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| 14:41 Uhr

Europatag am Oberstufenzentrum Elbe-Elster
Der Blick über den eigenen Tellerrand hat sich gelohnt

 Was ist typisch estnisch, was typisch deutsch? Susann Bönisch (l.) und Julia Metzing haben nach ihrem Vortrag über ihren Aufenthalt in Tallinn ihre Mitschüler auf die Probe gestellt und überprüfen nun die Ergebnisse.
Was ist typisch estnisch, was typisch deutsch? Susann Bönisch (l.) und Julia Metzing haben nach ihrem Vortrag über ihren Aufenthalt in Tallinn ihre Mitschüler auf die Probe gestellt und überprüfen nun die Ergebnisse. FOTO: LR / Stephan Meyer
Finsterwalde. Wie arbeiten Berufskollegen im europäischen Ausland? Schüler des OSZ Elbe-Elster berichten von ihren Auslandserfahrungen. Von Stephan Meyer

Offene Grenzen sowie Fördermittel für einen Erfahrungsaustausch im europäischen Ausland – vor der Europawahl zeigten Schüler des Oberstufenzentrums (OSZ) Elbe-Elster, welche Vorteile die Europäische Union (EU) den jungen Generationen bieten kann. Schüler, die im gerade laufenden Schuljahr am Programm „Erasmus+“ teilgenommen haben, berichteten im Rahmen eines Europatages kürzlich von ihren Erfahrungen, die sie im Ausland gemacht haben. Dank des von der EU geförderten „Erasmus+“-Programms konnten die Schüler Projekte oder mehrwöchige Praktika in einem europäischen Partnerland absolvieren. Aus zehn Vortragsangeboten konnten die OSZ-Schüler wählen.

Arbeitsplatz geheim gehalten

„Schön blöd, wer das nicht macht“, resümiert Martin Sommer seine Zeit in Tallinn. Zusammen mit seinen Klassenkameradinnen Susann Bönisch und Julia Metzing verbrachte der Finsterwalder vier Wochen in der estnischen Hauptstadt. „Es ist eine Erfahrung wert, die man nutzen sollte“, empfiehlt auch Julia ihren Mitschülern das Förderprogramm. Die drei angehenden Heilerziehungspfleger machten von Mitte Februar bis Mitte März ein Praktikum in einem Altenpflegeheim. Wo genau sie arbeiten durften, das erfuhren sie erst am Anreisetag.

Essen verteilen, Betten beziehen, Klienten begleiten – die drei Schüler wurden voll in den Heimalltag integriert. Dabei lernten sie auch die Unterschiede zwischen Deutschland und Estland kennen. „Die Demenzstation hat mir nicht so ganz gefallen“, gibt Martin offen zu. Die Demenzkranken seien abgekapselt von den übrigen Klienten gewesen, hätten den ganzen Tag nur an ihren Tischen gesessen und keine Beschäftigungsmöglichkeit gehabt. Auch die Arbeitszeiten waren anders. Während in Deutschland Heilerziehungspfleger acht bis maximal zehn Stunden arbeiten, war die kürzeste Schicht im estnischen Altenheim zwölf Stunden lang. Auch 24-Stunden-Dienste waren üblich. Sie selbst waren von Montag bis Freitag jedoch nur jeweils von 8 bis 14.30 Uhr dort tätig.

 Die drei angehenden Heilerziehungspfleger (v. l.) Susann Bönisch, Julia Metzing und Martin Sommer in den Farben der estnischen Nationalflagge.
Die drei angehenden Heilerziehungspfleger (v. l.) Susann Bönisch, Julia Metzing und Martin Sommer in den Farben der estnischen Nationalflagge. FOTO: LR / Stephan Meyer

Defizite bei den Gastgebern

Auch ein Abstecher in die estnische Partnerschule zeigte Unterschiede auf. „Dort ist alles sehr modern und digitalisiert“, so die OSZ-Schüler. Dafür erschreckte sich Martin, als er Schülern im dritten Lehrjahr bei der Prüfungsvorbereitung zusah. Diese hätten erhebliche Probleme bei der Lagerung von Personen gehabt, etwas, dass laut Martin, jeder „bei uns“ nach dem ersten Lehrjahr können muss. Doch im Praktikumsbetrieb habe er solche Qualitätsunterschiede nicht bemerkt. Die Mitarbeiter seien genauso gut qualifiziert gewesen wie ihre Kollegen in Deutschland.

Unterschiede zu der Arbeit im Heimatland können auch Gabi Kramp und Claudius Thiele (beide im 3. Lehrjahr zum Erzieher) während ihres zweiwöchigen Praktikums in einer Kindertagesstätte im niederländischen Apeldoorn ausmachen. Dieses EU-Land sei in Sachen Digitalisierung ebenfalls weiter als die Bundesrepublik. „Die Kommunikation mit den Eltern findet in den Niederlanden zum Teil über einen Gruppenchat statt“, schildert Gabi erstaunt ihren Mitschülern. Claudius musste sich „ein dickes Fell wachsen“ lassen, wie er sagt. Männliche Erzieher seien dort nicht sehr hoch angesehen. Doch die Väter der Kita-Kinder haben gerne den Kontakt zu ihm gesucht, erzählt der Finsterwalder.

Am auffälligsten sei gewesen, dass die Tage für die Kinder nicht bis auf die letzte Minute konsequent durchstrukturiert waren. Die niederländischen Erzieher konnten sehr flexibel sein. Das Mittagessen wurde nicht um 12 Uhr gereicht. „Das gab es manchmal auch erst gegen 13 Uhr“, so Gabi Kramp. Je nachdem wann die Kinder Hunger hatten. Überhaupt seien die niederländischen Kollegen in vielen Dingen  entspannter, lautet das Fazit.

Niederländer arbeiten länger, aber nur drei Tage

Eine weitere Parallele zu den Klassenkameraden, die in Estland zu Gast waren, sind die Arbeitszeiten. Die niederländischen Erzieher arbeiteten zwar zwölf Stunden am Tag, von 6.30 bis 18 Uhr, dafür aber nur drei Tage die Woche. Den Kita-Leitern sei es sehr wichtig, dass die Kinder über einen längeren Tageszeitraum eine feste Bezugsperson haben, so Gabi Kramp.

„Macht das“, ermutigt die 37-jährige Finsterwalderin ihre Mitschüler am Ende des Vortrages, selbst einmal im Ausland ein Praktikum zu absolvieren. „Man kommt auf jeden Fall erwachsener als vorher zurück“, ergänzt der 23-jährige Claudius. Vor allem für die eigenen sozialen Kompetenzen bringe so ein Austausch viel.

Mehrheit ist für einen Auslandsaufenthalt

Weitere Reise- und Erfahrungsberichte in Form von Workshops gab es am Europatag unter anderem zu Praktika in Lettland, Dänemark, Finnland und Norwegen. Die anderen Vortragenden müssen ebenfalls sehr überzeugend gewesen sein. Am Ende des Tages, bei einer Reflexionsrunde, sollten die Schüler mit grünen und roten Papierstreifen signalisieren, ob sie sich solch einen Auslandsaufenthalt vorstellen können. Grün für Ja, Rot für Nein. Fast jeder reckte einen grünen Streifen empor, nur vereinzelt blitzten rote Papierschnipsel hervor. Wenige enthielten sich der Stimme.

„Das ist nichts für mich“, „Das ist mir zu anstrengend“, „Das spricht mich nicht an“, lauteten die Argumente der Neinsager. Insgesamt fiel das Fazit zum „Erasmus+“-Programm jedoch sehr positiv aus.

 Gabi Kramp und Claudius Thiele (Erzieher im 3. Lehrjahr) berichteten über ihre Erfahrungen, die sie in einer niederländischen Kita gemacht haben.
Gabi Kramp und Claudius Thiele (Erzieher im 3. Lehrjahr) berichteten über ihre Erfahrungen, die sie in einer niederländischen Kita gemacht haben. FOTO: LR / Stephan Meyer