführerlehrgang gemacht", sagt er. Er habe viel gelesen, seine Stadt durch einen anderen Blickwinkel kennengelernt. Bei den neuen Patern hat er einen Platz gefunden. "Sie haben viel verändert im Kloster." Und wohl auch bei ihm. "Sie haben mich inspiriert. Ich habe immer viel für andere gemacht, habe Leute unterstützt. Nun mache ich das im Äbtissinnenhaus." Zwar stecke er noch jahrelang in der Insolvenz, aber das Leben geht auch im Kleinen weiter. Heute lebe er in einer Neubauwohnung, koche ehrenamtlich mit anderen im Kloster. "Es ist ganz anders und doch so wie früher. Wir sind sechs Personen, die mit dem kochen, was der regionale Garten und Spenden hergeben." Während Fastenwochen versorgt die Gruppe die Gäste mit dem wichtigsten. Es muss funktionieren, auch wenn wenig Zutaten da sind.

Im Mai möchte Günter Jahn wieder mitregieren. "Ich kandidiere fürs Stadtparlament und hoffe, dass eine starke Stadtverordnetenversammlung zusammenkommt. Wenn alle an einem Strang ziehen, könne man etwas bewegen. Als Einzelner geht man unter.