| 18:08 Uhr

Adventsserie
Emblem als deutlicher Hinweis

Ein großes Emblem ziert das Schützenhaus Finsterwalde.
Ein großes Emblem ziert das Schützenhaus Finsterwalde. FOTO: Heike Lehmann
Finsterwalde. Inschriften an Häusern zeugen oft von einer wechselhaften Geschichte der Gebäude. In einer LR-Adventsserie spüren wir sie auf.

Von der Errichtung eines „Schießhauses“ in Finsterwalde wurde erstmals 1601 berichtet. Heute ist es ein Gaststätte, in die junge, ambitionierte Leute gemeinsam mit der Wirtin wieder mehr Schwung bringen. Die LR fragt heute: Welche Erinnerungen haben Sie an das Schützenhaus am Westplatz? Rufen Sie am Freitag, 15. Dezember, zwischen 14 und 15 Uhr an oder schreiben Sie uns bis 15 Uhr eine E-Mail an finsterwalde@lr-online.de.

Leesemanns Ecke – kaum ein Herzberger, der sie nicht kennt. Der markante Schriftzug „Leesemann“ prägt das Gebäude in der Torgauer Straße 1 schon fast seit einem Jahrhundert. Bis vor knapp zehn Jahren war das Eckhaus eher ein Schandfleck in der Herzberger Nachwendezeit. Doch seitdem das Haus eine neue Eigentümerin hat, die es umfassend und dem Stadtbild entsprechend saniert hat, gehört es wieder zu den prägenden Gebäuden am Herzberger Markt. Viel ist über dieses Gebäude geschrieben worden. Vor allem der Herzberger Orts­chronist Helmut Knuppe hat sich ausführlich mit dem Gebäude und seiner Geschichte befasst. So sind die folgenden Fakten zu „Lesemann“ hauptsächlich seinen Veröffentlichungen entnommen.

Danach ist das Eckgebäude Torgauer Straße/Kirchstraße 1723 als Fachwerkhaus  im barocken Stil erbaut worden. Seit 1894/95 gehörte es Richard Otto. Dessen Schwiegersohn, der aus Westfalen stammende Schuhmachermeister Friedrich Leesemann, hat es 1920 von ihm übernommen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Maria (geb. Otto) hat er die Schuhmacherei geführt. Im Haus wohnten noch weitere Mieter. Maria und Friedrich Leesemann hatten zwei Kinder — die Zwillinge Hans und Gretel. Hans Leesemann tat es seinem Vater gleich und wurde Schuhmacher. Nach der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft spezialisierte er sich auf das Orthopädieschuhmacher-Handwerk.

Wie Helmut Knuppe schreibt, ist Hans, der 1948 seine Frau Ilse geheiratet hat, wie sein Vater in dem Eckhaus seinem Beruf nachgegangen. Er hat Gesellen beschäftigt und Lehrlinge ausgebildet. Seine Frau Ilse hat im Ladengeschäft Schuhe verkauft und die Annahme und Ausgabe der Reparaturschuhe gemanagt. Ihre Schwiegermutter Maria hat das Geschäft noch bis 1960 geleitet.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war das Sortiment im Schuhgeschäft Leesemann sehr umfangreich. Geführt wurden Damenschuhe der Marke „Mercedes“ oder Herrenschuhe von „Rieker“. Hans Leesemann war sehr am Leben in seiner Stadt interessiert. Er war Segelflieger und sang im Männerchor. Auch half er beim Aufbau des Feuerwehrhauses in der Lugstraße.

Wie alle Häuser der Herzberger Innenstadt war auch die Torgauer Straße 1 in den letzten Kriegsjahren mit Flüchtlingen gefüllt. Die Einheimischen und die Flüchtlinge, so schreibt Helmut Knuppe, hielten zusammen. Mit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen kam es aber zu einer Plünderungswelle in Herzberg, an der laut Knuppe einige Flüchtlinge, Einheimische, Durchziehende und Sowjetsoldaten beteiligt waren. Auch das Schuhgeschäft Leesemann wurde auf diese Weise ausgeräumt. Überliefert ist, dass der damalige Herzberger Bürgermeister Leo Gawlik bei der Plünderung einen großen Sack voller Schuhe gerettet und ihn Ilse Leesemann übergeben hat, damit sie ihr Geschäft bald wieder eröffnen konnte.

Doch zu DDR-Zeiten hatten es private Geschäftsinhaber nicht leicht. Sie wurden benachteiligt. Ilse Leesemann bekam das oft zu spüren. HO- und Konsum-Geschäfte wurden bei der Belieferung mit Schuhwerk bevorzugt. Bei Leesemanns gab es nach dem Krieg bald nur noch Schuhe und Hausschuhe aus Hartha in Sachsen. In das Erdgeschoss zogen auch andere Geschäfte ein wie ein Verkaufsladen der Gärtnerei Hönicke und wohl auch ein Seifengeschäft.

1986 starb Hans Leesemann. Nach der Aufgabe des Schuhgeschäftes wurde das Haus verkauft. Neuer Eigentümer war nach der Wende eine Göttinger Vermögens- und Finanzholding. Sie hat das Anwesen vermietet. Im Ladenraum des ehemaligen Schuhgeschäftes gab es jetzt ein reichhaltiges Sortiment an Blumen, Obst, Gemüse und Südfrüchten. Auch ein Textilgeschäft war hier zeitweise zu finden.

Am schlechten baulichen Zustand des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes änderte sich allerdings nichts. Bis das Haus 2008 eine einheimische Eigentümerin bekam, die das Potenzial des Gebäudes erkannte. Ab 2008 wurde es denkmalgerecht saniert und erhielt einen Anstrich in seiner ursprünglichen Farbgebung. Die Eigentümerin bekam für ihr Engagement den Preis für Denkmalpflege des Landkreises.

Ein Schuhgeschäft findet sich heute nicht mehr darin, aber ein Fleischereifachgeschäft, eine Kanzlei und Wohnungen. Das Gebäude ist wieder eines der schönsten und belebtesten Häuser der Herzberger Innenstadt.

Lesemanns Ecke: So sah sie vor der Sanierung aus. Inzwischen ist das historische Herzberger Gebäude ein echtes Schmuckstück geworden.
Lesemanns Ecke: So sah sie vor der Sanierung aus. Inzwischen ist das historische Herzberger Gebäude ein echtes Schmuckstück geworden. FOTO: Rudow / LR
(leh/ru)