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"Einmal tat mir der Mörder leid"

Erst Richter, dann Rechtsanwalt: Detlef Harbs vertieft sich in seiner Freizeit gern vor allem in historische Bücher.
Erst Richter, dann Rechtsanwalt: Detlef Harbs vertieft sich in seiner Freizeit gern vor allem in historische Bücher. FOTO: Dieter Babbe/dbe1
Finsterwalde. Er kennt sich im Intimleben vieler Familien in und um Finsterwalde bestens aus. Mehr als 20 000 Ehen hat er als Richter geschieden, als Rechtsanwalt war er bei vielen Scheidungen dabei. Nicht wenige Ehen hat er wieder gekittet. Der dienstälteste Jurist des Elbe-Elster-Kreises hat aber auch so manchen hinter Gitter gebracht. Einige Urteile würde Detlef Harbs allerdings heute so nicht mehr fällen. Dieter Babbe / dbe1

Bei einer Karnevalsveranstaltung kommt plötzlich eine Frau auf ihn zu, legt ihren Arm um seine Schultern und bittet ihn, an die Bar zu kommen. Die spendable Dame wollte sich bedanken - weil der Richter ihre Ehe gerettet hatte. "Das Ehepaar stand vor Gericht und wollte geschieden werden. Auf meine Frage, wann beide das letzte Mal geschlechtlichen Verkehr mitein ander hatten und ich zur Antwort bekam ,vorgestern‘ schickte ich beide aus dem Gerichtssaal", erinnert sich Detlef Harbs.

Doch bei vielen anderen Ehen hätte diese Methode nicht geholfen, sagt er, wie bei den beiden Hochbetagten, die bereits 52 Jahre ein Paar waren - "die haben sich ihr ganzes Leben lang bekriegt", musste Richter Harbs feststellen. So manche Ehe, erinnert er sich, habe keine drei Monate gehalten, einige Paare ließen sich sogar dreimal scheiden, um dann festzustellen, dass sie zusammengehören - oder doch nicht. "In der DDR waren es vor allem Frauen, die die Scheidung einreichten, nach der Wende lebten sich viele Familien wegen der Arbeit, die der Partner im Westen fand, auseinander", hat Detlef Harbs die Erfahrung gemacht. Von manchen Familien kennt er die Scheidungsbiografien von drei Generationen.

Vom Schiff in den Gerichtssaal

Als Seiteneinsteiger ist der gelernte Betriebsschlosser zur Juristerei gekommen - "als man in der DDR erkannt hatte, dass es auch im Sozialismus nicht nur Gut-Menschen, sondern auch Diebe und Verbrecher gibt", formuliert Detlef Harbs - der von der Volksmarine, wo er auf einem Dampfschiff Kesselmaschinist war, später über ein Jurastudium zum Diplom-Juristen wurde. Seit 1972 sprach er beim Kreisgericht Finsterwalde Recht, die meiste Zeit als Direktor - bis er noch zu DDR-Zeiten seine Abwahl veranlasste und 1990 Rechtsanwalt wurde. "Des Geldes wegen", gibt Harbs unumwunden zu, "ich habe als Richter weniger verdient als ein Arbeiter".

Detlef Harbs hatte in den 45 Jahren als Jurist mit vielen spektakulären Fällen zu tun. So sorgte zu DDR-Zeiten die Verurteilung des Vorsitzenden einer Finsterwalder Wohnungsgenossenschaft für öffentliches Aufsehen. Er soll Mitglieder, die Aufbaustunden zum Erwerb einer Wohnung geleistet haben, mit dem Schachten von Kabelgräben bei der Deutschen Reichsbahn beschäftigt und dabei 80 000 Mark erwirtschaftet haben, ein geringer Betrag sei in seine private Tasche geflossen. "Die Staatsanwaltschaft wollte ihn, weil er sich am sozialistischen Eigentum vergriffen habe, sieben Jahre hinter Gitter bringen - obwohl er das Geld komplett privat zurückgezahlt hat. Mir war die Strafe deutlich zu hoch, ich habe sie - auch gegen ein Urteil in zweiter Instanz beim Bezirksgericht - letztlich auf 1,8 Jahre mildern können", erinnert sich der damalige Richter Harbs - und auch daran, dass der Verurteilte nach der Wende das Geld wieder zurückbekam - auch mit juristischer Unterstützung von Rechtsanwalt Harbs.

In einem seiner wenigen Mordfälle, die Detlef Harbs verhandelt hat, "tat mir nicht das Opfer, sondern der Mörder leid", erinnert sich der langjährige Richter. Er erzählt die Geschichte aus einem kleinen Dorf in der Region und von einem Jungen, der den Lebenspartner seiner Mutter mit einem Rohr erschlagen und den Toten anschließend zusammen mit seiner Mutter verbuddelt hat. Der Mann sei regelmäßig betrunken nach Hause gekommen und habe dann seine Familie brutal verprügelt. "Ich musste den Jungen laut Gesetz zu 15 Jahren Haft verurteilen, konnte ihn aber nach 3,5 Jahren wieder freilassen."

Zu den Urteilen, die er heute als "unsinnig und gesetzwidrig" bezeichnet, gehören die gegen Republikflüchtlinge. "Das DDR-Recht hatte ein anderes Verständnis von Freiheit als wir es heute haben. Wer illegal das Land verlassen wollte, war laut Paragraph 213 ein Straftäter, der bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe bekommen musste. Schon die Vorbereitung zur Republikflucht war eine Straftat", erklärt Detlef Harbs die damalige Rechtslage.

Als er nach der Wende in Doberlug-Kirchhain eine eigene Rechtsanwaltskanzlei eröffnen wollte, sind alle seine Urteile gründlich überprüft und nach dem in der DDR geltenden Gesetzen für richtig gefällt beurteilt worden, verweist Harbs. Er habe aber erkennen müssen: Die Gesetzgebung der DDR sei zwar weltweit anerkannt gewesen, doch bei politischen Prozessen sei die DDR kein Rechtsstaat und "ich das juristische Werkzeug einer falschen Politik gewesen".

Nach der Wende schoss - vor allem wegen des komplizierten Übergangs in die neue Rechtsform - die Zahl der Rechtsanwälte nur so aus dem Boden, 40 gab es allein im Altkreis Finsterwalde. Die Kanzlei von Detlef Harbs hatte in Hochzeiten 18 Beschäftigte, jetzt sind es noch vier, darunter ist sein langjähriger Partner Torsten Neumann. Hier hatte man allein mit der Übertragung der vielen Kirchhainer Gerbereien und der großen Villen an die Alteigentümer, die in der DDR meist enteignet wurden, reichlich zu tun. Aber auch bei anderen Fällen, die für Aufsehen gesorgt haben, hat die Kanzlei mitgewirkt - wie bei der Verurteilung von Jägern. Die hatten einen Wilderer auf frischer Tat gestellt und ihn dabei versehentlich erschossen. Weil die Jäger geständig waren, sei ihnen eine Haftstrafe erspart geblieben - "auch ein Verdienst unserer Kanzlei", verweist Detlef Harbs.

Berufsnachwuchs ausgebildet

Für ihn ein Ausdruck von Würdigung seiner Arbeit: "Seit 27 Jahren werde ich immer wieder in den Vorstand und als Schatzmeister beim Cottbuser Rechtsanwaltsverein gewählt, der sich vor allem um die Weiterbildung der Mitglieder kümmert." Auch bei der beruflichen Ausbildung des Nachwuchses habe seine Kanzlei Vorbildliches geleistet: Zehn junge Leute sind bei ihm Rechtsanwaltsgehilfe bzw. -fachangestellte geworden, die heute noch als Juristen tätig seien, verweist Detlef Harbs.

Der Rechtsanwalt, der am 30. Januar 70 Jahre alt wird, arbeitet inzwischen nur noch "halbtags", wie er einräumt, und sucht für sich einen Nachfolger in der Kanzlei. Seine Freizeit verbringt er mit seiner Frau im Wohnmobil, mit dem er ganz Europa bereist und schon in fast allen Ländern war, schraubt an seinem Traktor oder vertieft sich in eines seiner mehr als 2000 Bücher, die ihn in Gedanken vor allem in die Geschichte führen: "Ich bin Fan von Friedrich dem Großen, von dem habe ich alles gelesen."