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| 17:36 Uhr

Heimatgeschichte
Wissen für die „Armen Idioten“

 Auferstehungsbild in der Finsterwalder Trinitatiskirche.
Auferstehungsbild in der Finsterwalder Trinitatiskirche. FOTO: Rainer Ernst
Finsterwalde. Begriffsdeutungen kirchlicher Feiertage vom Finsterwalder Gelehrten Bartholomäus Scheräus. Von Dr. Rainer Ernst

Das Osterfest beschert uns immer wieder höchst willkommene zusätzliche arbeitsfreie Zeit. Das Wissen jedoch, was es mit diesen besonderen Tagen auf sich hat, ist längst nicht mehr jedem geläufig.

Vor reichlich 400 Jahren, als unsere Vorfahren nahezu täglich Gottesdienste und Andachten in den Kirchen besuchten, mag das anders gewesen sein. Dennoch sorgte sich schon damals Barthel Schere (* 1574 in Finsterwalde † 1633 Finsterwalde) ob des geringen Wissens seiner Mitmenschen. Bestenfalls oberflächliche Kenntnisse gestand er den meisten zu. Beim Inhalt und der Herkunft vieler Begriffe sah er eine erschreckende und gefährliche Unkenntnis, die bei „Geringschetzung nur eines hingeschlagenen frembden Worts“ höchst fatale Folgen haben könne.

Diesem Umstand wollte der gelehrte Finsterwalder, der an der Landesschule Grimma das akademische Rüstzeug erhalten und an den Universitäten Leipzig und Wittenberg alte Sprachen studiert hatte, abhelfen. Dafür erarbeitete er ein 265-seitiges Kompendium mit dem für heutige Maßstäbe höchst strapaziösen Titel: Geistliche/ Weltliche/ und Häußliche Sprachen Schule: Darinne alle nötigste Wörter/ groß unnd / klein/ so auß allerley Sprachen in den drey Ertzständen der Christenheit von Alters her sehr gebreuchlich/ aber fast unverständlich sind/ Item etliche sonderliche und Sprichwörtige Reden/ auch nützliche und liebliche Fragen/ aus allerhand Sprachen unnd umständen/ eigentlich und gründlich/ auch mit beyleufftiger Lehre und Erinnerung/ auff Deutsch Fragweise erkleret und abgehandelt werden: Für den gemeinen Mann / auch die nachforschliche Liebhabere der ursprünglichen Eigenschafft ec. nach billicher nothurfft fleißig und klärlich angestellet.“

 Letzte Seite der „Sprachschule“.
Letzte Seite der „Sprachschule“. FOTO: Rainer Ernst

Der Autor, der sich, um seine Gelehrtheit zu unterstreichen, in der Welt der Wissenschaft Magister Bartholomäus Scheräus nannte, beendete sein Werk 1617, also zum 100. Jahrestag der Reformation. Gedruckt lag es dann 1619 vor. Als Zielgruppe des Buches sah er wohl in erster Linie die Pastorenschaft, die zwar „zu Hertzen gehende“, aber kaum „verstendige“ Predigten zu halten vermochte. Mit seiner „Sprachenschule“ und den darin aufgeführten Begriffserklärungen hoffte er nun, den „Armen Idioten … in Kirchen“ und an anderen Weltorten „ein wenig geholffen“ zu haben.

Zu den weit über tausend von ihm erklärten Begriffen gehörten auch die Bezeichnungen kirchlicher Feiertage. So lesen wir bei ihm: „Der Grüne Donnerstag hat seinen Namen vom Grünen und Blühen / nemlich unsers Heyls…denn zuvor waren wir dürres Holtz / wie uns Christus in seiner Ausführung zum Creutz nennet /sich selbst aber ein Grünes Holtz“. Bezog sich Schere bei dieser Erklärung auf entsprechende Bibelstellen, so deutete er den Begriff Karfreitag in erster Linie aus sprachlichen Herleitungen. Allerdings legte Schere nicht – wie es heute geschieht – das althochdeutsche Wort Kara (Klage) zugrunde, sondern das lateinische Charus, das er mit Liebe übersetzte. So führte er den Karfreitag eigentlich wesentlich treffender auf den Kern des christlichen Glaubens zurück: „Darumb, das von anbegin kein lieberer Tag erschienen ist / als der Creutztag des vielgeliebten Sohnes unseres lieben Gottes“, der nun zum Tag des Heilsversprechens für die Menschheit werden konnte. Bei der Begriffs- und Herkunftserklärung für das Wort Ostern musste sich Scheräus mit ebenso vagen Deutungen begnügen, wie die Sprach- und Religionswissenschaften der Gegenwart. Der Gelehrte des 17. Jahrhunderts bot zwei Erklärungen: Einmal verwies er auf das ursprüngliche Wort „Ufferstehen“, aus dem durch sprachliche Abschleifung „Urstehen“ und „letzlich Ostern“ geworden sei. Zum anderen erklärte er das ähnlich klingende Wort Osten als Ausgangspunkt, weil Jesus Christus im Morgenland, also im Osten, auferstanden wäre.

(Alle Zitate wurden dem in der Universitätsbibliothek Leipzig aufbewahrten Exemplar der „Sprachenschule“ entnommen.)