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Garaus für Vögel und Fledermäuse

Von einer Windanlage getöteter Seeadler bei Dabern.
Von einer Windanlage getöteter Seeadler bei Dabern. FOTO: Gierach
Herzberg/Dabern. Mehr als 200 Windkraftanlagen mit einer installierten elektrischen Leistung von rund 300 Megawatt gibt es derzeit im Landkreis Elbe-Elster. Was dem Energie-Mix dient, fordert gleichzeitig Opfer. Besonders unter Vögeln und Fledermäusen sind die Verluste groß, genaue Zahlen gibt es jedoch nicht. Gabi Böttcher /

Mit einem deutlich sichtbaren offenen Flügelbruch fand der Luckauer Ornithologe Klaus-Dieter Gierach zuletzt Ende Februar einen toten Seeadler unter einer Windkraftanlage bei Dabern. Zuvor hatte er schon einen anderen bei Brenitz entdeckt, der allerdings von einem Zug erfasst worden war. Früher seien Anflüge an Züge die häufigste Todesursache gewesen, jetzt sorgten mehr und mehr Windkraftanlagen dafür. Klaus-Dieter Gierach, der seit Anfang der 1980er-Jahre seiner Leidenschaft als Ornithologe nachgeht und nach seiner Schätzung bereits ein paar Tausend Vögel beringt hat, sieht die Entwicklung zwiespältig. Es sei zwar nicht schön, ein solches totes Tier zu finden, doch er plädiere für eine nüchterne Betrachtung. "Der Strom muss ja auch irgendwo herkommen", sagt der Tierfreund. Und angesichts des wieder zunehmenden Bestandes an Seeadlern in Brandenburg könne man nicht von gravierenden Auswirkungen der Anlagen auf diese Art sprechen. Gierach hat seinen Fund an die untere Naturschutzbehörde sowie die staatliche Vogelschutzwarte beim Landesumweltamt gemeldet und das Tier für wissenschaftliche Untersuchungen weitergegeben. "Das ist aus meiner Sicht das Wichtigste", so der Ornithologe. Der Seeadler habe zwei Ringe getragen. Einen Kennring zur Einordnung aus der Ferne und einen der Vogelwarte. "Daran war zu erkennen, dass das Tier aus Sachsen stammte", so der Fachmann.

Ganz so nüchtern sehen andere Naturfreunde nicht auf die Zahl der Schlagopfer unter Vögeln und Fledermäusen. Es ginge auch ihnen nicht um eine generelle Ablehnung der Anlagen, jedoch sehr wohl um eine genaue Prüfung der Standorte. Karl-Ulrich Hennicke aus Doberlug-Kirchhain, Vorsitzender der Nabu-Regionalgruppe Finsterwalde: "Mir macht es große Sorge, dass die untere Naturschutzbehörde keinen Einfluss auf die Genehmigungsverfahren hat." Auch der Einfluss des Nabu reiche nicht, um Wildwuchs von Anlagen zu verhindern. So stoße ihm die vom Landesumweltamt erteilte Baugenehmigung für ein 180 Meter hohes Windrad zwischen Schönborn und Doberlug-Kirchhain schwer auf. Für die nur 750 Meter von der geschlossenen Wohnbebauung in Schönborn geplante Anlage hatten Kommunen und Naturparkverwaltung als ein Argument den im nahen Buchwald nistenden und geschützten Schwarzstorch angeführt. Ohne Erfolg. Nicht nur Vögel, auch die geschützten Fledermäuse werden häufig Opfer von Windkraftanlagen. Sie würden regelrecht geschreddert. Der Experte Maik Korreng von der Fledermaus-Initiative des Nabu Finsterwalde sieht ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen dem Einfluss der Vorhabenträger und den Einwänden der Naturschützer. Im Falle der Schönborner Anlage habe er sich noch einmal an den Nabu-Landesverband gewandt, um eine Verbandsklage prüfen zu lassen. Zum Beispiel sei der Kleine Abendsegler, der zu den Opfern von Windanlagen zähle, betroffen. Er pendle zwischen dem Naturschutzgebiet Buchwald und dem Birkbusch. In Altholzinseln in sehr alten Buchen sei er beheimatet. Maik Korreng bedauert, dass die sogenannten tierökologischen Abstandskriterien von Windanlagen zugunsten der Betreiberfirmen reduziert worden seien. Da es für Ehrenamtler nur sporadisch möglich sei, sich einen Eindruck von der Zahl der Opfer zu verschaffen, habe er sich mit einer Anfrage an das Landesumweltamt gewandt. Eine Antwort stünde noch aus. Da es sich bei gefundenen und gemeldeten Tieren um zufällige Daten handelt, können weder seitens des Landkreises noch des Landesamtes belastbare Zahlen zu Schlagopfern genannt werden, heißt es aus der Kreisverwaltung und dem Landesamt. Wer sich ein Bild über die betroffenen, aufgefundenen Arten verschaffen möchte, die durch Kollision mit Windanlagen zu Tode kamen, könne das über die Zentrale Fundkartei tun, die vom Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz (LUGV) geführt wird. Nach aktueller Erkenntnis seien laut Tobias Dürr von der Vogelschutzwarte zum Beispiel seit 2001 in Brandenburg 34 Seeadler tot gemeldet worden, in Deutschland seien es 105. Dieter Lehmann vom Naturschutzverein Elsteraue Falkenberg/Elster macht darauf aufmerksam, dass ein betroffenes Tier durchaus verletzt weitersegeln und erst viele Meter von der Anlage entfernt niedergehen und schließlich vom Fuchs geholt werden könne. Er selbst erinnert sich an einen Seeadler, der einer Windkraftanlage bei Koßdorf zum Opfer gefallen war. "So ist das in der modernen Welt", sagt Dieter Lehmann, der sich für erneuerbare Energien ausspricht. Doch eines ist für ihn auch klar: Keine Windkraftanlagen in Waldgebieten und auf Vogelzugstrecken bauen.

Im aktuellen Windkrafterlass Brandenburgs sind Abstandskriterien nicht nur für Menschen, sondern auch aus tierökologischer Sicht enthalten, die bei der Planung und Genehmigung von Windkraftanlagen zu beachten sind. "Hier sind die Schutz- und Restriktionsbereiche für den Seeadler und weitere gegenüber Windkraftanlagen empfindliche Vogelarten aufgeführt, die zu berücksichtigen sind", heißt es aus der unteren Naturschutzbehörde. Voraussetzung sei selbstverständlich, dass die Horste der Seeadlerbrutpaare, deren Hauptnahrungsflächen und Hauptflugrichtungen ausreichend und mit der aktuellen Methodik ermittelt würden. Dies liegt in der Verantwortung der Vorhabenträger beziehungsweise Windradplaner. Für Maik Korreng liegt hier ein Knackpunkt. Es könne doch nicht sein, dass vom Windanlagen-Betreiber bezahlte Planungsbüros diese Untersuchungen ausführen. Für Maik Korreng und Klaus-Dieter Gierach ist gleichermaßen klar: Die Datenbank der Schlagopfer enthält nur einen Bruchteil der tatsächlichen Opfer der fliegenden Tierwelt. Bei einer Konferenz in Thüringen habe man kürzlich festgestellt, dass die Rauhautfledermaus auf lange Sicht durch Windkraftanlagen stark gefährdet sein werde. Klaus-Dieter Gierach ist überzeugt: Eine Vorsorge an den Anlagen, die den Tieren die Kollision ersparen könnte, ist praktisch nicht möglich.