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| 02:42 Uhr

Heinz Oettes gruselige Familiengeschichte

Im kleinen Reich von Heinz Oette mit seinem großen historischen Archiv ist seine Frau Käthe nur Zaungast.
Im kleinen Reich von Heinz Oette mit seinem großen historischen Archiv ist seine Frau Käthe nur Zaungast. FOTO: Dieter Babbe
Finsterwalde. Am 20. November 1832 fiel der Kopf des Brandstifters Karl Gottlob Eller, der nur Tage zuvor neun Häuser und die Kirche des Städtchens Schellenberg bei Augustusburg in Schutt und Asche gelegt hat, durch das Schwert des Henkers. Das war vermutlich eine der letzten Hinrichtungen der Scharfrichter-Dynastie Oette. Dieter Babbe

Heinz Oette aus Finsterwalde ist ein Nachfahre der Scharfrichter-Dynasie. Er hat am heutigen Donnerstag gute Gelegenheit, aufmerksame Zuhörer für seine Familiengeschichte zu finden. Heinz und Käthe Oette feiern diamantene Hochzeit.

Die Vorfahren sind seit dem 16. Jahrhundert Scharfrichter gewesen, in Ostthüringen und Westsachsen, in Städten wie Ronneburg, Gera, Weida, Suhl, in Zeulenroda, Lommatzsch und Meißen. So ist das tödliche Handwerk von etwa 1600 an bis 1848 an Generationen weitergegeben worden. Es dürfte ein Scharfrichter Oette gewesen sein, der 1833 den berüchtigten Frauenmörder Karl-Wilhelm Oertel enthauptet haben soll - die letzte Hinrichtung, die es im Städtchen Weida gegeben hat.

Gefesselt von Historie

Seit Heinz Oette von der gruseligen Tradition in seiner Familie weiß, interessiert er sich für deren Vergangenheit. Und nicht nur dafür: "Über meine Familienforschung habe ich Feuer für die Historie meiner Heimat gefangen", sagt der Finsterwalder, der 1934 in Grünhaus geboren wurde - ein Dorf unweit der Sängerstadt, das zu DDR-Zeiten der Kohle weichen musste. Der heute 81-Jährige sammelt seit Jahrzehnten Tausende Fotos, Fakten, Dokumente und Geschichten in mehr als 200 Aktenordnern - so über die Firmen der Stadt, ihre Gaststätten, die Vereine, den Gesang. "Von vielen Häusern kenne ich die Geschichte, wer hier in den Jahrhunderten gewohnt und gearbeitet hat", behauptet Oette - der 2002 mit dem kreislichen Kulturpreis für Heimatgeschichte ausgezeichnet wurde.

In sieben Büchern hat der gelernte Elektriker, der zuletzt mehr als 20 Jahre als Energetiker und Elektromeister im VEB Tischfabrik tätig war, seinen Fundus quasi öffentlich gemacht. Das vorerst letzte Buch ist erst im vorigen Jahr erschienen: ein kleiner Bildband mit einer Fülle alter Fotos von Finsterwalde - die zeigen, wie 1927 der Marktplatz gepflastert wurde, die ersten Autos auf den Straßen der Stadt fuhren oder die Schokoladenfabrik ESPEWE in der Kirchhainer Straße am frühen Morgen des 1. Juni 1926 ein Raub der Flammen wurde.

An seinem wichtigsten und umfangreichsten Buch arbeitet Heinz Oette, der nach der Wende auch Stadtverordneter war, den Sängerfestverein mitbegründet und den Heimatgeschichtsverein 17 Jahre lang geleitet hat, allerdings noch - und das schon seit vielen Jahren: an der Geschichte der Tuchmacher von Finsterwalde. "Die Tuchmacherei begann 1525 und endete 1992 mit der Schließung von Feintuch. Um 1900 gab es immerhin 19 Tuchfabriken in der Stadt", weiß Oette - aber noch nicht, wann er sein Lebenswerk aus vielen prall gefüllten Ordnern vollenden und veröffentlichen wird.

Ehefrau Käthe kennt ihren Mann nicht anders. Wenn er nicht in seinem großen Garten werkelt, sitzt er zu Hause am Schreibtisch im früheren Kinderzimmer und arbeitet - während sie mit Heimatgeschichte nicht viel am Hut hat, stattdessen gern in der Küche kocht und bäckt. Heute haben allerdings beide einen Grund zum Feiern: Vor genau 60 Jahren heirateten sie, nachdem sie sich beim Tanz in Nehesdorf kennengelernt hatten - "der 21. Januar 1956 war ein schöner sonniger Tag", erinnert sich die 79-Jährige gut. Im Kreise ihrer vier Kinder, zehn Enkel und neun Urenkel begehen Oettes das Fest der diamantenen Hochzeit.

Spektakulärer Fall

Die vielen Gäste sind sicher ganz Ohr, wenn Heinz Oette über seine spannende Familiensaga erzählt - und vielleicht auch davon, dass es auch in Finsterwalde eine Scharfrichterei gegeben hat - allerdings war hier kein Oette der Henker. So sind aus der Zeit zwischen 1597 und 1704 neun Hinrichtungen bekannt - drei Diebe kamen an den Galgen, andere sind wegen Mordes und Ehebruchs enthauptet worden. Spektakulär war die Exekution vom erst 25-jährigen Sohn des Bürgermeisters am 28. Februar 1649 auf dem Marktplatz. Dem Scharfrichter gelang es laut Kirchenbuch erst nach dem dritten Hieb, den Kopf des Mörders abzutrennen.

Trotz aller Gruselgeschichten: Käthe und Heinz Oette feiern heute ein schönes Jubiläumsfest und haben noch ganz viele gemeinsame sonnige Tage im Leben - wie einst an ihrem Hochzeitstag.