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Gleiches Ziel: Es soll friedlich bleiben

Bernd Heinke, Rainer Schröder, Ute Wolf-Hensel, Walter Lange und Wilfried Pas beim Podiumsgespräch zum Runden Tisch (v.r.).
Bernd Heinke, Rainer Schröder, Ute Wolf-Hensel, Walter Lange und Wilfried Pas beim Podiumsgespräch zum Runden Tisch (v.r.). FOTO: Heike Lehmann
Doberlug-Kirchhain. Ereignisreiche Monate waren es vor 25 Jahren in Doberlug-Kirchhain – von der friedlichen Revolution hin zum politischen Neuanfang. Pfarrer, Bürgermeister und Bürgerbewegte von einst haben sie noch einmal in Erinnerung gerufen – die Spannung und Anspannung von damals. Heike Lehmann

Schwarz-weiß-Fotos von 1989/90 versetzen die Gäste beim Bürger- und Heimatverein schnell in die Zeit, die sie selbst mehr oder weniger bewusst miterlebt haben. Diskussionsrunden, volle Kirchen, Beschäftigte vor Werktoren. Pfarrer i. R. Rainer Schröder, der letzte SED-Bürgermeister Walter Lange, Ute Wolf-Hensel - damals bei "Demokratie jetzt" - und Wilfried Pas als Vertreter der katholischen Kirche am Runden Tisch verdeutlichen die Dimension der Ereignisse. Bernd Heinke leitet das Gespräch.

Pfarrer Schröder wurde unter anderem für sein aktives und besonnenes Wirken in der Wendezeit zum ersten und bislang einzigen Ehrenbürger von Doberlug-Kirchhain ernannt. Seit 1991 lebt er in der Stadt Brandenburg. Er sagt: "Am schlimmsten empfand ich in der DDR die Erziehung zur Heuchelei. In der Öffentlichkeit sind viele anders aufgetreten als beim gemeinsamen Bier." Das übrigens haben der Pfarrer und der SED-Bürgermeister in der Wendezeit durchaus gemeinsam getrunken. Rainer Schröder macht Walter Lange ein Kompliment: "Wir waren nicht immer einer Meinung, haben uns aber respektiert und vertraut."

Der Zeit von der Kommunalwahl im Mai 1989, die in der Stadt nicht manipuliert wurde, wie mehrere Personen an diesem Abend versichern, bis zum 14. November 1989, als ein zweites Rathausgespräch als Annäherung von Rat der Stadt, SED-Mitgliedern und der evangelischen Kirchengemeinde stattgefunden hatte, folgte der Runde Tisch. Ein Höhepunkt war in der Stadt, als sich am 18. Oktober weit über 1000 Leute in und vor der Stadtkirche Kirchhain drängten, um Dr. Fischbeck von "Demokratie jetzt" zuzuhören. Manche reden gar von 2000 Leuten. Zugehört hat auch die Stasi. Just an diesem Tag war Erich Honecker zurückgetreten.

Dass sich nicht alles nur im Stadtteil Kirchhain abspielte, betont Ute Wolf-Hensel: "Auch die Doberluger Kirche wurde immer voller. Eine Basisgruppe von Demokratie jetzt wurde gegründet, wovon einige zum Runden Tisch gegangen sind." Dort sei "sachlich und zielorientiert die Zeit bis zu den freien Wahlen" begleitet worden, so Heinke. "Sehr gemäßigt und konstruktiv" beschreibt auch Schröder die Atmosphäre am Runden Tisch. Auch wenn er der Forderung der Antennengemeinschaft Doberlug, die Städte Kirchhain und Doberlug als Erstes wieder zu trennen, eine Abfuhr erteilte. Er weiß, dass ihm das damals mancher übel genommen hat, so der Pfarrer.

"Es war eine spannende, aber auch spannungsgeladene Zeit", macht Walter Lange deutlich. Dabei hält er ein hellblaues Buch in A4-Größe fest umklammert. Er hat es mitgebracht, sein letztes Dienstbuch, als bräuchte er es als Gedankenstütze. Darin fänden sich fast nur Wohnungsfragen, verrät er. Betriebsleiter hätten sich bei ihm gemeldet, weil immer wieder Beschäftigte plötzlich nicht mehr da waren. Und dass vom Rat des Kreises kaum hilfreiche Aussagen kamen, erinnert Lange. Aber auch das: "Wir waren uns mit dem Pfarrer einig: Es muss friedlich zugehen. Wir waren ja Militärstandort." Lange suchte den Dialog mit den Kommandeuren, um ihnen zu sagen: "In Doberlug-Kirchhain wird nicht geschossen!" Das sei sein Beitrag gewesen, betont er mehr als 25 Jahre später. Der Runde Tisch versuchte zu regeln, was die Menschen bewegte. Abwasser war schon damals ein großes Thema. Auch die Zukunft vom Schloss. In Hemer (Nordrhein-Westfalen) holte man sich erste Hilfe in Demokratie, so Bernd Heinke. Die neue Stadtverordnetenversammlung konstituierte sich am 23. Mai 1990. Doch der Traum von der besseren DDR habe sich sehr schnell zerschlagen, setzt Pfarrer Schröder an diesem Abend den Schlusspunkt.