Der Einwohnerverlust hat zwei hauptsächliche Gründe. Nach der Wende wanderten im Schnitt pro Jahr 164 Personen mehr aus der Stadt meist in Richtung Westen ab, als zugezogen sind. Auch wenn sich der Trend seit 2010 leicht umgekehrt hat, schrumpft die Sängerstadt dennoch weiter. In den letzten zwei Jahrzehnten stehen den im Schnitt 130 Geburten im Jahr rund 250 und damit doppelt so viele Sterbefälle gegenüber. Finsterwalde wird 2030 etwa so viele Einwohner haben wie sie um das Jahr 1915 hatte. Diese Entwicklung wird vor allem nicht ohne deutliche Folgen für den Wohnungsbestand bleiben. Obwohl bis 2012 bereits die letzte zu DDR-Zeiten entstandene Plattenbausiedlung an der Schacksdorfer Straße am östlichen Stadtrand mit 245 Wohnungen komplett abgerissen und "der Natur zurückgegeben" wurde, standen ein Jahr später noch immer rund 1300 Wohnungen in Finsterwalde leer - die meisten Wohnungen in der Innenstadt, immerhin 20 Prozent.
Doch die größten Veränderungen kommen auf den Südkomplex zu. Rund 3900 Finsterwalder, knapp 23 Prozent aller Einwohner der Sängerstadt, leben noch im größten Wohngebiet, das zwischen 1964 und 1990 mit Plattenbauten errichtet wurde. Seit 2003 hat hier die Bevölkerung um etwa 21 Prozent abgenommen, deutlich mehr als in der Stadt insgesamt, die in der Zeit 13 Prozent an Einwohnern verloren hat. Rund 330 Wohnungen, das sind 13 Prozent, stehen im Südkomplex leer. Hier wird es in Zukunft die größten Veränderungen im Stadtbild - und die meisten Abrisse von Wohnblöcken geben.
Das kündigt die Stadt in ihrem jetzt fortgeschriebenen strategischen Stadtumbauprogramm an, das bis in das Jahr 2030 blickt. Der weiter zunehmende Leerstand zwingt die Stadt und die beiden Großvermieter Wohnungsgesellschaft und Wohnungsgenossenschaft, zu harten Eingriffen in den Wohnungsbestand. So sollen langfristig Blöcke und Teile von Blöcken mit bis zu 1100 Wohnungen abgerissen werden. Das ist etwa 40 Prozent des gesamten Südkomplexes.
Dennoch soll das Wohngebiet als Wohngebiet erhalten und für den Bewohner, von denen fast ein Drittel älter als 65 Jahre ist, lebenswert bleiben. So ist vorgesehen, den Südkomplex in einen Wohnpark zu verwandeln - wo Häuser abgerissen werden, soll eine parkähnliche Landschaft mit viel Grün entstehen. Auch von Mietergärten an den Häusern ist die Rede. Der Anfang wird im Sachsenring gemacht, wo jetzt schon ein Plattenbau völlig neu gestaltet wird. Im Innern werden in den Jahren 2017 und 2018 drei hintereinander stehende Blöcke mit 120 Wohnungen abgerissen. An ihre Stelle soll die "Neue Mitte" des Südkomplexes entstehen - wo Bewohner sich auf dem zentralen Platz in einem neuen Park treffen können.
Über die Art der Gestaltung soll es eine Befragung in der Bevölkerung geben. Welcher Block oder Blockteil künftig auf der Abrissliste stehen wird, steht im Detail konkret noch nicht fest beziehungsweise bleibt bisher noch geheim. Die Wohnungsunternehmen wollen ihre Mieter nicht unnötig beunruhigen, um nicht schon jetzt Auszugswelle zu provozieren. Doch die Bewohner werden schnell spüren, wann ihr Wohnhaus vom Abriss betroffen ist - dann nämlich, wenn leer gezogene Wohnungen nicht mehr vermietet werden, obwohl es Interessenten gibt.