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| 14:18 Uhr

Besondere Ehrenzeichen
Ein Fleischer griff sogar zum Doktorhut

 Fleischwerk Just
Fleischwerk Just FOTO: Dieter Babbe
Elbe-Elster/Lehde. Vier Handwerker aus Elbe-Elster sind am Mittwoch von der Cottbuser Handwerkskammer in Lehde mit Ehrenzeichen ausgezeichnet worden. Von Dieter Babbe

Er hat eine einzigartige berufliche Karriere hinter sich: Ulrich Just war vor der Wende Direktor des Finsterwalder Fleischverarbeitungswerkes und danach dessen erfolgreicher Geschäftsführer. Jetzt ist das Lebenswerk des 81-Jährigen von der Cottbuser Handwerkskammer mit dem Diamantenen Meisterbrief gewürdigt worden. Das ist jetzt genau sechs Jahrzehnte her: Mit 21 Jahren war  Just damals der jüngste Fleischermeister im Kammerbezirk.

Ulrich Just erlernte in fünfter Familiengeneration den Beruf des Fleischers und war insgesamt 37 Jahre Chef eines Betriebes, der zu DDR-Zeiten oft auch Kritik einstecken musste. „Uns stand nicht immer in ausreichender Menge Bratenfleisch zur Verfügung, von Schinken, Zunge und Wiener Würstchen ganz zu schweigen“, erinnert sich Ulrich Just noch heute. Doch mit der Wende und der Marktwirtschaft änderte sich das schlagartig. Dem Direktor war es zu verdanken, dass der Fleischwarenfabrikant Höll aus dem Saarland – nach einem eher zufälligen Zusammentreffen – den Finsterwalder Betrieb von der Treuhand aufkaufte, hier viel Geld investierte und die Arbeitsplätze von 120 Beschäftigten sicherte. Zunächst jedenfalls – denn obwohl der Betrieb in der Sängerstadt immer und bis zuletzt schwarze Zahlen schrieb und Gewinne machte, ist er 16 Jahre nach der Privatisierung – Ulrich Just war da schon vier Jahre im Ruhestand – geschlossen worden. „Einen ersten Schließungsversuch, weil es im Stammbetrieb im Westen große Absatzprobleme gab, habe ich in meiner Amtszeit noch verhindern können, den zweiten leider nicht mehr“, bedauert Just heute noch – der noch immer schweren Herzens an dem Supermarkt vorbei geht, wo mal sein Fleischwerk stand.

„Zu meinen Leuten“, wie er seine Mitarbeiter gern und hochachtungsvoll bezeichnet, hatte der Geschäftsführer ebenso wie zuvor der Direktor ein gutes und kameradschaftliches Verhältnis. „Sie haben hart gearbeitet, vor allem in Stoßzeiten vor Feiertagen, aber wir haben auch gern gefeiert – das hat uns zusammengeschmiedet. Wir waren ein tolles Kollektiv!“ Zu einem Wiedersehenstreffen im vorigen Jahr kamen von den am Ende nur noch etwa 70 übrig gebliebenen Mitarbeitern immerhin 50 frühere Kollegen zusammen und erinnerten sich gern an alte Zeiten – und auch an ihren alten „und guten Chef“, wie  Enrico Frank gern zurück denkt. „Er war zwar streng, aber sehr menschlich und immer auch für ein Späßchen zu haben“, berichtet der heute 46-Jährige, der 1989 seine Fleischerlehre im VEB Fleischverarbeitungswerk begonnen hat, wo er bis zur Schließung insbesondere am Wurstfüllautomaten tätig war.

Bleibende Verdienste hat sich Ulrich Just  auch in der Ausbildung von Meistern erworben. Viele Jahre unterrichtete er zahlreiche  Meisterschüler des Fleischerhandwerks in Fachrechnen und Fachkunde und gehörte der Prüfungskommission der Handwerkskammer an. „Ich freue mich heute noch, wenn ich in private Fleischereien in Guben, Lübben oder sonst wo hin komme und in den Geschäften die Meisterurkunden mit meiner Unterschrift hängen sehe.“

An das Finsterwalder Fleischverarbeitungswerk am Langen Damm erinnert nichts mehr, hier befindet sich heute ein Supermarkt. Auch den Mutterbetrieb im Saarland und seine Filialen gibt es inzwischen nicht mehr. „Aber die Finsterwalder Fleisch- und Wurstwaren gibt es immer noch“, sagt Ulrich Just nicht ohne Stolz. Allerdings nur deshalb, weil ein Unternehmen die Namensrechte gekauft hat. „Weil wir insbesondere mit unseren schmackhaften Wiener Würstchen und den eigenen Rezepturen einen sehr guten Ruf in der Bevölkerung hatten“, freut Ulrich Just.

Seine einzigartige Karriere wollte der Fleischer im Rentenalter, auch um geistig weiter fit zu bleiben, noch veredeln. „Von der sozialistischen Planwirtschaft zur sozialen Marktwirtschaft in der Fleischverarbeitung“ war das Thema seiner Doktorarbeit, die schon fast fertig war. Doch als auf dem letzten Weg dorthin bürokratische Hürden aufgebaut wurden – weil seine Agrarhochschule in Meißen nach dem Einigungsvertrag als Fachhochschule abgestuft wurde und er sich deshalb einen neuen Doktorvater suchen sollte – legte Ulrich Just die Arbeit beiseite.  Jetzt widmet sich der 81-Jährige insbesondere seinen Hobbys: Er bereist mit seiner Frau die ganze Welt und hält sich gern auf der kleinen Datsche im Naherholungsgebiet Bad Erna auf.

Letzten Mittwoch war er allerdings im Spreewald. Bei einer Kahnfahrt ist ihm von Handwerkskammerpräsident Peter Dreißig der Diamantene Meisterbrief verliehen worden.

Zu den von der Handwerksammer am Mittwoch in Lehde ausgezeichneten gehören drei weitere Handwerker aus dem Elbe-Elster-Land: Raumausstattermeister Michael Kühne aus Finsterwalde, Klempner- und Installateurmeister Joachim Schurig aus Schönewalde sowie VE-Meister Tiefbau Andreas Schumann aus Doberlug-Kirchhain.

Aus der Laudatio auf Andreas Schumann (Goldener Meisterbrief): Im Elbe-Elster-Kreis, im Handwerk und in der Gesellschaft kann man sich die Persönlichkeit Andreas Schumann nicht mehr wegdenken. Auch wenn er viele Projekte und ehrenamtliche Ämter vorantreibt und ausübt: der Obermeister, Ausschussmitglied, Kirchältester und Mitglied im Naturschutzbund: Er gibt bei jedem einzelnen Amt immer Vollgas. Halbe Sachen gibt es bei ihm nicht.

Eines der größten Projekte ist das „Wohnen im Alter – wohnen ohne Barrieren“. Dabei hat er sich zum zertifizierten Gesundheitsdienstleister qualifiziert. Er gehört zu den ersten Handwerkern in Deutschland, die das Markenzeichen „Generationsfreundlicher Betrieb – Service und Komfort“ für barrierefreies Bauen und Wohnen tragen darf.

 Er gibt bei jedem einzelnen Amt immer Vollgas: VE-Meister Tiefbau Andreas Schumann (Mitte) aus Doberlug-Kirchhain.
Er gibt bei jedem einzelnen Amt immer Vollgas: VE-Meister Tiefbau Andreas Schumann (Mitte) aus Doberlug-Kirchhain. FOTO: Handwerkskammer Cottbus

Aus der Laudatio auf Joachim Schurig (Diamantener Meisterbrief): „Du kannst nur etwas ändern, wenn du dich selber mit einbringst.“ Das war und das ist das Motto von Joachim Schurig. Am 8. September 1990 wurde er zum Obermeister der Installateur- und Heizungsbauerinnung gewählt. Er führte sie durch gute und auch durch schwierige Zeiten.  Dem Handwerksmeister waren jedoch nicht nur die Belange des eigenen Gewerks wichtig. Er wollte die Bedingungen für die gesamte Zunft in Elbe-Elster verbessern. Folgerichtig wurde er 1996 zum Kreishandwerksmeister der Niederlausitzer Kreishandwerkerschaft gewählt. Einen großen Wert legte er auf die Selbstständigkeit der Kreishandwerkerschaft. Kernthemen waren die Ausbildung, der Abbau von Bürokratie und die Förderung des Handwerks auf allen Ebenen.

 „Du kannst nur etwas ändern, wenn du dich selber mit einbringst“, ist seit jeher das Motto des Schönewalders Joachim Schurig (Mitte).
„Du kannst nur etwas ändern, wenn du dich selber mit einbringst“, ist seit jeher das Motto des Schönewalders Joachim Schurig (Mitte). FOTO: Handwerkskammer Cottbus

Aus der Laudatio auf Michael Kühne (Silberner Meisterbrief): Von 1996 bis 2008 war er Obermeister der Raumausstatter-, Sattler- und Täschnerinnung. Nach einer Pause übt er dieses Amt seit 2017 wieder aus. Das Vorstandsmitglied der Niederlausitzer Kreishandwerkerschaft kämpft engagiert für die Belange des gesamten Handwerks. Sein Interesse für die Nachwuchssicherung ist beispielhaft. Ob auf Messen, in den Werkstätten der KH oder im eigenen Unternehmen: Überall wirbt Michael Kühne bei jungen Menschen für das Handwerk. Seite fachliche und menschliche Art kommt gut an.

„Jeder Bürger soll sich in Finsterwalde wohlfühlen“, hat der Lokalpatriot einmal gesagt. Als Rotarier steuert er seinen Teil dazu bei.