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| 14:11 Uhr

Ein Zirkus ohne (Wild-)Tiere?
Demo vor Zirkus Voyage endet mit einem Polizeieinsatz

 Etliche Polizeibeamte rückten an – und mussten sogar zum Einsatz kommen
Etliche Polizeibeamte rückten an – und mussten sogar zum Einsatz kommen FOTO: Dieter Babbe
Finsterwalde. Mehr als 50 Demonstranten sind dem Aufruf des Finsterwalder Tierschutzvereins gefolgt. Nach knapp zwei Stunden eskaliert die Lage. Von Dieter Babbe

Ein Zirkus ohne Tiere? Diese Frage entzweit offensichtlich auch die Finsterwalder und ihre Gäste. Erstmals fand jetzt in der Sängerstadt am Himmelfahrtstag eine Demo gegen den Auftritt insbesondere von Wildtieren im Zirkus statt – organisiert vom Finsterwalder Tierschutzverein.

Die Tierschützer behaupten, dass die dressierten Tiere nur unter Angst und Gewalt ihre Kunststückchen zeigen würden. „Die meisten Wildtiere im Zirkus sind nicht in der Gefangenschaft geboren, sondern wurden ihrem freien Leben in der Natur entrissen“, heißt es in einer Stellungnahme des Tierschutzvereins.

 Vanessa Spindler: „Solche Demos gibt es in fast jeder Stadt, wo wir auftreten.“
Vanessa Spindler: „Solche Demos gibt es in fast jeder Stadt, wo wir auftreten.“ FOTO: Dieter Babbe

Dem widerspricht die Leitung von Zirkus Voyage, einer der größten Zirkusse in Deutschland, der u.a. ein Nilpferd und die letzten beiden Giraffen in einem deutschen Zirkus mit sich führen soll.  Sämtliche Tiere von Zirkus Voyage seien nicht der Natur entnommen worden, sondern bereits in Gefangenschaft geboren worden, erklärt Vanessa Spindler, die Schwiegertochter des Zirkuschefs, auf RUNDSCHAU-Anfrage. „Wir tun alles, damit sich unsere  Tiere wohlfühlen“, sagt die junge Frau – und verweist auf das große Elefantengehege, in dem vier über 35 Jahre alte Dickhäuter leben. Daneben wohnt ein Nilpferd, das sich im Trockenen oder in einem 140 000 Liter großen Bassin aufhalten kann. „Bei uns machen die Tiere nicht irgendwelche Kunststückchen, wie Hand- oder Kopfstand. Wir beschränken uns auf arttypische Verhaltensweisen, die sie auf Kommando zeigen.“ Es sei schon vorgekommen, dass das Nilpferd bei heißem Wetter und trotz aller Lockung mit Futter „keine Lust“ habe, aus dem Gehege in die Manege zu kommen, „dann wird das Tier zu nichts gezwungen“.

 Überall abgerissene Plakate in der Stadt von Zirkus Voyage.
Überall abgerissene Plakate in der Stadt von Zirkus Voyage. FOTO: Dieter Babbe

Ein Zirkus ohne Tiere, dafür sehe sie keinen Grund, erklärt die Zirkusfrau. „Viele Familien kommen ja gerade wegen der Tiere, um sie mal ganz aus der Nähe zu sehen. Und in der Vorstellungspause laden wir unsere Besucher jedes Mal ein, sich von der guten Unterbringung unserer Tiere selbst ein Bild zu machen.“ Und in der Tat standen die Besucher zur Premierenvorstellung am Donnerstagnachmittag – trotz des Protestes der Tierschützer – am Einlass Schlange. Melissa Roschig ist mit ihrer ganzen Familie schon einen Tag zuvor zum Zirkus gekommen: „Wir haben trockene Brötchen für die Tiere als Spende abgegeben. Den Tieren geht es hier wirklich gut“, habe sie sich überzeugen können.

Die Tierschützer sehen das freilich anders.  „Dieser Zirkus macht bereits seit Jahren Negativschlagzeilen, sowohl mit tierschutzwidrigen Haltungsbedingungen, als auch mit der Gefährdung von Menschen durch Ausbrüche von Tieren. Die Haltungsansprüche von Wildtieren sind mit denen von domestizierten Tieren nicht vergleichbar und damit ist eine verantwortbare Haltung grundsätzlich nicht möglich. Die Tiere stehen unter dauerhaftem Stress. Beengter Platz, ungenügende Beschäftigungsmöglichkeiten, gewaltsame Trainingsmethoden, belastende Transporte und häufige Standortwechsel lassen sie physisch und psychisch verkümmern“, heißt es in einer im Internet veröffentlichten Petition, die das Auftrittsverbot von Wildtieren in Zirkussen erzwingen will. Der Landrat des Elbe-Elster-Kreises soll aufgefordert werden, dass keine kommunalen Flächen mehr zur Vermietung an Zirkusse mit Wildtieren vergeben werden.

 Tierschützerin Sabine Delloch ruft zum friedlichen Protest gegen Tierhaltung im Zirkus auf.
Tierschützerin Sabine Delloch ruft zum friedlichen Protest gegen Tierhaltung im Zirkus auf. FOTO: Dieter Babbe

Der Zirkus Voyage spricht dagegen von „vorbildlicher Tierhaltung“. Tiere seien sicher im Zirkus untergebracht, Ausbrüche würden „von so genannten Tierschützern, die illegal aufs Gelände kommen, verursacht“, behauptet Vanessa Spindler. „Wir erleben solche Demos vor den Vorstellungen fast in jedem Ort“, sagt Vanessa Spindler. „Auch in Finsterwalde wurden wieder viele Plakate abgerissen und es ist behauptet worden, die Vorstellungen fallen aus – was natürlich nicht stimmt. Wir gastieren bis zum Sonntag.“  Der Zirkus werde in jedem Auftrittsort unangemeldet von den Veterinärämtern aufgesucht.   „Uns werden immer wieder gute Haltungsbedingungen der Tiere bescheinigt, auch in Finsterwalde.“

Mehr als 50 Demonstranten waren dem Aufruf des Finsterwalder Tierschutzvereins gefolgt. Nicht alle von ihnen waren friedlich. Polizeisprecher Maik Kettlitz: „Unter ihnen war rund ein Dutzend meist polizeibekannte Personen, die Zirkusbesucher sowie Polizisten bepöbelten und beleidigten. Im Rahmen der Durchführung einer Identitätsfeststellung kam es zu Widerstandshandlungen und zwei anschließenden Gewahrsamsnahmen. Ein 24-Jähriger musste ambulant behandelt werden, da er sich bei dem Tumult selbst verletzte. Nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen wurden die beiden Männer aus dem Gewahrsam entlassen.“

„Ich freue mich über so viel Zuspruch bei unserer Demo. Ich bin aber enttäuscht, dass einzelne Teilnehmer unsere Veranstaltung missbraucht haben. Gewalt ist auch bei unserem Kampf um einen besseren Tierschutz kein Mittel, das wir unterstützen“, erklärte Tierschutzvereinschefin Sabine Delloch, als sie die Demo nach knapp zwei Stunden abbrach. Am Sonnabend soll es eine weitere Demo geben, bei der eine Gruppe unter dem Namen „Anarchistische TierbefreierInnen“ zum Boykott des Zirkus aufrufen will.

FOTO: Dieter Babbe