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"Finsterwalde an der Autobahn"

Sogar Brummis zwängen sich durch die Ernst-Moritz-Arndt-Straße, die einstige Nebenstraße. Das will Sängerstadt-Bürgermeister Jörg Gampe künftig verhindern.
Sogar Brummis zwängen sich durch die Ernst-Moritz-Arndt-Straße, die einstige Nebenstraße. Das will Sängerstadt-Bürgermeister Jörg Gampe künftig verhindern. FOTO: Dieter Babbe/dbe1
Finsterwalde. Diesen Eindruck haben jedenfalls Anlieger der Ernst-Moritz-Arndt-Straße – bis vor Kurzem noch eine verkehrsarme Nebenstraße und Sackgasse. Dieter Babbe / dbe1

Keine 20 bewohnte Grundstücke gibt es in der Ernst-Moritz-Arndt-Straße. Lediglich die Anlieger und ein paar Kunden eines Gewerbebetriebes befahren die Straße - die zwar in die Bundesstraße 96 einmündet, aufgestellte Poller verhindern allerdings die Zu- und Abfahrt und machen die Sackgasse zu einer sehr ruhigen Wohnstraße. Bis Anfang Juli - dann kam alles ganz anders.

Weil am nördlichen Eingang der Sängerstadt die Bundesstraße zur Baustelle wurde, mussten Umleitungswege gefunden werden. An der Ernst-Moritz-Arndt-Straße verschwanden die Poller, die Sandstraße bekam sogar eine Bitumendecke - seit dem 3. Juli rollen täglich Hunderte Autos, auch schwere Lkw stadtein- und auswärts durch die einstige Nebenstraße. Hinzu kommen die Kunden, die ins nördliche Einkaufszentrum, vor allem in den großen Kaufland-Markt, wollen.

"Dass es für die Zeit des Straßenbaus auf der Bundesstraße mit der Ruhe bei uns vorbei ist, das haben wir gewusst. Doch dass es so schlimm kommt, haben wir nicht geahnt", sagt Wolfgang Kumpf, einer der Anlieger. "Den ganzen Tag über, auch in der Nacht, rollt ununterbrochen der Verkehr, schwere Lkw begegnen sich mit Haaresbreite im Gegenverkehr - und kaum einer hält sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h. Wir fühlen uns wie Anwohner der Autobahn." Auf der Straßenseite, wo Andreas Märkisch mit seiner Familie wohnt, ist die Teerdecke bis dicht an die Zäune und Eingänge der Grundstücke verlegt worden. "Wir müssen höllisch aufpassen, wenn wir mit dem Auto, mit dem Rad und selbst zu Fuß auf die Straße wollen, damit wir nicht vom Verkehr erfasst werden", sagt Andreas Märkisch - und schiebt nach: "Mir wird bei dem Gedanken Angst und Bange, dass die Ferien bald vorbei sind und die Kinder wieder in die Schule müssen. "

Immer und immer wieder haben Anlieger die Stadtverwaltung und die Polizei über die Zustände in der Ernst-Moritz-Arndt-Straße informiert (gleiche Wortmeldungen gibt es aus der Fritz-Reuter-Straße).

"Ich erkenne an: Finsterwalde wird immer schöner. Ich bin regelrecht stolz auf meine Heimatstadt. Und ich habe auch Verständnis dafür: Wo gehobelt wird, da fallen eben auch Späne, bei Straßenbauten muss es nun mal Umleitungen geben. Doch was man uns hier zumutet, das geht einfach zu weit", ist nicht nur Familie Kumpf verzweifelt. Als kürzlich in der Nacht die Ernst-Moritz-Arndt-Straße mal wieder zu einer "lauten Rennstrecke" wurde, hat Wolfgang Kumpf sich nur diesen Rat gewusst: Aus einem Schrottteil baute er ein 30-km/h-Schild, stellte dieses auf einem Ständer vor sein Grundstück - und beleuchtete es. "Die Polizei hat mich aufgefordert, das Schild zu entfernen, es sei nicht erlaubt, eigene Verkehrsschilder aufzustellen", bedauert Wolfgang Kumpf, "denn gewirkt hat das Schild tatsächlich".

Zahlreiche Bewohner kommen am Mittwochvormittag zusammen, als Stadtverwaltung, Polizei und Verkehrswacht zu einem Vor-Ort-Termin in die Ernst-Moritz-Arndt-Straße eingeladen hatten. "Wir wollen uns die Sorgen der Anlieger anhören und nach Lösungen suchen, wie die Situation entkrampft werden kann", erklärt der Stadtverordnete Rainer Genilke (CDU), hier auch in seiner Eigenschaft als Präsident der Landesverkehrswacht. Auf seinen Vorschlag hin soll das von der Bundesstraße her eher versteckte Tempo-30-Schild an einer besser sichtbaren Stelle aufgestellt werden. Hauptkommissarin Inga Haupt von der Revierpolizei kündigt verstärkte Geschwindigkeitskontrollen in dieser Straße an. Bürgermeister Jörg Gampe (CDU) will sich beim Kreis dafür stark machen, dass zumindest die schweren Brummis, die Finsterwalde nur zur Durchfahrt nutzen, die engen Nebenstraßen nicht mehr passieren dürfen und die Stadt weiträumig umfahren müssen. Und die Kreisverkehrswacht hat ihr mobiles Geschwindigkeitsmessgerät mitgebracht, das ab sofort Tag und Nacht vor dem Grundstück von Wolfgang Kumpf aufgestellt wird. Es soll Raser bremsen - und sie warnen: Dahinter könnte ein Blitzer stehen …

Bis zum Jahresende wird an der Bundesstraße in Finsterwalde noch gebaut, so lange müssen auch die Anlieger der Ernst-Moritz-Arndt-Straße mit dem starken Verkehr vor ihren Grundstücken leben - bis die Straße wieder zu einer ruhigen Anliegerstraße wird. Und zu einer Sandpiste auch, denn die Asphaltdecke wird dann wieder abgetragen. Das betrachten die Anlieger als "Schildbürgerstreich". Politiker begründen es mit dem Gesetz, mit der Straßenausbausatzung. Die regele nicht nur einen grundhaften Ausbau der Straße mit allen Medien, die verlange auch, dass Anlieger sich am Straßenausbau finanziell beteiligen, erklärte Rainer Genilke.

Es schien beim Vor-Ort-Termin am Mittwoch nicht so, als hätten die Anwohner Verständnis für diese gesetzliche Regelung. Doch den meisten ist es wohl wichtiger, dass ihre Straße nicht auf Dauer eine Autobahn bleibt.