| 18:26 Uhr

Gefangen in eigenen vier Wänden

Nur mit größter Anstrengung kann Erika Thiede die 24 Stufen zu ihrer Mietwohnung Am langen Hacken überwinden. Ein Treppenlift würde ihr und ihrem zu 100 Prozent behinderten Partner helfen.
Nur mit größter Anstrengung kann Erika Thiede die 24 Stufen zu ihrer Mietwohnung Am langen Hacken überwinden. Ein Treppenlift würde ihr und ihrem zu 100 Prozent behinderten Partner helfen. FOTO: Heike Lehmann
Finsterwalde. Erika Thiede wohnt im 1. Stock in Finsterwalde. Die 82-Jährige ist nicht mehr gut zu Fuß und möchte sich einen Treppenlift einbauen lassen. Der Vermieter verweigert seine Zustimmung. Heike Lehmann

"Da ich nur noch wenige Meter laufen kann und meist im Rollstuhl fahre, erwäge ich den Einbau eines Treppenliftes. Um in meine Wohnung zu gelangen, muss ich 24 Stufen überwinden, was mich eine besondere Kraftanstrengung kostet ..." Mit diesen Worten hat sich Erika Thiede an ihren Vermieter, die Wohnungsgenossenschaft Finsterwalde, gewandt. Denn: Die 82-Jährige möchte auf eigene Kosten für sich und ihren 84-jährigen Partner, der zu 100 Prozent behindert ist hat, einen Treppenlift einbauen lassen. Eine fünfstellige Summe würde sie das kosten. Dazu muss der Vermieter aber seine Einwilligung geben.

Die Wohnungsgenossenschaft hat den Antrag von der technischen Abteilung prüfen lassen und teilte am 16. August mit: "Unter Abwägung aller Umstände können wir Ihnen keine Genehmigung dafür erteilen." In der Begründung heißt es unter anderem: Die Geländer seien für diese Nutzung nicht ausgelegt, Einschränkungen in der Treppenbreite für den Notfall seien zu berücksichtigen. Stattdessen wurde Erika Thiede bei einem Vor-Ort-Termin ein "Umzug in eine geeignete Wohnung" angeboten. Zahlreiche Wohnungen habe man bereits mit Aufzügen ausgestattet, die ohne Schwellen oder Stufen zu erreichen seien. Sollte dies nicht infrage kommen, solle die Mieterin als Alternative einen treppenfahrenden Rollstuhl prüfen.

Mit dieser nicht zufriedenstellenden Antwort hat sich Erika Thiede am LR-Reportertelefon gemeldet. "Ich wohne seit 1960 hier, seit es die Häuser gibt. Und irgendwie bin ich auch ein Teil der Genossenschaft, wir haben ja Anteile", erklärt sie. Will oder muss sie zum Arzt, Zahnarzt, zur Therapie oder zur Sparkasse, dann fährt sie ihr Schwiegersohn mit dem Auto. Noch in diesem Jahr saß die 82-Jährige selbst hinterm Steuer. "Das geht jetzt nicht mehr", bedauert sie. Wird sie abgeholt, braucht sie etwa eine Viertelstunde, um die Treppen hinunter zu steigen. "Hoch ist es eine Quälerei." Es wird die Zeit kommen, wo sie die Stufen gar nicht mehr schafft. Sie will aber so lange wie möglich selbstbestimmt ihre Erledigungen in der Stadt machen, Veranstaltungen besuchen, einfach am Leben teilhaben. Sie hat Kontakt zu einer Firma aufgenommen, die spezielle Treppenlifte anbietet, "die weder Schäden an Geländer noch an den Treppen verursachen, ohne Bohren, ohne Dreck. Der Lift ist zurückklappbar. Der Genossenschaft entstehen keine Kosten", zählt sie aus ihrer Sicht die Vorteile auf. Einen entsprechenden Katalog hatte sie ihrem Antrag beigefügt. "Der aber wurde vermutlich nicht einmal angesehen", glaubt sie.

Der Vorstandsvorsitzende der Wohnungsgenossenschaft Finsterwalde, Ullrich Witt, lenkt ein: "Wir werden die technischen Möglichkeiten noch einmal prüfen. Richtmaß ist eine DIN-Vorschrift, deren Einhaltung muss uns die Fachfirma bestätigen." Eine Genehmigung vom kreislichen Bauordnungsamt sei einzuholen und zu prüfen, ob der Brandschutz gewährleistet bleibt. Das alles hat er Erika Thiede in dieser Woche per Brief mitgeteilt. Am Dienstag wird ein Vertreter vom Treppenliftanbieter nach Finsterwalde kommen, um die Fragen vor Ort zu klären.

Erika Thiede hofft auf ein gutes Ende und fügt den Paragrafen 554a Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) Barrierefreiheit an. Der wurde geschaffen, weil viele Menschen nur noch durch behindertengerechten Umbau der Wohnung oder des Treppenhauses in ihrem gewohnten Umfeld weiter leben können.

Es gebe bei berechtigtem Interesse also einen Rechtsanspruch auf bauliche Maßnahmen oder Einrichtungen. Dieses Interesse liegt vor, wenn dadurch eine Behinderung abgebaut oder geschmälert werden kann, um dem Mieter die uneingeschränkte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.