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| 01:00 Uhr

Finsterwalder sind bissig

Finsterwalde.. ,,Was passiert denn hier?", fragten Passanten erstaunt. Mit Hammer und Stichel bewaffnet hämmerten Leute unter Scheinwerferlicht unverdrossen auf Messing- und Kupferplatten ein. 40 Bürger der Stadt zwischen 15 und 80 Jahren ließen sich am Donnerstagabend auf ein Abenteuer ein, von dem sie wenige Stunden zuvor noch nichts geahnt hatten. Sie setzten die Ergebnisse der Aktionsinterviews zur Ermittlung des Finsterwalder Codes (RUNDSCHAU berichtete) kreativ in ein Kunstwerk um. Jürgen Weser


Kurz vor halb neun abends zischte ein Minifeuerwerk in die Luft, Trommelwirbel im Sambaklang ertönte und die Doppelhelix war fertiggestellt. Für mehrere Wochen wird sie als Kunstwerk gleich neben der Trinitatiskirche in der Schloßstraße zusätzlichen Glanz in die Stadt bringen. ,,Höllisch gespannt" auf die Ergebnisse waren zu Beginn des Auswertungstages einer voran gegangenen zweitägigen Umfrageaktion in Finsterwalde die Wissenschaftler vom Berliner Institut für Kognition und Ästhetik (IKAE) und die Ideengeber der Friedensdekade. Nachdem etwa 40 Bürger vom Schüler über den Stadtverordneten bis zum Rentner über die Ergebnisse der Aktionsinterviews informiert worden waren, kam die große Überraschung. Nicht Fragebögen ausfüllen oder andere schriftliche Aussagen dienten zur ,,qualitativen Bewertung" der Umfragen. Nein, auf Messing- oder Kupfe rplatte sollten die eigenen Wertungen mittels Hammer und Stichel gebracht werden. Die Ergebnisse der empirischen Feldforschung visualisieren, in ein ästhetisches Produkt umsetzen, heißt das in der Sprache der Sozialwissenschaftler. Verstand und Gefühl zusammenbringen zu einer Aussge, ist den IKAE-Leuten wichtig, so Kirsten Hense.
,,Mit solch einer Aufgabe habe ich nicht gerechnet", gab Jens Conrad zu, aber wie Pauline Dittmar, Sabine Siegert, Petra Lentz und die anderen ,,Experten" machte er sich eifrig ans Werk. In Gruppen besprachen sie die Interviewergebnisse zum Beispiel zur Stimmungsuntersuchung, zu den Sinn-Wert-Aussagen oder zum Entschlossenheitsgen und überlegten bildliche Kommentierungen dazu. Zum regelrechten Kunsthappening geriet danach die Umsetzung. Mit viel Eifer trieben die meisten Bilder, Symbole oder Piktogramme in das glänzende Metall. Auffallend viele positive ,,Kommentare", freute sich Friedemann Müller, Jugendwart der Evangelischen Gemeinde. Für Bernhard Husemann, der seit einigen Jahren in Finsterwalde lebt, war das kreative Herangehen an die Auswertung von Problemen nicht neu. Der Umgang mit der Malerei habe ihm geholfen, seine schwere Krankheit zu besiegen.
Während das von zwei Berliner Künstlern vorgefertigte Kunstwerk doppelt spiralförmig wuchs, Besucher in der Arche die Interviewprodukte betrachteten, draußen der Film über die Befragungen lief, sorgten die Samba-Trommler für Stimmung und Ernst Handl und Kirsten Hense stellten einige Ergebnisse ihrer Untersuchungen vor. Wenn auch manche Ergebnisse von Zufällen bestimmt sein dürften, so gibt es doch Hinweise, wo Gemeinsamkeiten bei den Finsterwaldern herrschen, welche Chancen vorhanden sind. Hinweise gibt es durchaus auch für die Stadtväter und Stadtverordneten. ,,Haarige Themen" wie die Situation für Jugendliche, fehlende Zukunftspersektiven, die zu vielen Baustellen wurden benannt. Trotzdem sehen Einheimische die Attraktivität ihrer Stadt positiver als Zugezogene, immerhin 73 Prozent der Befragten bewerten sich mit einem hohen Selbstwertgefühl und fast zwei Drittel sehen die Finsterwa lder als ,,bissig" im positiven Sinn. Und das Beste: Sex und Sport können die meisten Finsterwalder gut ausleben. ,,Dann tut es doch", forderte Bürgermeister Johannes Wohmann als Schirmherr des Projektes in einer launigen Rede auf, ,,damit unsere Einwohnerzahl erhalten bleibt".