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| 17:56 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
Große Schweinerei am Calauer Tor

Ein sorgenloser Schweinetreiber: Hans im Glück am Märchenhaus Finsterwalde.
Ein sorgenloser Schweinetreiber: Hans im Glück am Märchenhaus Finsterwalde. FOTO: Rainer Ernst
Finsterwalde. Warum Viehhändler Johann Gottfried Bock im Herbst 1844 ohne Mantel im Finsterwalder Regen stand. Von Rainer Ernst

Im Herbst 1844 erlebte Finsterwalde eine skurrile Szene, die einem Satiriker zur willkommenen Vorlage für eine Kleinstadtposse hätte dienen können.

An diesem Tage, es war der 7. Oktober, fand in Finsterwalde Viehmarkt statt. Bauern und Händler trieben allerlei Getier auf den Markt, um es an den Meistbietenden zu verkaufen.

Quittung für Pflastergebühr der Schweineherde.
Quittung für Pflastergebühr der Schweineherde. FOTO: Landeshauptarchiv Potsdam

Das traf sich für den Schwarzviehhändler Johann Gottfried Bock aus Tristewitz (jetzt eingemeindet nach Arzberg) bei Torgau gut, denn er musste seine, wohl gerade erworbene, aus 72 Schweinen bestehende Herde ohnehin durch Finsterwalde führen. So stand er vor dem Calauer Tor und begehrte für sich und seine Vierbeiner Einlass. Das Calauer Tor befand sich in etwa an der Stelle, wo sich heute die Graben-, und Lange Straße sowie der Lange Damm kreuzen. Das historische, einst recht große alte Stadttor gab es wahrscheinlich zu dieser Zeit schon nicht mehr, aber ein Torhaus existierte noch immer. Darin waltete der Einnehmer des Pflastergeleits seines Amtes. Diese städtische Gebühr, eine Art Maut, zählte zu den wichtigsten kommunalen Einnahmequellen. Jeder, der Finsterwalde durchquerte und kein Bürger oder Einwohner der Stadt war, musste sie zahlen. Auch für Tiere wurde sie erhoben.

Gottfried Bock staunte nicht schlecht, als ihm Einnehmer Meyer in forschem Ton verkündete, dass nicht die üblichen drei, sondern sechs Pfennig pro Schwein zu zahlen wären. Schließlich sei Viehmarkt und da gelte diese höhere Taxe, egal ob der Händler nur passieren wolle oder auch seine Ware feil biete. Das allerdings sah Bock nicht ein. Beim Bürgermeister persönlich wollte er sich nun ob der Rechtmäßigkeit erkundigen. „Meine Schweineherde wollte ich nun an einen sicheren Platz bringen“, gab Bock später zu Protokoll, „da so viele Wagen durch das Thor, wo ich mit den Schweinen halten mußte, hereinkamen, und mir leicht ein Schäden gemacht werden konnte. Es wurde mir darauf geantwortet: da müssen ein paar Schweine da bleiben. Meine Antwort: Nun dann nehmen Sie ein Paar. Damit können wir uns nicht abgeben, war die Erwiderung. Man nahm mir ohne Weiteres den Mantel von den Schultern und ich mußte im Regen stehen, wodurch ich bis auf die Haut naß wurde, weil ich meine Schweine in Sicherheit schaffen mußte.“ Als nun Bock seinen Mantel zurück haben wollte, teilte ihm Meyer mit, dass sich das gepfändete Kleidungsstück inzwischen beim Polizeiamt befinde. Nun machte sich der Viehhändler im strömenden Regen dorthin auf den Weg, um es wieder einzulösen. Polizeiactuarius Tesch gab den Mantel jedoch nicht heraus, sondern forderte zunächst eine Quittung über die Zahlung des aktuellen Pflastergeleits. Bock blieb nichts weiter übrig, als unbemantelt, frierend und durchnässt zum Torhaus zu eilen, die Gesamtsumme von einem Taler und fünf Silbergroschen zu löhnen und mit der ausgestellten Quittung wieder im Polizeiamt zu erscheinen. Das Ende der Odyssee und das Wiehern des Amtsschimmels waren damit aber noch immer nicht erreicht. Mit den Worten „Wer weiß, wer die Quittung geschrieben hat, das muß ich genauer wissen“, stellte der Büttel den Gebeutelten nun auch noch unter Betrugsverdacht. Ein Bote trug die Quittung zum Torhaus und ließ sie vom Pflastergeleiteinnehmer auf Echtheit prüfen. Erst nach dessen Rückkehr und positivem Bescheid erhielt Bock seinen Mantel zurück und konnte die Schweine über den Markt durch die Stadt treiben.

Da die ganze Prozedur mehrere Stunden gedauert hatte, waren die Käufer längst verschwunden. Bock wollte den erlittenen Verkaufsausfall, die hohe Gebühr und überhaupt „das gegen mich beobachtete Verfahren“ nicht einfach auf sich sitzen lassen und beschwerte sich. Bürgermeister Rehme jedoch stellte sich mit dem Bemerken, dass Bock schon „von früher her als ein unbescheidener, rechthaberischer und opponenter Mann bekannt ist“ vor seine Beamten. Die Königliche Regierung schloss sich diesem Verdikt letztlich an, und so verlief das Verfahren um eine merkwürdige Schweinerei am Calauer Tor im Sande.

Zitate aus: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Pr. Br. Rep 3 B, Regierung Frkf.(O), I V, Nr. 2540.