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| 18:02 Uhr

Sanierungskrimi in Finsterwalde
„Grüner Kreml“ als neues Ärztehaus?

Gleich neben dem Rathaus ist der „grüne Kreml“ eines der wertvollsten Baudenkmale am Finsterwalder Marktplatz und in der Innenstadt überhaupt.
Gleich neben dem Rathaus ist der „grüne Kreml“ eines der wertvollsten Baudenkmale am Finsterwalder Marktplatz und in der Innenstadt überhaupt. FOTO: Dieter Babbe
Finsterwalde. Ein Krimi in der Sängerstadt. Früheres Bank- und SED-Gebäude wird zunehmend zum Schandfleck am Finsterwalder Marktplatz. Von Dieter Babbe

Das Haus am Markt mit der Nummer 33. Es ist wohl das größte bauliche Sorgenkind in der Finsterwalder Innenstadt. Fällt der Blick über den großen Marktplatz hin zum Rathaus, kommen die Augen am „grünen Kreml“ gleich daneben nicht vorbei. Und was sehen sie: ein Gebäude, das zunehmend verfällt. Putz bröckelt ab, die Wände scheinen feucht, die grüne Fassade ist verblasst, nach dem letzten Sturm liegen wieder Dachziegel auf dem Gehweg, Nachbarn beobachten, dass Tauben durch die offenen Fenster fliegen. Die Bauaufsicht spricht von einem „massiven Sanierungsrückstau“. Lediglich das Erdgeschoss des Denkmalbaus wird von der Deutschen Bank als Selbstbedienungsfiliale genutzt, sämtliche Räume in den drei Etagen darüber stehen seit vielen Jahren leer.

Wo bis 1909 noch ein Hotel stand, hat die Anhalt-Dessauische Landesbank, bei älteren Finsterwaldern unter dem Namen ADCA bekannt, ein repräsentatives Eckgebäude zur Langen Straße errichtet, das insbesondere durch den Turm, aber auch durch die Rundbogenfenster im Erdgeschoss und die kleinen Reliefs an der Fassade zu einem besonderen architektonischen Blickfang wird. In der DDR war das Haus der Sitz der SED-Kreisleitung, weshalb es von Einheimischen oft als „grüner Kreml“ bezeichnet wird. In der Wende stand das eingerüstete Gebäude – es sollte neue Fenster und eine frische Außenhaut bekommen - im Fokus von Demonstranten gegen die Vorherrschaft der SED, sie kletterten auf das Gerüst und stellten, als Zeichen der friedlichen Revolution, Kerzen an der Fassade ab. Die Brandspuren waren noch lange später zu sehen, inzwischen haben Wind und Wetter auch sie abgewaschen.

Eben wegen dieses historischen Wertes sei er bei einer Versteigerung auf das „Zeugnis aus Wendezeiten“ aufmerksam geworden, erklärte Dr. Nikolaus Pfander, Sprecher der Gut Hohenholz GmbH, gegenüber der RUNDSCHAU bereits im Jahre 2006. Der Rechtsanwalt aus Krackow in Mecklenburg-Vorpommern, der auch als Autor unter den Namen Nicolai F. Brecht-Romanow Bücher schreibt, hatte das Gebäude preisgünstig von der Treuhandanstalt erworben, die Rede ist von 57 000 D-Mark. Der neue Eigentümer wollte es im unsanierten Zustand vermieten, doch die letzten wenigen Mieter, eine Rechtsanwaltskanzlei und ein Immobilienmakler, sind schon vor Jahren im Streit mit dem Vermieter um Kosten ausgezogen.

Wegen der, wie die Denkmalschützer betonen, „herausgehobenen städtebaulichen Bedeutung“ des Gebäudes sei dem Eigentümer immer wieder Hilfe für eine denkmalgerechte Sanierung angeboten worden, heißt es gleichlautend  beim Kreis und bei der Stadt. So wollte die Denkmalschutzbehörde Untersuchungen durch Bauchemiker, Holzgutachter und Restauratoren unterstützten, teilt die Behörde in Herzberg mit. Mit dem Ergebnis: „Letztendlich wurde vom Bauherrn keines der Angebote angenommen.“

Auch im Finsterwalder Rathaus sorgt man sich seit langem um die Zukunft des repräsentativen Eckgebäudes. „Die Stadt und wir als Sanierungsträger haben Herrn Dr. Pfander mehrmals den Weg aufgezeigt, wie er für die vorbereitende Bauplanung zu Fördermitteln kommt, doch er hat die Angebote immer wieder abgelehnt“, bedauert Uwe Brenner von der Deutschen Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft (DSK), der als Stadtsanierer seit Jahren der Kommune, aber auch privaten Grundstücksbesitzern beim Erhalt wertvoller Bausubstanz hilft. „Über einen sogenannten Grobcheck wollten wir mit ihm Varianten diskutieren und ein Konzept entwickeln, was man nach einer Sanierung mit dem Haus unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten machen kann. Doch dazu war Herr Dr. Pfander nicht bereit“, erklärt Brenner.

Stattdessen, so sei immer wieder deutlich geworden, habe der Eigentümer versucht, das „schnelle Geld“ zu machen, ohne selbst viel zu investieren. Über einen Aushang der nahezu leeren Immobilie sucht er Interessenten, die „einzelne Räume, zwei und mehr Räume, komplette Etagen“ als Büroflächen mieten. Dem Kreis sei das Haus sogar für das Unterbringen von Flüchtlingen angeboten worden.

„Als der bauliche Verfall des Gebäudes zunehmend voranschritt und die Dachabdeckung zu einer akuten Gefahrenquelle wurde, musste ordnungsbehördlich gehandelt werden“, teilt der Landkreis auf RUNDSCHAU-Anfrage mit. Er sah sich zu „mehreren ordnungsbehördlichen Verfahren“ gezwungen, mit denen der Eigentümer aufgefordert wurde, die gefährlichen Schadstellen zu beseitigen, damit Fußgänger auf dem Gehweg nicht verletzt werden. So musste die Staatliche Bauaufsicht im Jahre 2006 Herrn Pfander das erste Mal drängen, das Gebäude zu sichern, weil Putzteile auf den Gehweg fielen. Als drei Jahre später sich erneut Putz und auch Dachziegel lösten und abfielen, sah sich der Landkreis schließlich zu einer „Ersatzvornahme“ veranlasst, weil der Eigentümer nicht reagiert habe. Statt gemeinsam nach einer Zukunftslösung für den „grünen Kreml“ zu suchen, treffen sich der Kreis, die Stadt, aber auch die Stadtwerke und Herr Pfander immer wieder vor Gericht. Der Streit geht um erhebliche finanzielle Außenstände, insbesondere durch nicht gezahlte Grundsteuern – die Pfander wegen der leer stehenden Etagen als überhöht ansieht und deshalb nicht in der geforderten Höhe zahlen will.

Inzwischen ist ein nahezu identischer Fall in der Stadt Naumburg bekannt geworden – allerdings mit einem schlimmen Ende. Auch dort  hat Nikolaus Pfander ein denkmalgeschütztes Gebäude in der Innenstadt erworben, das, statt es zu sanieren und zu nutzen, schließlich zu einer Ruine verfallen und zu einer Gefahr für Leib und Leben geworden war.

„Wir haben dem Eigentümer für eine Sanierung immer wieder Hilfe angeboten, doch der Einsatz von Städtebaufördermitteln kam nicht zustande, da er sich den Vergabemodalitäten nicht unterziehen wollte oder konnte“, wird die zuständige Fachbereichsleiterin im städtischen Bauamt im „Naumburger Tageblatt“ zitiert und wie die RUNDSCHAU auf Nachfrage im dortigen Rathaus bestätigt bekam.

Nachdem die Stadt zunächst die Notsicherung vornehmen musste, damit Personen durch herabfallende Hausteile nicht zu Schaden kommen, sah man sich am Ende sogar gezwungen, die Ruine abzureißen. Das Gericht hatte dem Abriss per Ersatzvornahme durch die Stadt zuvor zugestimmt – gegen den Willen des Eigentümers. Der fühlte sich beim Kauf des Gebäudes getäuscht, ihm sei ein Schwamm-Gutachten verschwiegen worden, deswegen sei es zu einem jahrelangen Streit darüber gekommen, wer die Kosten trägt. Pfander drohte nach dem Abrissurteil Beschwerde und „eine Flut von Folgeprozessen“ an, weil das Gebäude früher einer jüdischen Familie gehört habe – für Pfander ist die gerichtliche Entscheidung und das Vorgehen der Stadt ein „klarer Fall von Antisemitismus“. Der Abriss war im Jahre 2013, noch heute ist hier eine Baulücke. Bis jetzt versucht die Stadt die Kosten, das „Naumburger Tageblatt“ spricht von mehr als 70 000 Euro, gerichtlich einzutreiben. Dr. Pfander sagt heute, das Grundstück gehöre ihm nicht mehr.

Der Fall in Naumburg sorgt auch in der Sängerstadt für Nervosität. Ein Abriss des „grünen Kreml“ in Finsterwalde - so weit darf es nicht kommen, darin sind sich Verantwortliche einig. Für die Stadtväter wie für die Denkmalschützer ist dieses Gebäude für das Stadtbild „unverzichtbar“, wie es Uwe Brenner formuliert. Im Rathaus hofft man darauf, dass es zu einer Zwangsversteigerung kommt und so ein neuer Anlauf für eine Sanierung mit einem neuen Besitzer, der nicht nur Geld, sondern auch ein Nutzungskonzept mitbringt, gestartet werden kann. Denn Dr. Pfander traut man das nicht mehr zu. „Aufgrund der bisher geführten Verfahren ist kurzfristig nicht von einer Missstandsbehebung durch den Eigentümer auszugehen“, befürchtet man beim Amt für Bauaufsicht, Umwelt- und Denkmalschutz. Dieser Tage erst sind erneut Ziegel vom Dach gefallen – das könnte zunächst wieder zu einer Ersatzvornahme führen.

Doch dazu will es Nikolaus Pfander nach eigenen Aussagen nicht kommen lassen. Gegenüber der RUNDSCHAU erklärte er jetzt erstmals öffentlich, von seiner Seite die juristischen Streitereien beenden zu wollen – sofern ihm die Stadt entgegen komme. So sei er bereit, Grundsteuern nachzuzahlen. Und er werde ein Konzept vorlegen: „Aus dem ,grünen Kreml‘ soll ein Ärztehaus werden“, kündigt er an. In der größten Stadt des Elbe-Elster-Kreises sei eine solche Einrichtung mit Ärzten, Fachärzten und weiteren medizinischen Angeboten direkt am Marktplatz ein idealer Standort.

Erste Gespräche dazu habe er bereits geführt. Er suche jetzt weitere Kontakte, die ihm helfen, seine Idee umzusetzen. Der 77-jährige Nikolaus Pfander stellt aber auch klar: „Wahnwitzige Schulden kann und will ich in meinem Alter nicht aufnehmen.“ Er fordert: Die einziehenden Mieter müssten sich an der Finanzierung ihrer Praxen mit beteiligen. Nikolaus Pfander will jetzt für sein Projekt werben und nach Nutzern suchen. Demnächst soll die RUNDSCHAU Gelegenheit bekommen, das Innere des Hauses zu besichtigen.

Gleich nach der Wende hatte der Hotelier vom gegenüberliegenden Finsterwalder Boulevard-Hotel versucht, den „grünen Kreml“ zu erwerben und ebenfalls als Hotel auszubauen, was es früher einmal war. Beide Häuser sollten durch einen geschlossenen Überweg über die Lange Straße miteinander verbunden werden. Das hätten die Behörden damals abgelehnt. Bleibt jetzt nur zu hoffen, dass der neue Anlauf gelingt und der Verfall dieses bedeutenden Baudenkmals in Finsterwalde nicht weiter, womöglich bis zur Abrissreife, voranschreitet.


Abbröckelnder Putz und herabfallende Dachziegel verschandeln nicht nur die Ansicht, sie sind auch eine Gefahr für Leib und Leben. Foto: Dieter Babbe
Abbröckelnder Putz und herabfallende Dachziegel verschandeln nicht nur die Ansicht, sie sind auch eine Gefahr für Leib und Leben. Foto: Dieter Babbe FOTO: Dieter Babbe

Insbesondere der Turm, die Fenster und die Details an der Fassade machen das Eckhaus zur Langen Straße zu einem Hingucker. Abbröckelnder Putz und herabfallende Dachziegel verschandeln nicht nur die Ansicht, sie sind auch eine Gefahr für Leib und Leben. Foto: Dieter Babbe
Insbesondere der Turm, die Fenster und die Details an der Fassade machen das Eckhaus zur Langen Straße zu einem Hingucker. Abbröckelnder Putz und herabfallende Dachziegel verschandeln nicht nur die Ansicht, sie sind auch eine Gefahr für Leib und Leben. Foto: Dieter Babbe FOTO: Dieter Babbe
Aufnahme vom „Hotel zum Deutschen Kaiser“ (r.) vor dem Jahre 1910, wo heute der „grüne Kreml“ steht.
Aufnahme vom „Hotel zum Deutschen Kaiser“ (r.) vor dem Jahre 1910, wo heute der „grüne Kreml“ steht. FOTO: Aus "Genius Loci", Finsterwalder / Aus Genius
Insbesondere der Turm, die Fenster und die Details an der Fassade machen das Eckhaus zur Langen Straße zu einem Hingucker. Abbröckelnder Putz und herabfallende Dachziegel verschandeln nicht nur die Ansicht, sie sind auch eine Gefahr für Leib und Leben.
Insbesondere der Turm, die Fenster und die Details an der Fassade machen das Eckhaus zur Langen Straße zu einem Hingucker. Abbröckelnder Putz und herabfallende Dachziegel verschandeln nicht nur die Ansicht, sie sind auch eine Gefahr für Leib und Leben. FOTO: Dieter Babbe