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Feinschliff für Oldtimer

Autosattler Gerd Staack hat innen den Mercedes Benz 170 V, Baujahr 1949, von Oldtimerfreund Manfred Ketzmarick aus Massen (im Auto) wieder aufgepeppt.
Autosattler Gerd Staack hat innen den Mercedes Benz 170 V, Baujahr 1949, von Oldtimerfreund Manfred Ketzmarick aus Massen (im Auto) wieder aufgepeppt. FOTO: Konstanze Schirmer
Doberlug-Kirchhain. Schnell ein neuer Druckknopf ans alte Portemonnaie, dann noch den kaputten Henkel an die Aktentasche annähen. Ein Dach von einem Kremserwagen ist zerrissen. Und dann sind da noch jede Menge Autositze, die wieder aufgearbeitet werden müssen. In der Werkstatt von Sattlermeister Gerd Staack in der Kirchhainer Gerberstraße stapelt sich die Arbeit. Seit 120 Jahren existiert das Familienunternehmen schon. Konstanze Schirmer

Der Großvater Otto Staack senior hatte die Sattlerei am 1. November 1896 gegründet. Die wichtigsten Kunden waren vor 120 Jahren natürlich die Gerber der Stadt. "Sie arbeiteten alle mit Transmissionsriemen, und da musste immer was genäht und repariert werden", erinnert sich Gerd Staack. Sein Vater, Otto Staack junior, hatte das Geschäft dann in den 30er-Jahren übernommen und gab ihm bei seinem eigenen Einstieg 1976 den Tipp: "Junge, Autos sind die Zukunft. Lern Autosattler!"

Ein kluger Ratschlag, denn damit eröffnete sich Gerd Staack ein ganz neues Feld: Oldtimer-Fans aus der ganzen Region überhäufen ihn bis heute mit Aufträgen. Für Manfred Ketzmarick aus Massen beispielsweise hat er einen Mercedes 170, Baujahr 1949, 1700 Kubikzentimeter, innen komplett aufgearbeitet. Also die Innentüren neu bespannt sowie den Himmel und noch ein Schiebedach gedämmt. "Es ist alles absolut solide und perfekt verarbeitet", schwärmt Manfred Ketzmarick.

Oldtimer-Sammler Walter Mahl stimmt zu: "Bei fast jeder meiner Maschinen in meinem Museum hat Gerd die Sitze neu genäht. Originalgetreu! Wer kann denn so was heutzutage noch?" Kurios - letztens hat Gerd Staack die Sitzbank von genau der Kutsche bezogen, mit der der Tröbitzer Fuhrunternehmer Fritz Socher ihn und seine Frau vor 40 Jahren zum Traualter chauffierte.

Aber es gab auch schwere Zeiten. Hatte er in der DDR jede Menge Kunden, aber kein Material, so drehte sich das mit der Wende um. "Ich blieb auf meiner Ware sitzen.", ärgert sich der 64-Jährige. "Von einem Tag auf den anderen musste ich fünf Mitarbeiter entlassen. Das war sehr bitter für mich. Es ging einfach nicht mehr. Ich selbst habe zehn Jahre lang nur noch nebenbei genäht und hauptberuflich als Glaser gearbeitet."

Gerd Staacks Kinder nahmen deshalb Abstand davon, die Sattlerei der Familie zu übernehmen. "Dabei ist das ein schöner Beruf! Die Arbeit mit den verschiedenen Textilien und Ledersorten ist reizvoll. Ich mache meine Arbeit wirklich jeden Tag gern", so Gerd Staack.

Dass die Nähmaschinen bei Staacks jetzt wieder rattern, hat einen ganz einfachen Grund: Den Menschen ist inzwischen bewusst geworden, was gutes Handwerk wert ist. Auch wenn es mehr kostet als industriell gefertigte Massenware.

Am kommenden Dienstag, 1. November, feiert Gerd Staack gemeinsam mit seinen ehemaligen Mitarbeitern und Lehrlingen. Ein paar Jahre will er noch weitermachen, sagt er. Vielleicht sogar bis zum 125. Firmengeburtstag.