ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 09:57 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
Einladung zur „urgemütlichen Heiterkeit“ bei göttlicher Laune

 Festsaal des Lindenhofs, Postkarte um 1908, Sänger- und Kaufmannsmuseum Finsterwalde.
Festsaal des Lindenhofs, Postkarte um 1908, Sänger- und Kaufmannsmuseum Finsterwalde. FOTO: Rainer Ernst
Finsterwalde. Aus der Geschichte der Finsterwalder Gaststätte „Lindenhof“, wo einst die Plinse der Madame Kotzschmar vortrefflich mundeten. Von Rainer Ernst

Neben dem in der letzten Folge der „5 Minuten Heimatgeschichte“ vorgestellten Gasthof „Zum Stern“ gab es in Finsterwalde zahlreiche andere Etablissements, in denen Bier, Wein oder Schnaps ausgeschänkt wurden. Einige firmierten unter dem Begriff der Tabagie. Der Name verrät, dass hier auch dem Genuss des Rauchens gefrönt werden durfte.

Eine der Finsterwalder Tabagien, die später jedem Finsterwalder als Gaststätte „Lindenhof“ bekannt war, lag an der Chaussee nach Sonnewalde. Gesicherte früheste Nachrichten stammen aus der Bauakte, die mit einem Dokument aus dem Jahre 1856 einsetzt. Danach beantragte der Besitzer G. Kotzschmar, ein „Gesellschaftshaus“ errichten zu dürfen.

 Obgleich das Lokal recht weit außerhalb der Stadt lag und die Chaussee noch nahezu unbebaut war, kehrten hier die Gäste offenbar sehr gern ein. Die Schilderung eines im September 1859 in dem neuen Saal abgehaltenen „Kränzchens“ vermittelt einen anschaulichen Eindruck dieser beliebten „urgemütlichen“ Vergnügungsart: „Die Damenwelt war überaus reizend vertreten, der Ton der Gesellschaft ein von Humor und göttlicher Laune beinahe übersprudelnder, die musikalischen und deklamatorischen Vorträge waren ansprechend und letztere ungemein ergötzlich. Von den Tänzen gefielen namentlich die Polonaise und der Contretanz. Mehrere famose Intermezzos verursachten den unglaublichsten Beifallssturm. Die Plinse der Madame Kotzschmar mundeten vortrefflich, die Laune ihres Herrn Gemahls war wie immer eine gemüthliche und Herr Kotzschmar jun. überraschte uns mit einer so angenehmen Musik, daß wir ihm die dankbarste Anerkennung nicht versagen können.“ (Finsterwalder Wochenblatt v. 2.10.1859)

 Garten des Lindenhofs, Postkarte, um 1940. Sänger- und Kaufmannsmuseum Finsterwalde.  Repro: Ernst
Garten des Lindenhofs, Postkarte, um 1940. Sänger- und Kaufmannsmuseum Finsterwalde. Repro: Ernst FOTO: Rainer Ernst

In den 1860er-Jahren gehörte die Gastwirtschaft Carl Schrickel, der seinen Gästen eine Kegelbahn im Garten zur Nutzung anbot. Er ließ auch einen Eiskeller errichten, um das Bier länger genießbar zu erhalten und es gut temperiert ausschenken zu können. Sein Nachfolger August Franke zog den Garten noch intensiver in den Restaurationsbetrieb ein. Er erbaute hier 1892 eine Bierhalle, die als halb offene „Colonade“  vor Wind, Regen oder zu starkem Sonnenschein schützte.

 Entwurfszeichnung Konzertmuschel, 1909. Bauarchiv Finsterwalde.  Repro: Ernst
Entwurfszeichnung Konzertmuschel, 1909. Bauarchiv Finsterwalde. Repro: Ernst FOTO: Rainer Ernst

Die nachhaltigsten baulichen Erweiterungen nahm schließlich Carl Reinicke vor. Er ließ 1906 das alte Gast- und Wohnhaus großzügig umbauen. Gleichzeitig errichtete er einen neuen Tanzsaal. Die Pläne für das Gesamtvorhaben hatte der Finsterwalder Zimmermeister Arthur Tonke erarbeitet. Sie sahen neben dem Saal, in dem bei Bestuhlung 509 Personen und auf dessen Galerie zusätzlich 88 Besucher Platz finden konnten, sowie ein Bühnenhaus mit Orchestergraben vor. Klug angeordnete Seitenräume boten Künstlern eine kleine Garderobe und darüber hinaus die Möglichkeit, Stühle, Turngeräte oder Theaterrequisiten zu verstauen. Eine moderne Zentralheizung sorgte für die nötige Wärme. 1907 war das Werk vollbracht. Reinicke, der offenbar dem sich nun durchsetzenden Namen „Lindenhof“ alle Ehre machen wollte, bemühte sich, den Garten noch stärker für sein Wirtschafts- und Veranstaltungskonzept zu nutzen, deshalb schuf er dort – ebenfalls von Tonke geplant – eine „Musikhalle“.

Diese später als Konzertmuschel bezeichnete Bühne diente noch den Sängerinnen und Sängern als Auftrittsfläche, die sich am 16. Juni 1990 im „Lindenhof“ zur Gründung des Brandenburgischen Chorverbandes getroffen hatten.

Mit der Faschingssaison 1994, also vor 25 Jahren, endete die traditionsreiche Geschichte der Gaststätte „Lindenhof“. Die inzwischen arg sanierungsbedürftigen Gebäude und der Garten verkamen nach der Schließung zusehends. Im Oktober 2003 begannen die Abrissarbeiten, und im folgenden Frühjahr öffnete auf dem Terrain ein Supermarkt.

Bauinformationen: Bauarchiv der Stadt Finsterwalde