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| 02:37 Uhr

"Für mich ist sie eine Heldin"

Sie hat die Geschehnisse rund um den "Verlorenen Transport" aufgearbeitet und sich viel Anerkennung erworben: Erika Arlt. Im Alter von 89 Jahren ist sie verstorben.
Sie hat die Geschehnisse rund um den "Verlorenen Transport" aufgearbeitet und sich viel Anerkennung erworben: Erika Arlt. Im Alter von 89 Jahren ist sie verstorben. FOTO: Dieter Babbe
Tröbitz. Am Wochenende erreichte uns die traurige Nachricht: Erika Arlt ist tot. Ihr Name war und bleibt auch in Zukunft untrennbar mit der Erforschung des "Verlorenen Transports" und des tragischen Schicksals von tausenden jüdischen Menschen verbunden, die in den letzten Kriegstagen in Tröbitz von der Roten Armee aus den Fängen der Nazis befreit wurden. Erika Arlt hinterlässt ein Lebenswerk von unschätzbarem Wert. Dieter Babbe

Bereits seit den 70er Jahren erforschte Erika Arlt, anfangs noch gemeinsam mit ihrem Mann, in akribischer Kleinarbeit die Ereignisse um den Zug, der im Frühjahr 1945 2500 Juden vom KZ Bergen-Belsen ins KZ Theresienstadt bringen sollte und am 23. April wegen der heranrückenden Front in Tröbitz zum Stehen kam. 558 Häftlinge starben während der fast zweiwöchigen Irrfahrt durch Deutschland und noch nach ihrer Befreiung an den Folgen von Hunger, Krankheit und Erschöpfung. Erika Arlt dokumentierte aufwändig die Einzelschicksale vieler Verstorbener und Überlebender, trug Augenzeugenberichte von Zuginsassen wie von Tröbitzern zusammen, sammelte Materialien zu den Grabstätten in und um Tröbitz, hielt auch für die Nachwelt fest, wie sich in damals beispielloser Art und Weise Tröbitzer um Juden kümmerten. Und sie hatte viele freundschaftliche Kontakte zu zahlreichen Überlebenden und deren Angehörigen in aller Welt, für die sie zum wichtigsten Ansprechpartner wurde, wenn sie um Auskünfte baten oder in Tröbitz die Gräber ihrer Angehörigen besuchten.

In einer 40-seitigen Dokumentation berichtet Erika Arlt über die Gräber von Juden in Tröbitz, Wildgrube, Langennaundorf und Schilda, die zu Gedenkstätten geworden sind. Ihre mehrbändige Materialsammlung über den "Verlorenen Transport" hat sie vor sieben Jahren bereits dem Finsterwalder Kreismuseum und der Gedenkstätte KZ Bergen-Belsen zur Verfügung gestellt. Und als in diesem Jahr anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des Zuges in Tröbitz eine neue, viel beachtete Stelen-Ausstellung eröffnet wurde, sagte der Kurator Raph Gabriel hochachtungsvoll über Erika Arlt: "Ohne diese Frau hätte es diese Ausstellung so nicht gegeben."

Für ihr Engagement ist Erika Arlt 1997 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und 2008 mit dem Preis für Heimatgeschichte des Landkreises Elbe-Elster geehrt worden. Sie habe im Ausland und vor allem in Israel zu einem neuen, einem humanistischen Deutschland-Bild beigetragen, heißt es in der Laudatio des Landkreises.

Immer wieder würdigten insbesondere auch Juden die Tröbitzerin, so wie die niederländische Autorin Saskia Goldschmidt, die acht Familienmitglieder im Todeszug und in den Konzentrationslagern verloren hat. Sie widmet in ihrem Buch mehrere Seiten Erika Arlt, von der sie am Wochenende in einem LR-Telefonat sagte: "Bevor ich diese Frau kannte, hatte ich einen Hass auf alles Deutsche. Durch Erika Arlt hat sich das geändert. Für mich ist sie eine Heldin."

Nicht zuletzt hat der Autor dieses Nachrufes die Arbeit von Erika Arlt über Jahrzehnte verfolgt und in der Lausitzer Rundschau öffentlich gemacht. Dabei wollte sie nie im Vordergrund und nur ungern vor der Kamera stehen, stattdessen hat sie immer wieder Kontakte mit Überlebenden und Angehörigen vermittelt, die von ihren ganz persönlichen Erinnerungen berichteten, damit die schrecklichen Geschehnisse niemals in Vergessenheit geraten. Erika Arlt war diese Botschaft wichtig, wie sie immer wieder betonte: "So etwas wie in Tröbitz darf es nie wieder geben." Ihre Forschungsarbeit verstand sie als eine Art "Wiedergutmachung dafür, was wir Deutschen den Juden angetan haben", wie sie sagte - obwohl ihr Mann Richard als Antifaschist bei den Nazis selbst zweieinhalb Jahre hinter Gittern sitzen musste.

Ihre Bescheidenheit wirkt auch im Tode nach: Eine öffentliche Trauerfeier wird es nicht geben, hat sie verfügt. "Wenn ich Abschied nehme, will ich leise gehen", heißt es in ihrer Todesanzeige, die sie selbst verfasst und gestaltet hat. Die Urnenbeisetzung wird Ende November auf dem Tröbitzer Friedhof auf der Grabstelle neben ihrem Mann im engsten Freundeskreis stattfinden, teilt Rainer Bauer, seit zwei Jahrzehnten zusammen mit seiner Lebensgefährtin eng mit Erika Arlt verbunden, am Wochenende auf Anfrage mit. In den nächsten Tagen will er ein Kondolenzbuch ins Internet stellen.

Erika Arlt ist am 12. November mit 89 Jahren in ihrem Haus in Tröbitz verstorben.