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"Ein Utopia, in dem man Sorgen vergisst"

Ein Herz für Festivals: Etwa 20 000 Besucher strömen seit Jahren zum Feel Festival am Fuße der F60-Brücke.
Ein Herz für Festivals: Etwa 20 000 Besucher strömen seit Jahren zum Feel Festival am Fuße der F60-Brücke. FOTO: Feel Festival/Nils Krüger
Finsterwalde. Das Feel Festival kommt an den Bergheider See. Wir sprachen mit den Organisatoren über die Vorzüge des Areals und leere Supermarktregale.

Am Wochenende wird es laut und farbenfroh am Bergheider See in Elbe-Elster. Das Feel Festival schickt sich an und wird vom 6. bis 10. Juli Tausende Menschen in die Lausitz locken. Die RUNDSCHAU sprach vorab mit Martin Salchow, Geschäftsführer der Firlefanz GmbH, die das Festival veranstaltet. Er erklärt unter anderem, warum die Kulisse an der F60-Brücke so geeignet ist und wie man auch mit Leuten ins Gespräch kommen will, die die Veranstaltung nicht gutheißen.

Herr Salchow, das Feel Festival schickt wieder seine Boten voraus. Zum wievielten Mal kommt das Festival nun schon in die Lausitz?
Salchow Wir sind seit 2015 am wundervollen Bergheider See und freuen uns darauf, auch unser insgesamt fünftes Festivaljubiläum gemeinsam mit Besuchern aus der ganzen Welt zu feiern.

Aus welchen Himmelsrichtungen strömen die Menschen denn zu Ihnen?
Salchow In diesem Jahr begrüßen wir erstmalig Gäste aus Russland, Polen, Portugal, Spanien, Frankreich und weiteren europäischen Ländern. Das ist auch ein großer Vorteil dieser Location. Mit unmittelbarer Nähe zur Autobahn, zwischen Berlin und Leipzig, können wir internationalen Gästen und Künstlern eine bequeme Anreise bieten. Besucher aus der gesamten Republik reisen zu großen Teilen mit Bus-Shuttles oder der Bahn an. Die Anreise mit Bus und Bahn versuchen wir, für unsere Besucher jedes Jahr attraktiver zu gestalten, um die Umwelt und umliegende Agrarflächen zu schonen. Damit ist Finsterwalde als naheliegendes Mittelzentrum mit guter Bahnanbindung ein weiterer Pluspunkt für den Bergheider See.

Wie hat sich der Standort am Bergheider See sonst noch bewährt?
Salchow Neben einer sehr guten Anbindung bietet uns Finsterwalde eine tolle Infrastruktur. Wir versuchen, jedes Jahr mehr mit lokalen Dienstleistern zusammenzuarbeiten und die Region am Festival teilhaben zu lassen. Nach dieser Saison möchten wir mit der lokalen Wirtschaftsförderung nicht nur aufzeigen, wieviel in die Region investiert wird, sondern auch die passive Wertschöpfung durch unsere Besucher aufschlüsseln. See, Strand, aber auch die Förderbrücke F60 verleihen dem Festival einen unnachahmlichen Charme und sind ein Grund für die wachsende Beliebtheit des Festivals.

Die Kulisse am Bergheider See ist jüngst auch prämiert worden.
Salchow Richtig. Im vergangenen Jahr haben wir einen Helga Award, also den deutschen Festivalpreis, für das schönste Festivalgelände bekommen.

Und wie viele Besucher lockt das Feel Festival an?
Salchow Etwa 20 000. Das Festival war in diesem Jahr schneller denn je ausverkauft. Man bekommt nur in den Vorverkaufsstellen der Sparkasse Elbe-Elster Tickets - und das, obwohl wir keinen der 500 Künstler vorher bekannt geben. Obwohl wir mit unserer Größe zu den mittelgroßen Festivals auf der deutschen Festivalkarte zählen, wird man bei uns als Besucher trotzdem selten von mehr als 1000 bis 2000 Menschen umgeben, weil sie sich auf 21 Bühnen verteilen, die individuell gestaltet und in monatelanger Handarbeit kreiert werden. So behält das Festival seinen familiären Charakter.

Es gibt aber noch einem ganz anderen Charakter, den das Feel Festival transportieren soll.
Salchow Ja, wir arbeiten daran, dass Nachhaltigkeit ein wichtiger Bestandteil unseres Markenkerns wird. Dabei decken wir nicht nur Themen wie Toiletten und Müll, sondern auch Nachbarschaftsarbeit ab. Wie auch im vergangenen Jahr setzen wir 2017 zu großen Teilen auf Ecotoiletten. Das spart nicht nur Unmengen an Wasser, sondern auch Chemikalien. Für die Besucher hat es den tollen Nebeneffekt, dass diese Toiletten weitestgehend geruchlos sind.

Ein Festival ohne Müll ist aber leider eine Utopie, oder?
Salchow Teilweise bekommen wir das Feedback, dass wir große Teile des Geländes verdreckt hinterlassen würden. Leider ist es schwer nachzuvollziehen, welcher Müll wirklich von unseren Besuchern oder von täglichen Badegästen stammt. Wir bemühen uns, den See und die umliegenden Flächen nach dem Festival wieder der natürlichen Schönheit zu übergeben. In den letzten Jahren wurden diese immer von lokalen Ämtern abgenommen. Um dennoch auf diese Kritik einzugehen, haben wir in diesem Jahr nicht nur unseren Reinigungstrupp verstärkt, sondern werden nach dem Festival die Reinigung des Geländes mit einer Drohne dokumentieren. Man muss jedoch realistisch sein und eingestehen, dass eine solch große Fläche eher zwei Wochen als zwei Tage für eine Reinigung benötigt.

Was gibt es noch für Überlegungen, um das Bewusstsein für die Umwelt zu stärken?
Salchow Neben Toiletten und Müllmanagement versuchen wir, in diesem Jahr auch mehr Bühnen mit Feststrom statt mit Stromaggregaten zu versorgen. Das ist zwar kostspieliger und aufwendiger, da weite Kabelstrecken verlegt werden müssen, aber schonender für die Umwelt.

Nach wie vor gibt es aber auch Anwohner, die das Feel Festival kritisieren. Sogar eine Bürgerinitiative soll sich gebildet haben.
Salchow Sowohl in den Ämterrunden, aber auch von unseren direkten Ansprechpartnern in der Region bekommen wir die Rückmeldung, dass circa 90 Prozent der Bevölkerung sehr glücklich darüber sind, dass mit uns ein Groß-event in der Region ein Zuhause gefunden hat. Es wird hervorgehoben, dass wir so überregional die Bekanntschaft steigern und langfristig natürlich auch Tourismus in die Region locken. Allerdings: Bei anderen Festivalprojekten ist zu beobachten, dass die unmittelbare Nachbarschaft noch findiger ist und Besuchern der Festivals Zugang zu ihren Duschen- und Toiletten oder WLAN gegen ein Entgelt anbietet. Das befürworten wir und hoffen, dass sich die Region zukünftig noch aktiver mit dem Festival identifiziert.

Sie haben den Tourismus-Effekt angesprochen: Wer profitiert genau vom Festival?
Salchow Es gibt einige Dienstleister, die durch uns teilweise Monats- oder sogar Jahresumsätze einfahren, zum Beispiel Taxiunternehmen, Tankstellen und Supermärkte. Insgesamt denken wir, dass das Festival für die gesamte Region ein Leuchtturmprojekt sein kann, welches nachhaltig den Tourismus fördert. Trotz den positiven Rückmeldungen gibt es aber auch kritische Stimmen, die sich über leere Gemüseregale im Supermarkt an zwei Tagen im Jahr beschweren oder Probleme mit Lärmemission melden.

Gibt es Bestrebungen, mit den Anwohnern ins Gespräch zu kommen und bestehende Wogen zu glätten?
Salchow Wir arbeiten an diesen Themen proaktiv und suchen das Gespräch mit interessierten und kompromissbereiten Bürgern. Wir haben bereits in zwei Workshops mit Anwohnern aus Klingmühl einen Plan entwickelt, wie wir Lärmemission minimieren können. Wir binden die Anwohner in den Prozess mit ein. So können die Bürger der Initiative bei der Einmessung der Bühnen anwesend sein. Zusätzlich werden wir zwei Mal täglich Begleitmessungen durchführen, um nachzuweisen, dass die Lärmemission zu keinem Zeitpunkt über den gesetzlichen Grenzwerten liegt. Und wir laden Anwohner aus den unmittelbar umliegenden Ortschaften Lichterfeld, Schacksdorf, Theresienhütte, Klingmühl und Lieskau, die über 18 sind, kostenfrei gegen Vorlage eines Personalausweises zum Festival ein, damit sie einen Eindruck davon bekommen, was wir wirklich leisten.

Und was entgegnen Sie Kritikern, die sich gestört fühlen und behaupten, dass sich beim Festival nur zugedröhnt wird?
Salchow Das Festival bietet nicht nur über 20 individuell gestaltete Bühnen, sondern auch unzählige Installationen, künstlerischen Input, ein Theater- und Kinoprogramm und diverse Workshops. Auch gibt es einen Festivalbereich mit Ständen zum Thema Nachhaltigkeit. In dem werden unsere Besucher zu einem bewussteren Umgang mit ihrer Umwelt animiert. Dies alles sorgt für ein kleines Utopia, in dem man die Sorgen des Alltags vergisst und an fünf Tagen viele liebevoll gestaltete Ecken am Bergheider See gemeinsam mit altbekannten und neuen Freunden entdecken kann.

Mit Martin Salchow

sprach Steven Wiesner

Zum Thema:
Das Feel Festival geht einmal im Jahr über die Bühne, in diesem Jahr feiert es fünfjähriges Bestehen. Zweimal fand es in Berlin statt, am Wochenende kommt es nun zum dritten Mal in die Lausitz zum Bergheider See. Die Veranstalter wollen aber nicht einfach nur Musik abspielen und wieder weiterziehen, sondern sich mit Themen wie der Umwelt von anderen Festivals abheben. Etwa 20 000 Besucher, die sich auf mehrere Schauplätze verteilen, überzeugt das Programm. Die Tickets kosten 89 bis 99 Euro. Kennen auch Sie Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben? Dann schlagen Sie unsGesprächspartner vor:Lausitzer Rundschau,Straße der Jugend, 54,03050 Cottbus,oder per E-Mail an die Adresse: redaktion@lr-online.de