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| 17:41 Uhr

Ein Stück Heimat im Vorgarten

Vier Monate hat Hermann Pratsch am Modell der Kirche gebaut. Sie erinnert ihn an seine Kindheit.
Vier Monate hat Hermann Pratsch am Modell der Kirche gebaut. Sie erinnert ihn an seine Kindheit. FOTO: Dieter Babbe
Friedersdorf. 69 Jahre ist das jetzt her, doch Hermann Pratsch erzählt es haargenau so, als wäre es erst gestern passiert. Wie der kleine Junge das Kriegsende erlebt hat und mit seinen Eltern das Heimatdorf in Niederschlesien verlassen und alles zurücklassen musste. Eine von unendlich vielen Geschichten im Zweiten Weltkrieg, der vor 75 Jahren begann. Dieter Babbe

16 Kühe, 30 Schweine, vier Pferde in den Ställen und 35 Hektar Acker am großen Bauernhof - der war Hermanns Zuhause in Hertwigswaldau, ein sechs Kilometer langes Dorf mit etwa 750 Einwohnern, das heute einen polnischen Namen trägt. Der damals Zehnjährige hat vom Krieg anfangs nur die für ihn angenehmen Seiten mitbekommen. "Unser Lehrer war bereits im Oktober 1944 zum Volkssturm eingezogen, Unterricht gab's nicht mehr. Schule war sowieso ein rotes Tuch für mich", gesteht der heute 78-Jährige. Doch der Junge musste miterleben, wie Tag für Tag mehr Flüchtlinge und Soldaten die Reichsstraße 99 verstopften und die durch den Kanonendonner hörbare Front immer näher kam - und damit die ungewisse Zukunft.

Am 11. Februar haben sowjetische Truppen das Dorf von Hermann Pratsch erreicht. "Einen Tag später mussten wir es verlassen, hier ist Frontgebiet, wurde uns gesagt", erinnert er sich - und daran, wie viele Bewohner die nächste Nacht im Wald verbrachten. "An Schlaf war nicht zu denken. Ich habe später nie wieder so gefroren. Und es wurde nicht dunkel: Bomben fielen auf das 150 Kilometer entfernte Dresden, die Stadt stand in Flammen."

Am Mittag des 28. Juni, so erzählt Hermann Pratsch weiter, kam der Befehl: In zehn Minuten raus aus dem Dorf - das inzwischen bereits von vielen Polen bewohnt war, die man ebenfalls aus ihrer Heimat im Osten, die russisch wurde, vertrieben hatte. "Wir spannten ein lahmes Pferd und eine Kuh, die wir noch hatten, vor den Wagen und zogen gen Westen. In Forst wurden uns Pferd und Kuh gestohlen, so dass wir den Wagen alleine ziehen und schieben mussten." Zunächst in Werenzhain angekommen, haben Pratsches in Friedersdorf eine Bleibe gefunden. "Auf dem Georgshof durften wir uns eine Scheune ausbauen", berichtet Hermann Pratsch - und wie die Leute im Dorf dabei halfen.

Seit 68 Jahren lebt Hermann Pratsch hier, wo er geheiratet, zwei Kinder groß gezogen und lange Zeit auf der LPG gearbeitet hat. Doch immer wieder habe es ihn in seine alte Heimat gezogen, sagt der Friedersdorfer. "Bereits 1964 war ich das erste Mal in Chotkow, wie das Dorf heute heißt. Seit der Wende fahren wir fast jedes Jahr dorthin. Wir hätten den Hof sogar wieder kaufen können. Doch für eine Rückkehr bin ich zu alt", sagt der 78-Jährige - der keinesfalls die Geschichte zurückdrehen will. "Wir haben in Polen viele Freunde gefunden - und Menschen, die sich wie wir nichts sehnlicher als den Frieden zwischen den Völkern wünschen."

Doch ein Stück Heimat hat sich Hermann Pratsch in seinen Vorgarten gestellt. Nach alten Fotos baute der Mann mit den geschickten Händen die evangelische Kirche von Hertwigswaldau, in der er getauft worden ist und die nach dem Krieg abgerissen wurde, mit allen Details aus Holz und Styropor nach. Die 460 Sitzplätze, die Orgel und den Taufstein kann man von oben durch die Glaskuppel sehen - die es im Original gar nicht gab. "Die Kirche hatte ein Ziegeldach, weil die Glaskuppel zwar im Bauantrag stand, aber nicht genehmigt wurde", hat Hermann Pratsch herausgefunden. Abends schaltet er oft das Licht an, dann erstrahlt der Kronleuchter in der Kirche - und Hermann Pratsch lässt seine Erinnerungen schweifen.