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Gestohlene Grüße

Rüdiger Sielaff.Die Stasi und das Postgeheimnis lautet das Thema einer Ausstellung im Schloss Doberlug.
Rüdiger Sielaff.Die Stasi und das Postgeheimnis lautet das Thema einer Ausstellung im Schloss Doberlug. FOTO: BärFoto: Dietmar Seidel
Mit diesem Ansturm hatten weder die Initiatoren noch die Vertreter der Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes, Außenstelle Frankfurt (Oder) (BStU), gerechnet. Sowohl der Beratertag als auch der Vortrag im Schloss Doberlug stießen in dieser Woche auf reges Besucherinteresse. Von Heike Lehmann

Der Zuspruch scheint im Jahr 19 nach der politischen Wende 1989 fast unglaublich. Ramona Tuchart, Sachbearbeiterin der BStU, konnte den Ansturm während des Beratertages gar nicht allein bewältigen. In vier Stunden haben sie, ihr Kraftfahrer und zum Teil der Chef der Behörde, 99 Erstanträge auf Akteneinsicht entgegengenommen. 33 Bürger stellten einen Wiederholungsantrag, weil sie das Ergebnis nach ihrem Erstantrag noch nicht zufrieden gestellt hat. Zwanzig Bürger suchten die Beratung. Mit den 50 Besuchern beim Vortrag „Postgeheimnis? Die Stasi und die Cottbuser Briefe“ vom Leiter der Außenstelle Frankfurt (Oder) , Rüdiger Sielaff, summierte sich die Besucherzahl im Doberluger Schloss auf rund 200.
„Weil wir schon mehrfach in der Region waren, hatten wir mit diesem Ansturm einfach nicht gerechnet“ , gesteht Ramona Tuchart überrascht.
Die Initiative für die Veranstaltung war vom SPD-Ortsverein Doberlug-Kirchhain mit Unterstützung der Stadt ausgegangen, die damit offenbar ins Schwarze getroffen hatten. „Auch 18 Jahre nach der Wende ist es wichtig, darauf hinzuweisen, wie wir als Bürger der DDR überwacht wurden, und nichts in Vergessenheit geraten zu lassen“ , betonte Lutz Kilian, Vorsitzender des SPD-Ortsvereins. Schon 2003 gab es eine Stasi-Ausstellung in Doberlug-Kirchhain - „Die Arbeit am Feind. Die Bürger im Visier der Stasi“ , erinnerte er. Noch bis zum 3. August ist jetzt die neue Schau „Postgeheimnis? Die Stasi und die Cottbuser Briefe“ im Schloss zu sehen.
Zu diesem Thema hielt Rüdiger Sielaff einen regional zugeschnittenen Vortrag, der von den Besuchern gespannt verfolgt wurde.

Viel überliefert
Doberlug-Kirchhain befand sich im Verantwortungsbereich der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Finsterwalde, die 51 Mitarbeiter hatte. Sie war unter den 14 Kreisdienststellen und der Objektdienststelle Schwarze Pumpe die viertgrößte Kreisdienststelle im Bezirk Cottbus. Für den Raum Doberlug-Kirchhain sei zehnmal so viel vom einstigen Stasi-Material überliefert worden wie beispielsweise von Bad Liebenwerda, wo er am folgenden Tag einen ähnlichen Vortrag hielt, verglich Sielaff. Die Zahl der Anträge auf Akteneinsicht steige in seiner Behörde.
Personenregistrierte Vorgänge seien für die Bezirke Frankfurt (Oder) und Cottbus alle erschlossen. Aber noch stehen 1554 Säcke mit vorvernichtetem - zerrissenem - Material im Keller der Frankfurter BStU-Außenstelle. 15 500 solcher Säcke gibt es noch bundesweit bei der BStU. Neben den von der Kreisdienststelle Finsterwalde archivierten personenbezogenen Unterlagen sind noch etwa 60 laufende Regalmeter Finsterwalder Unterlagen überliefert, deren Datierung von 1953 bis zum 2. Januar 1990 reicht.
Für die Postkontrolle war die Abteilung M der Bezirksverwaltung Cottbus, eine der ältesten überhaupt, die schon 1950 gegründet wurde, zuständig. Dort wurde ohne konkrete Fahndung kontrolliert. Sielaff zeigte die grünen Karteikarten, die nach Empfänger und Absender angelegt wurden, Angaben zu Beruf, Tätigkeit, Arbeitsstellen und Adressen enthalten konnten. „23 000 solcher Karteikartentaschen von Cottbus haben wir seit September 2003 zusammengesetzt. Das entspricht Daten von mindestens 46 000 Personen. Von Frankfurt (Oder) haben wir nicht eine gefunden“ , betonte der Vortragende.
Anlässe zum Mitlesen der Post waren für das MfS schon Kinderhandschriften oder Oma-Handschriften, extra verklebte Briefe, Siegel, unvollständige Adressenangaben und vor allem nicht übereinstimmende Absender und Aufgabeorte. „Wer dachte, schlau zu handeln und den Brief irgendwo unterwegs einwarf, hatte schon die Stasi auf sich aufmerksam gemacht.“ Zudem wurden die Briefe durchleuchtet. Ab Mitte der 70er Jahre kontrollierte die Stasi nicht mehr nur den Ost-West-Postverkehr, sondern ver stärkt auch innerhalb der DDR sowie die Briefe nach Polen und Tschechien. „In keiner Richtung konnte man sich postalisch frei bewegen“ , betonte Sielaff.
„In die grünen Karteikartentaschen kamen überwiegend Mikrofilme von den Briefen und Geldkopien, aber keine Originale, die sollten den Empfänger schon erreichen, nur die Stasi wusste vorher, was drin stand.“ Viele Briefe oder Postkarten oder auch mitgeschicktes Geld kamen dennoch nie an. Die Postkontrolle endete erst im November 1989.
In den MfS-Akten mit Hinweisen zu Sachverhalten und Personen aus Doberlug-Kirchhain geht es u. a. um die Ausforschung von NSW-Reisekadern, um IMs und um Menschen, die als Betroffene im Visier der Stasi standen. Das MfS interessierte sich für die wachsenden Schwierigkeiten in der Produktion. Im Betriebsteil Doberlug-Kirchhain des VEB Tischfabrik wurde 1978 beispielsweise ein anonymer Streikaufruf untersucht, der von einem Mitarbeiter auf die vorgefertigten Tischplatten geschrieben worden war - auf "gebeizte Eiche bzw. Esche", wie vermerkt wurde.

Bitte um Autogramme
In den Karteien der Postkontrolle der Bezirksverwaltung Cottbus finden sich viele Beispiele von Menschen aus Doberlug-Kirchhain und Umgebung, deren Post vom MfS gelesen wurde, wusste Sielaff. So wird für Doberlug-Kirchhain die Post aus Bayreuth in die Friedrich-Engels-Straße gelesen, ebenso Post aus den USA in die Straße Am Markt oder die Briefe in die Bahnhofsallee, die Finsterwalder Straße oder die Karl-Liebknecht-Straße.
Ein Mann aus Schönborn geriet ins Visier der Stasi, weil er "1986 mehrfach an eine Deckadresse des Rias geschrieben hat. Es wurden 7 Sendungen festgestellt." „In die Fänge der Postkontrolleure des MfS gerieten auch zwei Postkarten aus Doberlug-Kirchhain nach Düsseldorf und Bremen. Der junge Mann aus der Schillerstraße hatte die Adressen in der "Fix und Foxi" gelesen und wollte nun mit den Briefpartnern auch zum Tausch von Autogrammkarten von Schlagersängern und Filmstars kommen“ , erzählte Sielaff.
Es gab einen Fahndungsauftrag von der Abteilung M für einen Doberlug-Kirchhainer aus der Torgauer Straße. Dort wurden die Post und Pakete seit dem 17. Dezember 1986 kontrolliert, ergab die Aktenlage. „Ein solcher Fahndungsauftrag konnte nur für ein halbes Jahr beantragt werden, dann erlosch er. In dem Fall wurde er von 1986 bis zum 30. Dezember 1989 immer um ein halbes Jahr verlängert. Allerdings setzte das Ende der Postkontrolle im November 1989 einen vorzeitigen Schlusspunkt“ , verdeutlichte Sielaff, wie ernsthaft bis zum Schluss gearbeitet wurde. Seit Dezember 1987 hat man alle Briefe an eine Frau in der Goethestraße kontrolliert. In Finsterwalde waren es Briefe in die Kleine Ringstraße, Ernst-Grube-Straße, Schillerstraße, Artur-Becker-Straße und Kirchhainer Straße, Finkenweg, Alexander-Puschkin-Straße, in Sallgast Empfänger Am Bahnhof, in Sorno in der Dresdener Straße, in Massen in der Lindthaler Straße und Ponnsdorfer Straße, die unter anderem kontrolliert wurden.
„Nirgendwo kam die Stasi den Menschen so nah wie durch die Briefe“ , so Sielaff. Liebesgeständnisse, Nachrichten von Ausgereisten, im Stasi-Jargon als „Rückverbindung“ betitelt, verrieten einiges. Man wusste von unerlaubten Kontakten von Lehrern und Polizisten und geplanten Treffen im sozialistischen Ausland.
Zum Schluss führte Sielaff einen „traurigen Brief aus Doberlug-Kirchhain“ an, den eine Frau, deren Mann bei der Volkspolizei und der Vater als Sicherheitsinspektor arbeitete, an ihre Tante geschrieben hatte. Aus Angst vor Repressalien bat sie ihre Tante, nicht mehr zu schreiben. „Bitte verstehe, bleibe gesund!“

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 11 bis 17 Uhr; Samstag/Sonntag von 14 bis 17 Uhr im Schloss Doberlug. Eintritt frei.

Zitiert Was die Stasi aufmerken ließ
  „Mögen Deine Wünsche in Erfüllung gehen.“
„... dass Du wieder zusammen mit Deinem Sohn sein kannst.“
„... nächste Zeit folgt ein ausführlicher Brief, der dringend einer Rückantwort bedarf.“
„Ist nun schon das zweite Weihnachten, dass ich nicht zu Hause sein kann. Voriges Jahr habe ich gearbeitet und dieses klappt es nicht.“
„Schicke mir doch bitte mal einen Panzer per Post, damit ich über die Grenze komme.“