ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 16:54 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
Mit dem Wahlspruch „Wissen macht stark“ gelockt

Alexander von Humboldt nach einem Gemälde von Carl v. Steuben..Entnommen: R. König: Deutsche Literaturgeschichte (1920).
Alexander von Humboldt nach einem Gemälde von Carl v. Steuben..Entnommen: R. König: Deutsche Literaturgeschichte (1920). FOTO: Rainer Ernst
Finsterwalde. Die Finsterwalder haben 1859 einen der ersten Humboldt-Vereine in Deutschland gegründet. Von Dr. Rainer Ernst

Am 6. Mai 1859 starb in Berlin der weltweit anerkannte und geehrte Naturforscher und Naturphilosoph Alexander von Humboldt. Schon wenige Wochen danach regte sich in Finsterwalde der Wunsch, dem „Altmeister der Wissenschaften“ ein „Denkmal“ zu setzen. Allerdings sollte es nicht aus Stein gehauen oder aus Bronze gegossen werden, sondern es sollte ein „lebendiges“ Denkmal entstehen. Den Initiatoren schwebte vor, eine Gesellschaft zu gründen, in der sich die „jungen Männer hiesigen Ortes“ zusammenfinden, um sich „innig und nahe mit den Schätzen der Wissenschaft zu befreunden“. Dazu luden sie für den 2. Oktober 1859 zur Bildung eines Humboldt-Vereins in den Gasthof des Herrn Lefevre ein.

40 Personen folgten der mit dem Wahlspruch „Wissen macht stark“ eingeleiteten Einladung. Offenbar traf die Zielstellung genau den Nerv des aufstrebenden, bildungsbeflissenen und sich von geistigen Schranken emanzipierenden Teils der Finsterwalder Bürger- und Einwohnerschaft: „Vor allem aber lernen wir uns selbst begreifen, unsere Kräfte, unsere Fähigkeiten und Mängel! Als dann lernen wir die Welt kennen und das Leben um uns her. So wird Lug und Trug weniger Macht über uns haben und, wie unser geistiges Auge schärfer sieht und wir die Dinge richtiger erkennen, wird unser Urtheil weniger trügerisch sein und mancher Wahn von uns schwinden. Schlagen wir das große Buch der Natur vor uns auf; gehen wir nach und nach auf verständliche Weise auf die einzelnen Gegenstände derselben ein und auf die Gesetze, von denen sie geregelt werden.“ Auf Wissensanhäufung allein wollte man sich jedoch nicht beschränken, sondern daraus Nutzen gewinnen „für unseren Beruf und unsere Lebensstellung“. Neue Einsichten in „die Harmonie der ganzen Schöpfung“ versprachen zur „wahren Frömmigkeit“ und „echtem religiösen Gefühl“ vorzudringen.

Es verwundert nicht, dass solche auf Eigenständigkeit des Denkens und Urteilens abzielende Intentionen bei einigen Zeitgenossen Misstrauen und Unverständnis erweckten. So sah sich der junge Verein, einerseits durch den erneuten Beitritt „sehr schätzenswerther Mitglieder“ bestätigt, andererseits sogleich mit Skepsis und wohl auch offener Gegnerschaft konfrontiert, denn es fehlte nicht an Personen, „welche das Streben unseres Vereins nicht nur vollständig verkannt, sondern auch über denselben sehr sonderbar geurtheilt haben“.

Aber bald hatte man, nach eigenem Zeugnis, diese „Feuerprobe“ überstanden und konnte an die eigentliche Bildungsarbeit gehen. Schon in einer Sitzung am 6. Oktober wurden – nachdem eine kurze Biografie Alexander von Humboldts vorgestellt worden war – ein Vorstand gewählt, Statuten beschlossen und die Entscheidung über das Abonnement „guter Zeitschriften“ getroffen. Zunächst wollte man für die Gesellschaft die „Berliner Handwerkerzeitung“, ein Blatt, „welches die Interessen der Gewerbetreibenden und des Handwerks ganz besonders wahrnimmt“ und das von Professor Roßmäßler herausgegebene naturwissenschaftliche Magazin „Aus der Heimath“ anschaffen. Schon am 20. Oktober setzte die Vortragstätigkeit ein. Offenbar traf man sich in unregelmäßigen Abständen donnerstags, abends acht Uhr. Für den 24. November 1859 ist folgende Themenpalette überliefert: über die Bereitung des Leuchtgases, über den Blutumlauf im menschlichen Körper, über die Bildung der Braun- und Steinkohlen, über Ebbe und Flut, über Erdbildungslehre, über Luftelektrizität und Blitzableitung, Fortsetzung des Vortrages über das Weltgebäude, über die alten Griechen.

Die hier vorgestellte Finsterwalder Bildungsgesellschaft, deren Mitgliederliste leider nicht überliefert ist, reihte sich als sehr frühe Gründung in den Reigen der etwa 34 in ganz Deutschland entstandenen Humboldt-Vereine ein. Warum hier später Humboldt als Namenspatron nicht mehr genutzt wurde und der Verein als Handwerker- und ab 1900 als Volksbildungsverein firmierte, kann nur durch weitere regionalgeschichtliche Forschung aufgeklärt werden.

Quellen der Zitate: Finsterwalder Wochenblatt, Oktober und November 1859. (Zeitschriftenarchiv des Kaufmanns- und Sängermuseums Finsterwalde)