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| 19:23 Uhr

Forschung im Wald
Ordentlich Betrieb in den Nistkästen

 Gut bewohnt: Der Blick in die Nistkästen eines Forschungsprojekts zur Untersuchung der Brutvogelfauna im Revier Weißhaus gibt Aufschluss über den Einfluss von Kahlfraßereignissen und Insektiziden. Im Bild: etwa sieben Tage alte Kohlmeisen.
Gut bewohnt: Der Blick in die Nistkästen eines Forschungsprojekts zur Untersuchung der Brutvogelfauna im Revier Weißhaus gibt Aufschluss über den Einfluss von Kahlfraßereignissen und Insektiziden. Im Bild: etwa sieben Tage alte Kohlmeisen. FOTO: Heike Lehmann
Buchhain. Die Lausitzer Wälder haben schwer mit Schädlingen und deren Folgen zu kämpfen. Was heißt das eigentlich für die Brutvögel? Wird ihnen gar die Nahrung weggespritzt? Ein Forschungsprojekt sucht auch im Revier Weißhaus Antworten. Von Heike Lehmann

Martin Sedlaczek stapft durch den Kiefernwald im Revier Weißhaus. Seit 2017 ist er dort unterwegs. Er untersucht mit wissenschaftlichem Ansatz die Brutvogelfauna, ist also den Kohl- und Blaumeisen, den Tannenmeisen, dem Trauerfliegenschnäpper, Rotkehlchen, Zaunkönig, Misteldrossel, Pirol und anderen Piepmätzen auf der Spur.

Das macht er im Zusammenhang mit Kahlfraß, wie ihn beispielsweise die Kiefernbuschhornblattwespe ausgelöst hat, und dem vom Menschen gesteuerten Einsatz von Insektiziden, um die Wälder vor solch massivem Schädlingsbefall zu schützen. Er geht der Frage nach, ob diese gravierenden Einflüsse auch Auswirkungen auf die Brutvögel haben. Wenn ja, sind die positiv oder negativ? Im schlimmsten Fall: Sind die Brutvögel bedroht, weil ihr Futter knapp wird?

Das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderte Verbundprojekt, an dem sich auch das Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde (LFE) beteiligt, heißt „RiMa-Wald“ – die Langversion: „Zukunftsorientiertes Risikomanagement für biotische Schadereignisse in Wäldern zur Gewährleistung einer nachhaltigen Waldwirtschaft“. Sedlaczeks Aufgabe dabei ist das Nistkastenmonitoring. Diese Untersuchung läuft bis Ende 2019.

Mehrere Waldflächen werden vergleichend beobachtet. Immer 60 bis 70-jährige Bestände, aber unterschiedlicher Belastung. Auf etwa 20 Hektar im Revier Weißhaus, einem typischen Kahlfraßgebiet – „wir hatten hier über 90 Prozent Nadelverlust“, sagt Revierförster Torsten Bieler – sind im Abstand von 50 Metern 30 Nistkästen angebracht. Das Monitoring läuft außerdem auf einer mit Insektiziden behandelten Fläche und auf einer unbehandelten und unbefressenen Fläche.

 Martin Sedlaczek (l.) begleitet das Nistkästenmonitoring und gibt Revierförster Torsten Bieler einen Zwischenstand.
Martin Sedlaczek (l.) begleitet das Nistkästenmonitoring und gibt Revierförster Torsten Bieler einen Zwischenstand. FOTO: Heike Lehmann

Sedlaczek kontrolliert die Nistkästen nach Gelege, Nestlingen, welche Art, wie viel fliegen aus? Er notiert die Daten in Nestkarten, um die Ergebnisse publizieren und in Fachzeitschriften diskutieren zu können, wie er sagt. Auch Temperaturen und Niederschlagsmengen werden dokumentiert. Eintrag vom 24. April: „4 Eier, bedeckt, noch in der Legephase, Eier sind noch warm, werden schon bebrütet.“ Sedlaczek darf in die Nester schauen, er hat eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung. „Die Jungen sind nicht geruchsempfindlich, auch die Alten stört es nicht“, beruhigt er.

 Mit einem Spiegel wird vorsichtig ins Nest geschaut.
Mit einem Spiegel wird vorsichtig ins Nest geschaut. FOTO: Heike Lehmann

Bis Ende Juli wird er jetzt wöchentlich vor Ort sein. Für das Kahlfraßgebiet kann er sagen: „Im Laufe eines Jahres sind die Nistkästen zu etwa 70 Prozent belegt. Das hat das Jahr 2018 erbracht. Zur Zeit sind etwa 50 Prozent belegt, was noch nichts heißt, denn die Vögel siedeln sich zum Teil noch an.“

Der Revierförster schlussfolgert: „Das heißt, auch im Kahlfraßgebiet finden die Vögel noch genug Nahrung. Es wirken ganz andere Komponenten.“ Der Prädatorendruck sei für ihn entscheidender, wie er sagt. Vor Nesträubern wie Marder und Waschbär müsse man die Brutvögel schützen. Wichtig ist deshalb die Bauart der Nistkästen. Auch hierzu kann Sedlaczek Schlüsse ziehen.

Er öffnet einen Nistkasten Typ bayrischer Giebelkasten. Verwesender Geruch steigt aus dem Nest. Neben drei Eiern findet er tote junge Kohlmeisen. Sie sind etwa zehn Tage alt, wie er anhand ihrer Handschwingen erkennt. Er schaut in seinen Aufzeichnungen nach: Das Gelege hatte mal neun Eier. Nun weiß er: Sechs Jungvögel waren geschlüpft. Alle sind tot. Als Ursache vermutet er Nahrungsmangel in Folge einer Kältephase. „Die Vögel waren in ihrer Entwicklung zurück“, sagt er.

Der Blick in die „Vogelwohnung“ Typ Neschwitz – „sicher gegen Waschbären“, wie er sagt – versöhnt: Auf hohem Moosunterbau regen sich sieben putzmuntere Kohlmeisen, etwa sieben Tage alt. Weit geöffnete Schnäbel recken sich in die Höhe. In einem weiteren Nest findet er zwei hellblaue Eier eines Trauerfliegenschnäppers. Bis zu sechs Eier erwartet er hier. Die Vögel sind noch nicht fertig mit ihrem Gelege.

 Der Spiegel verrät: Das Nest ist bewohnt, die Jungen sind wohlauf.
Der Spiegel verrät: Das Nest ist bewohnt, die Jungen sind wohlauf. FOTO: Heike Lehmann

Expertentipp für Nistkästen im Garten: Nach der Brut unbedingt Nistkasten reinigen! Kot, Parasiten und Räuber sind Feinde für eine erfolgreiche Brut.