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Einmal fiel hier ein tödlicher Schuss

Rolf Beyer sitzt noch einmal am Schreitisch in seinem alten Büro, das Gottfried Richter seit 25 Jahren nutzt - im Gedenkan an Erich Merkel, den ersten FIMAG-Werkleiter.
Rolf Beyer sitzt noch einmal am Schreitisch in seinem alten Büro, das Gottfried Richter seit 25 Jahren nutzt - im Gedenkan an Erich Merkel, den ersten FIMAG-Werkleiter. FOTO: Dieter Babbe/dbe1
Finsterwalde. Rolf Beyer und Gottfried Richter lassen die Geschichte ihres alten Büros im einstigen "Bau 1" in Finsterwalde lebendig werden. Dieter Babbe / dbe1

In diesem Raum ist mehr als 80 Jahre lang, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, Finsterwalder Geschichte geschrieben worden. Hier traf sich die ganze Welt, hier gaben sich hochrangige Industrielle ebenso wie Minister und sogar ein Ministerpräsident die Klinke in die Hand. Hier ist im April 1945 auch die kampflose Übergabe von Finsterwalde an die Sowjets mit organisiert worden. Und in diesem Raum fiel vermutlich sogar ein tödlicher Schuss: Im "Bau 1", wie zu DDR-Zeiten das Gebäude in der FIMAG hieß, in dem alle Werkleiter mit der Hauptverwaltung eines der größten Industriebetriebe der Sängerstadt ihren Sitz hatten, trafen sich jetzt zwei Männer, für die dieser historische Raum für lange Zeit das betriebliche Zuhause war bzw. noch immer ist. Rolf Beyer, drei Jahrzehnte FIMAG-Direktor, und Gottfried Richter, seit kurz nach der Wende Amtsdirektor vom Amt Kleine Elster, erinnerten sich, was sich in diesen vier Wänden abgespielt hat.

Der junge Beyer, in Staßfurt geboren, hatte in Magdeburg Elek-tromaschinenbau studiert, suchte danach Arbeit, bewarb sich in etlichen Betrieben der DDR, "doch alles war nicht nach meinem Geschmack". Bis er 1950 nach Finsterwalde kam, wo der Maschinenbau eine lange Tradition hatte. "Bereits der schöne Bahnhof hat mich beeindruckt, auch die saubere Stadt, und dann vor allem das angenehme Betriebsklima in der FIMAG", erinnert sich der heute 91-Jährige. Rolf Beyer lernte die Abteilungen des Betriebes kennen, arbeitete im Konstruktionsbüro, später im Prüffeld - als plötzlich der Stuhl des Werkleiters frei wurde. "Man hat mich ins kalte Wasser geschmissen", so empfand es Rolf Beyer nach erst acht Jahren in der FIMAG "und von der Leitung eines Betriebes keine Ahnung". Dennoch: Rolf Beyer sollte zum dienstältesten Werkleiter in der Geschichte der FIMAG werden - als er 1988 nach genau 30 Jahren, in der Belegschaft hoch angesehen, aus gesundheitlichen Gründen ausschied.

Der alte FIMAGer kann wie kein anderer Geschichten erzählen - vom Bau der vielen Gleichstrommaschinen, mit denen die junge DDR die Kriegsschäden in der Sowjetunion als Reparationsleistungen bezahlen musste, von den zahlreichen prominenten Gästen, wie der Frau von Ministerpräsident Otto Grotewohl und von Hermann Axen, der als einer der klugen Köpfe im Politbüro galt, und dass die FIMAG als einst schwedischer Betrieb erst 1970 volkseigen wurde. Rolf Beyer kann sie nicht alle aufzählen - die vielen Kunden aus mehr als 40 Ländern, insbesondere aus dem Orient, die auf der Couch in seinem Werkleiterzimmer saßen und Generatoren und Aggregate "gleich waggonweise" bestellten. An eine Episode erinnert sich Rolf Beyer besonders, auch angesichts des aktuellen Flüchtlingszustroms in Deutschland: "Einmal baten mich Kunden während unseres Gesprächs um einen Teppich und um einen Kompass - sie wollten in Richtung Mekka beten".

Auch dieses schockierende Erlebnis wird Rolf Beyer nicht vergessen: 1963 war es, als ein Arbeiter ihn persönlich und ganz dringend sprechen wollte. Seine Brigade war bei Schachtarbeiten zum Bau eines Brunnens unweit des betrieblichen Kesselhauses auf eine Leiche gestoßen. Beyer sah sich den Fundort an und informierte sofort die Polizei. Bei diesem Toten soll es sich um einen hohen Nazi gehandelt haben, der in den letzten Kriegstagen im April 1945 erschossen wurde, weil er vom damaligen Werkleiter Erich Merkel mit gezogener Waffe verlangt habe, die weiße Fahnen vom Schornstein und vom Betriebszaun als Zeichen der kampflosen Übergabe der FIMAG an die Sowjetarmee wieder abzunehmen. Wer der Schütze war, darüber gehen die Aussagen auseinander. Ein noch heute lebender Kriminaltechniker, der den Fall damals untersucht hat, schließt aus, dass Erich Merkel geschossen hat. Das beim Toten im Rippenbogen gefundene Projektil stammt von einem Karabiner, wie Wachleute der Kriegsgefangenen sie benutzten, und nicht von einer Pistole, wie Merkel sie besessen und in seinem Schreibtisch gelagert hatte.

Unbestritten hat sich Erich Merkel, der die FIMAG seit ihrer Gründung im Jahre 1934 bis zum Kriegsende erfolgreich geleitet hat, hohe Verdienste erworben. Erst unlängst ist durch Recherchen des Historikers Manfred Woitzik bekannt und gewürdigt worden, dass Erich Merkel in den letzten Kriegsmonaten, obwohl selbst NSDAP-Mitglied, als Hitler-Gegner eine Widerstandsgruppe gegründet und alles dafür getan hat, die FIMAG mit den vielen hier beschäftigen Kriegsgefangenen kampflos und unbeschadet zu übergeben. Auch zum Tod von Merkel, der sich kurz vor dem Eintreffen der Sowjets mit einer Kugel oder durch Zyankali das Leben genommen hat, gibt es unterschiedliche Aussagen.

Für Gottfried Richter ist es selbstverständlich, dass das Bild mit dem Porträt vom ersten Werkleiter Erich Merkel in seinem Büro einen Ehrenplatz hat. Der Amtsdirektor verwaltet mit seiner Mannschaft seit 1992 von hier aus das Amt Kleine Elster mit den vier Gemeinden und den insgesamt 21 Dörfern. Als die Gemeinde Massen unter seiner Regie das Gelände des einst großen Industriebetriebes an die FIMAG-Nachnutzer verkauft hatte, sei der Verwaltungsbau übrig geblieben, erinnert Richter. Der Amtsausschuss sei seinem Vorschlag gefolgt, auf einen bereits geplanten teuren Neubau eines Amtssitzes auf der grünen Wiese im Gewerbegebiet zu verzichten und stattdessen "für die Hälfte der Kosten", so Richter, in das alte FIMAG-Gebäude zu ziehen - um hier auch erfolgreiche Industriegeschichte weiter zu schreiben. Und in der Tat trat Gottfried Richter in seiner Amtszeit in die Fußspuren von Merkel und Beyer - und hinterlässt neue.

Wichtige Entscheidungen zum inzwischen größten Gewerbegebiet im Elbe-Elster-Kreis, zur Sanierung des Flugplatzes und der Industriebahn, zum Bergheider See und dem einzigartigen Besucherbergwerk F60 sind in Richters Amtsstube gefällt worden. "Industriemanager großer Unternehmen, etliche Minister und auch Ministerpräsident Manfred Stolpe habe ich in meinem Büro begrüßen dürfen", zählt der Amtsdirektor auf.

Gottfried Richter und Rolf Beyer - beide Männer wertschätzen sich. "Erstaunlich, wie zu DDR-Zeiten die FIMAG aus allen Nähten geplatzt ist, eine Halle nach der anderen gebaut wurde und man immer wieder Geld für Investitionen hatte", lobt Richter den Betriebsdirektor Beyer. Und der würdigt Richter: "Bei ihm reicht ein Verdienstkreuz nicht, was der Mann geleistet hat", so Beyer, der sich freut, dass der Amtsdirektor nach der Wende in der FIMAG keine Industriebrache, sondern eine blühende Landschaft hinterlassen hat - und letztlich auch das gemeinsame Büro weiter genutzt wird.

Am 21. Juli, wenn das Jubiläum "25 Jahre Amt Kleine Elster" am Amtssitz in Massen öffentlich bei einem Sommerfest gefeiert wird, können Interessenten auch einen Blick in das alte Chefzimmer werfen, wo der Schrank und die Holztäfelung noch aus Merkels Zeiten stammt - wie auch den alten riesige Panzerschrank mit der 17 Zentimeter dicken Stahltür bewundern, der stets verschlossen bleibt. Hier lagern jetzt auch einige Stasi-Akten, verrät der jetzige Hausherr.

Gottfried Richter versichert Rolf Beyer: "Unser beider Büro hat nicht nur eine reiche Vergangenheit, es hat auch eine Zukunft." Der Amtsdirektor, der kürzlich für eine vierte Amtszeit gewählt wurde, sieht im Amt ein Erfolgsmodell, das Bestand haben werde - auch wenn er in zwei Jahren in den Ruhestand geht, wie es vor hat.