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| 18:18 Uhr

Gerettet und doch gestorben

Erika Arlt (l.) begleitet Paul Korngold, der ergriffen vor den Gräbern seiner in Tröbitz verstorbenen Großeltern steht.
Erika Arlt (l.) begleitet Paul Korngold, der ergriffen vor den Gräbern seiner in Tröbitz verstorbenen Großeltern steht. FOTO: Babbe
Tröbitz. Sie haben die 14 schlimmen Monate im Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt. Sie überstanden unter Qualen die zweiwöchige Irrfahrt im "Verlorenen Transport" quer durch Deutschland. Doch dann musste Martha Korngold am Tag ihrer Befreiung in Tröbitz sterben, ihr Mann folgte einige Tage später. Jetzt soll auch an die beiden Juden erinnert werden. Im Dorf bereitet man sich auf ein großes Jubiläum vor. Dieter Babbe

Am 23. April 1945 öffneten Soldaten der Roten Armee die Türen des Häftlingszuges, vollgepfercht mit hungernden und kranken Menschen, die vom KZ Bergen Belsen ins KZ Theresienstadt geschafft werden sollten. Bei der Fahrt waren täglich Frauen, Männer und Kinder gestorben und gleich an der Bahnstrecke verscharrt worden. Paul und Martha Korngold hatten die Fahrt überstanden und sind befreit worden. Doch Martha verstarb noch am ersten Tag in Freiheit, ihr Mann starb nur Tage später am 14. Mai. Während er auf dem jüdischen Friedhof am Rande des Dorfes beigesetzt worden ist, kam Martha Korngold zunächst in ein Massengrab unweit der Blockstelle der Grube Hansa unmittelbar neben dem Bahndamm, von wo sie Anfang der 50er Jahre in die Gedenkstätte inmitten des Dorfes umgebettet wurde. Ergriffen vom Schicksal seiner Großeltern besuchte unlängst der in den USA lebende Enkel Paul Korngold die Grabstellen in Tröbitz.

Immer wieder kommen jetzt Angehörige von Insassen des "Verlorenen Transports", die in Tröbitz überlebt haben oder hier gestorben sind, aus aller Welt in die Gemeinde, um sich über das Schicksal ihrer Verwandten zu informieren und sich vor den Gräbern ihrer zu erinnern. Im kommenden Jahr jährt sich zum 70. Mal das in Deutschland einzigartige Zusammentreffen von Juden und Deutschen. "Es sind zum Ende des Krieges mehrere Züge mit jüdischen Häftlingen durch Deutschland geschickt worden - doch nirgends hat man den Menschen so geholfen, wie in Tröbitz, wo nach und nach die Angst der Hilfsbereitschaft wich." In Süddeutschland und in Deutschland seien solche Züge verschlossen geblieben, die Insassen sind verhungert, verdurstet, sogar erschossen worden. Es hat regelrechte Hasenjagden auf jüdische KZ-Häftlinge gegeben", berichtet Ralph Gabriel.

Der Österreicher aus Berlin hat den Auftrag, die Geschichte um den "Verlorenen Transport" bis April nächsten Jahres in 13 Stelen anschaulich zu dokumentieren, die an verschiedenen Stellen in und um Tröbitz als Open-Air-Ausstellung, also unter freiem Himmel, einen Platz erhalten. So sollen Stelen am Gemeinschaftsgrab neben der evangelischen Kirche, vor der Schule, an den Gemeinschaftsgräbern in Langennaundorf und in Wildgrube, insbesondere aber vor dem jüdischen Friedhof in Tröbitz aufgestellt werden. Die Gesamtkosten belaufen sich auf mehr als 103 000 Euro, wovon der Bund fast 52 000, die das Land und die Gemeinde Tröbitz jeweils 25 910 Euro beisteuern werden.

Ralph Gabriel sichtete in den vergangenen Monaten zahlreiche Dokumente aus der Zeit von April bis Ende August 1945, als die letzten Juden Tröbitz verlassen hatten, sowie viele Erinnerungsberichte und Film- und Fotoaufnahmen auch über Tröbitzer, die Augenzeugen waren. Als er dieser Tage erneut in der Gemeinde war, sprach er unter anderen mit Werner Mann, der als Kind die Geschehnisse hautnah verfolgt hat.

Eine besondere Würdigung werde Erika Arlt in der Ausstellung erfahren, erklärt Ralph Gabriel. Die Tröbitzerin hat jahrzehntelang die Geschichte des "Verlorenen Transports" und das Leben und Sterben der Menschen erforscht sowie Kontakt zu vielen Überlebenden und deren Angehörige gehalten.

Mitte November hat sich bei ihr erneut Besuch aus Israel angekündigt. Zwi Birnbaum will mit seiner Frau und seinen fünf Kindern Tröbitz besuchen. Seine Eltern hatten den Todeszug überlebt und sich in einem Haus in der Schildaer Straße um die Waisenkinder des Zuges gekümmert.