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| 16:43 Uhr

5 Minuten Heimatgeschichte
„Eine der glücklichsten und bedeutendsten des deutschen Vaterlandes“

Innungszeichen der Tuchscherer, Villa des Tuchfabrikanten R. Schäfer, vor der Sanierung des Gebäudes.
Innungszeichen der Tuchscherer, Villa des Tuchfabrikanten R. Schäfer, vor der Sanierung des Gebäudes. FOTO: Rainer Ernst
Finsterwalde. Mit berechtigtem Stolz bewertete die neu entstandene Finsterwalder Bürgerschicht der Fabrikanten im Jahr 1839  die Veränderungen in ihrer Stadt. Von Rainer Ernst

Kurz nach den Napoleonischen Kriegen und der Einverleibung durch Preußen zeigte Finsterwalde noch immer das seit vielen Jahrzehnten überlieferte Bild der Ackerbürger- und Handwerkerstadt. Damit unterschied sie sich kaum von den Orten der Region.

So listete eine Statistik für das Jahr 1817 die wohl auch andernorts üblichen Innungen auf: Fleischhauer, Seifensieder und Talglichtmacher, Lohgerber, Beutler und Handschuhmacher, Sattler, Schuhmacher, Kirschner, Zimmerleute, Tischler, Böttger, Weißbäcker, Seiler, Kunst – und Waffenschmiede, Schlosser und Nagelschmiede, Nadler, Maurer, Töpfer, Glaser, Gürtler, Buchbinder, Knopfmacher, Hut- und Filzmacher, Posamentierer und Weißgerber. Meist bestanden die Innungen aus nur sehr wenigen Meistern – mitunter einem – und entsprechend wenigen Gesellen. In manchen Branchen dominierte eine Familie das gesamte Gewerk. Bei der mit acht Meistern großen Innung der Böttcher trugen sieben den Namen Marggraf. Wie in anderen Städten auch, war die Schuhmacherinnung zahlenmäßig sehr stark. Immerhin 37 Meister und 19 Gesellen verdienten sich hier ihr meist sehr karges Brot.

Innungssiegel der Leineweber, 1817, Stadtarchiv
Innungssiegel der Leineweber, 1817, Stadtarchiv FOTO: Rainer Ernst

Allerdings gibt es auch Auffälligkeiten, die Finsterwalde von anderen Orten im weiten Umkreis deutlich unterscheiden. So finden wir hier ein breites Spektrum der Handwerke, die mit der Tuchherstellung verknüpft sind: Neben den Tuchmachern selbst noch Tripp- und Manchestermacher, Leineweber, Walker, Tuchvorbereiter und Tuchscherer sowie Färber. Ja, sogar die Innung der Stuhlmacher gehört in diesen Zusammenhang; denn sie leiteten die Bezeichnung ihres Gewerks weniger vom Anfertigen der Sitzmöbel, sondern von der Produktion und der Reparatur von Webstühlen  her. Und das lohnte sich wohl in Finsterwalde. Die Tuchmacherinnung zählte immerhin 93 Meister und 121 Gesellen. Allerdings müssen wir uns die Tuchherstellung trotz der großen Zahl der Innungsmitglieder noch als reines Handwerk vorstellen. 94 Webstühle verzeichnete die Statistik von 1817. Damit dürfte in sehr vielen Finsterwalder Häusern ein Webstuhl geklappert haben. Hinzu kamen 102 Spinnmaschinen mit insgesamt 4080 Spindeln.

Reichlich zwei Jahrzehnte später finden wir in Finsterwalde noch immer die meisten der genannten Gewerke. Im Tuchsektor allerdings hatten sich sowohl massive quantitative als auch qualitative Veränderungen vollzogen. Nun gab es 133 Tuchmachermeister, die wohl in der traditionellen  Weise in ihren Wohnungen das Tuch webten. Daneben aber hatten sich inzwischen 36 Tuchfabriken etabliert. Auch wenn diese Produktionsstätten nach heutigen Maßstäben des Begriffes Fabrik noch sehr bescheiden anmuten, sie bildeten die Basis für die Entwicklung Finsterwaldes zur bedeutendsten Industriestadt zwischen Cottbus und Riesa. Mit berechtigtem Stolz wertete die neu entstandene Bürgerschicht der Fabrikanten die Veränderungen in der Stadt als Zeugnis ihres Wirkens. In einem Schreiben vom 29. März 1839 an die preußische Regierung hieß es selbstbewusst, „dass unsere Stadt durch ihr Gewerbe und Fabrikation (sich) zu einer der glücklichsten und bedeutendsten des deutschen Vaterlandes durch Fleiß (und) Thätigkeit … emporgeschwungen hat“.

Ja, man sah sich sogar als Stütze der Gesellschaft, weil einerseits „so viele nützliche Bürger herangezogen sind, die in unserem großen Staate den so nothwendigen Geldumlauf befördern“, und weil andererseits die Armut „der arbeitenden Classe durch ihre Fabriktätigkeit eingedämmt wird und sie nicht als Verarmte dem Gemeinwesen zur Ernährung anheim“ fallen. Nicht nur Finsterwalde, sondern „die ganze umliegende  Landschaft“ – so betonten die aufstrebenden Unternehmer  ihre Bedeutung – „lebt und erhält sich durch unsere thätige Fabrikation. Die hiesigen Arbeiter reichen bei weitem zur Betriebsamkeit der Fabrikation nicht aus; es sind vielmehr über einhalb tausend fremde Arbeiter stets beschäftigt.“

Fakten und Zitate nach Stadtarchiv Finsterwalde, Rep.8, Nr. 032; 183; 210.