Fertig gestellt war das mit fast 54 Metern höchste Bauwerk der Stadt, das ursprünglich am Langen Damm, dann im Scheunenviertel entstehen sollte, letztlich aber am Neuen Markt gebaut wurde, bereits im März 1910. Doch erst am 1. November erfolgte die Ab- und Inbetriebnahme des Wasserturms, den die Firma Arthur Tonke und neun weitere Firmen in eineinhalb Jahren errichtet hatten. Probleme bereitete das stark eisenhaltige Wasser. Wegen Geldknappheit ist der Entwurf, der ein verschnörkeltes Seitentürmchen vorsah, in dem eine Wendeltreppe um den Wasserbehälter führen sollte, verworfen worden - “er passt nicht in das Stadtbild„, hieß es von städtischer Seite. Der dann als Monumentalbau errichtete Turm ist zunächst nicht von allen als “Zierde unserer Stadt„, so die offizielle Rathausmeinung, angesehen worden. So behaupteten doch tatsächlich “böse Zungen„ und “einige Scharfseher„, der Wasserturm stehe schief, wie Bürgermeister Geist beklagte.

Der Finsterwalder Wasserturm steht gerade. Keiner wüsste es besser als Harry Prell. Seit seiner Lehrzeit vor 30 Jahren kümmert er sich mit um die Wasserversorgung in der Stadt - für die der Wasserturm noch immer eine große Rolle spielt. “Er dient als Wasserspeicher und Druckausgleich. Am Tage wird der 450 Kubikmeter große Behälter gefüllt und in der Nacht wird er bis zur Hälfte geleert - und das wird vom Wasserwerk in der Kirchhainer Straße aus völlig automatisch gesteuert„, erklärt der 45-jährige Stadtwerker.

Zweimal in der Woche steigt Harry Prell die immer enger werdenden Leitern mit den insgesamt 150 Stufen im Wasserturm hoch, um in allen vier Etagen nach dem Rechten zu sehen. Von der nur sehr schmalen Aussichtsplattform ganz oben hat man einen weiten Blick in allen Richtungen über die Stadt - “wo es in der Leipziger Straße nur noch einen einzigen hohen Schornstein gibt„. Genießen kann den Ausblick freilich leider nicht jedermann. Zu gefährlich sind die steilen Leitern, die an der engsten Stelle nur etwa 60 Zentimeter am Wasserbehälter vorbeiführen, wo sich Schlanke geradeso durchzwängen können.

Bis 250 Kubikmeter Wasser werden am Tage in der Stunde verbraucht. “Dabei sind die Schwankungen mitunter sehr hoch„, registriert Harry Prell. In den Halbzeitpausen wichtiger Fußballspiele kann der Wasserverbrauch schon mal schlagartig um das Zehnfache ansteigen - weil viele zur Toilette gehen.

Viel Interessantes weiß der Stadtwerker aus der Geschichte des Finsterwalder Wasserturms zu berichten. Am letzten Kriegstag sollen sich deutsche Soldaten mit Maschinengewehren und dem Befehl im Wasserturm verschanzt haben, die anrückende Rote Armee aufzuhalten. Die antwortete mit Geschütztreffern, deren Einschüsse später mit anderen Klinkern ausgebessert wurden und so heute noch sichtbar sind. Um die Wendezeit ist der Wasserturm vom Kreisbaubetrieb eingerüstet und äußerlich saniert worden.