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| 18:03 Uhr

Wiedersehen nach 30 Jahren
Die Klasse von 1989

 Vor allem jene ehemaligen Schüler der 10a und 10b der einstigen Karl-Marx-Oberschule in Finsterwalde kamen zum 30-jährigen Klassentreffen, die inzwischen ihre Heimatregion verlassen hatten.
Vor allem jene ehemaligen Schüler der 10a und 10b der einstigen Karl-Marx-Oberschule in Finsterwalde kamen zum 30-jährigen Klassentreffen, die inzwischen ihre Heimatregion verlassen hatten. FOTO: zvg Doreen Fritzsche
Finsterwalde. Vor 30 Jahren haben sie in Finsterwalde ihren Abschluss gemacht, nun trafen sich ehemalige Schüler der einstigen Karl-Marx-Oberschule zu einem Wiedersehen. Das Wendejahr 1989 hatte einen nachhaltigen Einfluss auf ihre Biografien. Von Stephan Meyer

Die meisten, die zum Klassentreffen der 10a und 10b der ehemaligen Karl-Marx-Oberschule in Finsterwalde (heute Grundschule Stadtmitte) erschienen sind, haben die Lausitz inzwischen verlassen. Auch wenn es nicht das erste Klassentreffen ist, sei es schon etwas Besonderes, sich jetzt wiederzusehen, resümiert Doreen Fritzsche, eine der Initiatoren. Im Sommer 1989, da waren sie zwischen 16 und 17 Jahre alt, machten sie alle ihren Schulabschluss. Nur wenige Monate später fiel die Mauer. Die Nachwendejahre haben die damaligen Jugendlichen nachhaltig beeinflusst.

Vor Jahren schon haben die ehemaligen Schüler versucht, wieder miteinander in Verbindung zu treten. „In Zeiten von Social Media und Smartphones ist das einfacher geworden“, so Doreen Fritzsche. In einer Facebookgruppe wurden Telefonnummern gesammelt, zusätzlich eine 25-köpfige WhatsApp-Gruppe ins Leben gerufen. Zwei Drittel der Gruppenmitglieder sind letztendlich zum Klassentreffen gekommen.

 Die 10a der Karl-Marx-Oberschule aus Finsterwalde bei ihrer Jugendweihe.
Die 10a der Karl-Marx-Oberschule aus Finsterwalde bei ihrer Jugendweihe. FOTO: zvg Doreen Fritzsche
 Hier im Bild die Klasse 10b.
Hier im Bild die Klasse 10b. FOTO: zvg Doreen Fritzsche

Doreen Fritzsche hat sich von der Ostsee auf den Weg gemacht. Sie ist mit ihrem Ehemann inzwischen auf Fehmarn zu Hause. Mit verantwortlich für ihren Umzug waren fehlende berufliche Perspektiven nach der Wende. „Ich wollte schon immer Erzieherin werden“, erinnert sie sich. Nach ihrem Schulabschluss studierte die Finsterwalderin bis 1994 an der Fachschule für Sozialpädagogik in Cottbus. Danach arbeitete sie ein Jahr lang in einer Einrichtung für benachteiligte Jugendliche. Dann seien viele Stellen im sozialen Bereich gestrichen worden. Doreen Fritzsche wurde arbeitslos.

Im Jahr 1995 heiratete sie dann ihren ehemaligen Klassenkameraden Dirk. Dass die beiden sich gefunden haben, findet sie im Nachhinein sehr bemerkenswert. „Zu Schulzeiten haben wir uns überhaupt nicht angeguckt.“ Erst danach sind sie sich näher gekommen. „Ob das passiert wäre, wenn die Wende nicht gekommen wäre, ich weiß es nicht?“

Ihrem Ehemann erging es nach der Wende ähnlich. Er machte eine Ausbildung zum Industriekeramiker, wurde aber nicht übernommen. Es folgte eine Umschulung zum Fliesenleger. Im Anschluss arbeitete er in verschiedenen Firmen, alle gingen nacheinander insolvent. „Wir hatten hier nichts Festes in Aussicht“, begründet Doreen Fritzsche den anschließenden Umzug auf Fehmarn. Die Ostsee habe das Ehepaar schon immer interessiert. Dort haben beide Arbeit gefunden und sind glücklich geworden. Vom politischen Umbruch in den Wendejahren hat sie nicht viel mitbekommen, gibt Doreen Fritzsche ehrlich zu. „Ich steckte da mitten im Studium.“

Eine „typische Wende-Geschichte“, sei die Biografie von Michaela Kors, wie Doreen Fritzsche berichtet. Michaela Kors ist selbst nicht anwesend beim Klassentreffen, da sie aus persönlichen Gründen verhindert ist, und lässt ihre Geschichte von der ehemaligen Klassenkameradin erzählen. „Ihre Eltern hatten einen Ausreiseantrag gestellt, das hat keiner von uns gewusst“, beginnt Doreen Fritzsche. Nach der Zusage zur Ausreise bekam die Familie am 16. Oktober, weniger als einen Monat vor dem Mauerfall, 24 Stunden, um die DDR zu verlassen. Am nächsten Abend kamen sie in Gießen in einem Aufnahmelager an. „Im Westen ist auch nicht alles Gold, was glänzt“, teilt Michaela Kors mit. Sie wollte nie auswandern, hatte damals einen Freund und einen Ausbildungsplatz. Da sie noch nicht 18 Jahre alt war, musste sie mit. Im Westen begann sie eine Ausbildung zur Schreinerin, drei Monate später ging die Firma insolvent. Es folgt eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau. Mittlerweile lebt Michaela Kors in Trier.

Simone Bengelstorff ist eine der wenigen, die nach wie vor in Finsterwalde zu Hause ist. Auch sie ist wie Doreen Fritzsche ihrem Traumberuf treu geblieben. Im Wendejahr begann sie eine Ausbildung zur Frisörin. Es folgte eine Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen und ein Meistertitel in Hannover. Aus familiären Gründen ging es wieder zurück in die Heimat. 1998 machte sie ihren eigenen Salon auf. Sie ist sich sicher, ohne die Wende hätte sie sich nicht selbstständig machen können. „Meistertitel waren nur Parteimitgliedern möglich“, weiß Simone Bengelstorff. Aufgrund ihrer christlichen Erziehung wäre ihr das verwehrt geblieben. „Ich hätte höchstens eine Salonleitung übernehmen können.“ Mit Einführung der D-Mark seien schlagartig die Preise nach oben gegangen. Zunehmend fehlte die Kundschaft in dem Salon, in dem sie nach der Ausbildung eine Stelle bekam. Sie wechselte anschließend zu einem Salon nach Massen. Inzwischen ist sie in Finsterwalde seit 20 Jahren selbstständig.

Ebenfalls 1989 in die Ausbildung gestartet und ebenfalls ihrem Traumberuf treu geblieben ist Trixi, die eigentlich Beatrix Mohr heißt. Doch im Gegensatz zu Simone Bengelstorff hielt sie nichts mehr im Elbe-Elster-Kreis. Die Notfall- und Intensivkrankenschwester lebt seit 2007 in der Schweiz. Ihre Mutter war Krippenerzieherin, wurde nach der Wende arbeitslos und saß später bei Kaufland an der Kasse. Als sie hört, dass in Österreich Zimmermädchen gesucht werden, zieht sie fort. Auch Trixis Bruder geht weg, findet am Bodensee ein neues Zuhause. „Die Schweiz ist das Beste, was mir passieren konnte“, sagt Beatrix Mohr. Hätte es die Wende nicht gegeben, „ich wüsste nicht, ob ich meine berufliche Laufbahn hier hätte einschlagen können.“ Traurig ist Trixi, dass sich hier im Elbe-Elster-Kreis nach 30 Jahren so wenig geändert habe. Ihre Jugend sei jedoch sehr schön gewesen. „1989 haben wir uns gefragt, ‚Was für eine Mauer?’“. Dass sie eingeschlossen waren, sei ihnen gar nicht so bewusst gewesen. „Wir hatten unseren Spaß.“

Eine angenehme Jugend in der DDR bescheinigt auch Frank Schrey. Wäre der Ausreiseantrag seiner Mutter 1981 bewilligt worden, hätte er sie jedoch im Westen verbracht. „Das hatte jedoch nicht geklappt“, so Schrey. 1988 erneuerte die Mutter ihren Antrag. Der Mauerfall überraschte die Familie, sie sah ihre Chance gekommen. „Dass die da oben nicht so weitermachen konnten, wusste man ja“, so Schrey. „Aber, dass das so schnell gehen würde, konnte keiner erahnen.“ Gleich am 10. November reisten sie nach Darmstadt. Doch dort fühlte er sich jedoch nicht zu Hause. 1994 zog er nach Berlin. „Ich wollte einfach näher an die Heimat“, begründet er seine Entscheidung. Warum er nicht komplett zurückging? „Die Jobaussichten waren in Berlin einfach besser.“ Später ist er unter anderem im Messebau tätig. Seit 15 Jahren wohnt er mittlerweile in Schmalkalden in Thüringen.

 Ein offizielles Abschlussfoto der Klassen gibt es leider nicht. Hier sind die Schüler am Schulentlassungstag zu sehen, vergleichbar mit einem Abi-Streich.
Ein offizielles Abschlussfoto der Klassen gibt es leider nicht. Hier sind die Schüler am Schulentlassungstag zu sehen, vergleichbar mit einem Abi-Streich. FOTO: zvg Doreen Fritzsche