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Es lohnt sich, aufrichtig zu sein

68 Mannschaften haben teilgenommen am Vorausscheid in Finsterwalde und spielten bis in die Abendstunden. 34 davon konnten sich für das Brandenburg-Finale am 7. Mai im Tropical Islands qualifizieren.
68 Mannschaften haben teilgenommen am Vorausscheid in Finsterwalde und spielten bis in die Abendstunden. 34 davon konnten sich für das Brandenburg-Finale am 7. Mai im Tropical Islands qualifizieren. FOTO: Steven Wiesner
Finsterwalde. Dass es Linus, Oskar, Jannes und Fabio irgendwie drauf haben, zeigt schon ihre Kleidung. Mit Teilnehmer-Shirts vom Bundesfinale in Prora dribbeln die Jungs durch die Halle – und meistens auch an ihren Gegenspielern vorbei. Steven Wiesner

Dreimal waren sie schon bei der Fairplay-Soccer-Tour dabei. Und dreimal heimsten sie in Finsterwalde auch den Fairplay-Pokal ein. Das Quartett landete sogar schon unter den besten 16 Teams Deutschlands. Logisch, dass es auch dieses Jahr weit gehen soll für die 12- und 13-Jährigen. "Es ist ein anderer Fußball als im Verein", sagt Jannes, der bei Brieske/Senftenberg im C-Junioren-Bereich kickt. "Ein kleineres Feld und auch viel fairer, ohne Gerangel."

Das kommt dem, was René Tretschok erreichen will, schon ziemlich nahe. Der 48-Jährige hat 180 Bundesliga-Spiele in der Vita stehen, wurde mit Dortmund Champions-League-Sieger, zweimal Deutscher Meister und spielte außerdem für Köln und Hertha BSC auf Deutschlands höchster Bühne. Heute ist Tretschok Vize-Präsident der Deutschen Soccer-Liga, die die Fairplay Tour initiiert. Er hätte auch eine Trainerkarriere bei Hertha hinlegen können, doch er entschied sich für einen Weg mit gesellschaftlicherem Bezug. "Ich habe das Gefühl, dass ich hier mehr bewegen kann. Wir wollen jeden abholen. Egal ob Mädchen, Flüchtling oder das Kind, dessen Eltern sich keine Mitgliedsbeiträge im Verein leisten können."

Dass es im Leben und gerade im Profi-Fußball nicht immer fair zugeht, musste Tretschok selbst am eigenen Leib erfahren. Im Frühjahr 1998 kämpfte Tretschok mit Köln gegen den Abstieg. Bei einem Auswärtsspiel auf Schalke schoss er auf das verwaiste Tor, doch der Schalker Abwehrspieler Oliver Held bediente sich eines unerlaubten Handspiels, um das Tor zu verhindern. Auf Nachfrage des Schiedsrichters log Held und behauptete, er habe das Tor mit der Brust vereitelt. Wenige Augenblicke später erzielte Schalke auf der anderen Seite das 1:0. Köln verlor das Spiel - und stieg ein paar Wochen später in die 2. Liga ab.

"Diese traurige Geschichte erzähle ich oft, wenn ich von Kindern gefragt werde, welche Erfahrungen ich mit Fairplay gemacht habe", sagt René Tretschok. Egal ob bei einem Tor, das keines war, oder einem Foulspiel, das es nie gegeben hat, "ich werde mich immer fragen, was einen Menschen dazu veranlasst, in so einer Situation zu lügen", sagt Tretschok. Auch Energie-Trainer Claus-Dieter Wollitz, der beim Tour-Auftakt in Finsterwalde zu den Gästen gehörte, appelliert: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu viele Werte verlieren. Deswegen sind solche Initiativen wichtig." Immerhin: Jahre später hat sich der Schalker Spieler öffentlich entschuldigt ("Es war einer der größten Fehler in meinem Leben").

Dass es sich lohnt, aufrichtig zu sein, auch wenn es einem im ersten Moment nicht zum Vorteil gereichen mag - das wollen Tretschok und seine Mitstreiter mit der Fairplay Soccer-Tour am besten schon im Kindesalter vermitteln. "Es geht nicht darum, immer der Beste zu sein." Mit diesem Ansatz tourt die Deutsche Soccer-Liga durch sechs Bundesländer, ehe vom 20. bis 23. Juli das Bundesfinale in Prora stattfinden wird.

Berechtigte Hoffnungen, an der Ostsee mit dabei zu sein, dürfen sich die E-Junioren vom VfB Hohenleipisch machen. "Wir erleben auch im Jugendbereich schon skurrile Sachen, von daher sollen die Jungs hier Spaß haben und das Fairplay verinnerlichen", sagt Trainer André Kniesche. Letztlich gewinnt seine Mannschaft bei der ersten Teilnahme prompt die Altersklasse 6 bis 10 m. Bei Linus, Oskar, Jannes und Fabio reicht es diesmal nicht zum Tagessieg, im Halbfinale setzt es eine 0:1-Niederlage in der AK 11 bis 13 m. Aber auch dafür ist der Sport da. Damit junge Menschen lernen, Niederlagen zu akzeptieren. Und als Drittplatzierte qualifizieren sich die Jungs trotzdem noch für das Brandenburg-Finale im Tropical Islands. Ihr Traum von der vierten Teilnahme in Prora lebt also vorerst weiter.

Die Abräumer des Tages: Jonas Herrmann, Moris Hertmanowski, Luis Lehmann und Marlon Schadock (v.l.) aus Massen gewannen nicht nur die Altersklasse 11 bis 13 männlich, sondern auch den Fairplay-Pokal.
Die Abräumer des Tages: Jonas Herrmann, Moris Hertmanowski, Luis Lehmann und Marlon Schadock (v.l.) aus Massen gewannen nicht nur die Altersklasse 11 bis 13 männlich, sondern auch den Fairplay-Pokal. FOTO: Jürgen Weser/jgw1
Autogrammstunde mit den beiden Spielern vom FC Energie Cottbus: Torhüter Alexander Meyer (l.) und Innenverteidiger Philipp Knechtel.
Autogrammstunde mit den beiden Spielern vom FC Energie Cottbus: Torhüter Alexander Meyer (l.) und Innenverteidiger Philipp Knechtel. FOTO: Wiesner
Nach jedem Abpfiff wurden die Spiele mit einem Fairplay-Botschafter ausgewertet. Wer hat gefoult? Wer hat Regelverstöße zugegeben?
Nach jedem Abpfiff wurden die Spiele mit einem Fairplay-Botschafter ausgewertet. Wer hat gefoult? Wer hat Regelverstöße zugegeben? FOTO: Weser/jgw1