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Glaube ist nie nur theoretisch

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Sie fordern uns heraus, die neuen Nazis, die mit Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit bei uns punkten wollen, die schon mal einen Bürgermeister oder einen Landrat bedrohen und nun auch eine für Flüchtlinge vorgesehene Unterkunft in Tröglitz angezündet haben. Wollen sie sich bei unserer Furcht vor den Fremden bedienen, die angeblich unseren Wohlstand bedrohen, die unseren Sozialstaat ausplündern? Oder wollen sie nur sehen, wie lange wir gleichgültig bleiben? Tröglitz ist weit weg, was gehen uns die Ausländer an? Wir haben selber Sorgen.

Vielleicht genügt ihnen ja, dass wir abseits stehen bleiben, mit den Händen in den Taschen.

Vor 70 Jahren, am 9. April 1945, wenige Wochen vor dem endgültigen Ende des Hitler-Regimes und des Zweiten Weltkrieges, wurde unter anderem Dietrich Bonhoeffer noch von den Nazis umgebracht. Er wollte nicht abseits stehen. Bonhoeffer war von Anfang an ein entschiedener Gegner des Naziregimes. Und er engagierte sich bei denen, die sich kritisch mit ihm auseinandersetzten. So wurde er in der Bekennenden Kirche aktiv und schließlich auch im politischen Widerstand. Er wusste von den Attentats- und Umsturzplänen des 20. Juli 1944, war aber zu diesem Zeitpunkt selbst schon inhaftiert. Wie weit er in seinem Denken und Tun den Menschen und auch den Christen seiner Zeit voraus war, zeigt allein die Tatsache, dass selbst die Bekennende Kirche, als sie von seiner Mitarbeit im Widerstand erfuhr, ihn aus ihren Fürbittenlisten strich, denn politischer Widerstand, gar Mitwirkung an einem Attentat, das gehört sich für einen Christen nicht, sagten viele damals.

Bonhoeffer lehnte unter anderem die Ausgrenzung und Diskriminierung der Juden ab. Er mahnte gerade auch in der Kirche Solidarität mit ihnen an, als die für einen Christen einzig mögliche Haltung. Abseits stehen oder sagen: "Das geht mich nichts an! Ich bin ja kein Jude!", das war ihm nicht möglich. Er hat seinen Einsatz mit dem Leben bezahlt.

Dietrich Bonhoeffer fordert mich und uns bis heute heraus. Wir müssen immer wieder und immer neu überprüfen, was christlicher Glaube heute für unser Denken und vor allem für unser Tun bedeutet. Christlicher Glaube ist nie nur eine theoretische, gar aufs Innerliche beschränkte Überzeugung. Glaube wird immer praktisch werden, wird immer verantwortliche Tat sein, und unsere Taten zeigen letztlich auch, wes Geistes Kind wir sind.

Lassen wir uns also herausfordern, lassen wir uns zu verantwortlichem Handeln ermutigen, auch um denen entgegenzutreten, die auf unsere Gleichgültigkeit setzen.

Michael Wolf

ist Pfarrer in Betten.