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Ein halbes Jahr in der Luft gelebt

Karl Natusch zeigt seinem Sohn Michael und seiner Schwiegertochter im Weißgerbermuseum, wie früher Leder gegerbt wurde.
Karl Natusch zeigt seinem Sohn Michael und seiner Schwiegertochter im Weißgerbermuseum, wie früher Leder gegerbt wurde. FOTO: Dieter Babbe/dbe1
Doberlug-Kirchhain. "Ein bewegtes Leben auf drei Kontinenten" hat Karl Natusch sein dickes Buch überschrieben. Auf fast 500 Seiten schildert der heute 91-Jährige seine vielen Erlebnisse – spannende Geschichten, die eigentlich für drei Leben reichen. Dieter Babbe / dbe1

Dieser Tage kehrte der einzigartige Weltenbummler zu seinen Wurzeln zurück. Karl Natusch, der jetzt in Wiesbaden lebt, besuchte für einen Tag seine Geburtsstadt Kirchhain.

An die frühere Gerberei Natusch, zwischen der Friedrich-, heute Leipziger, und der Ritterstraße gelegen, erinnert nichts mehr. Drei Generationen lang ist hier Leder vor allem für edle Handschuhe gegerbt worden, wie in den Dutzenden Gerbereien auch, die es in Kirchhain gab, als Karl Natusch hier im Jahre 1926 geboren wurde. "Ich konnte als Kind mit verbundenen Augen durch die Stadt gehen. An dem Gestank der verschiedenen Lösungsmittel und Chemikalien habe ich erkannt, welche Gerberei gerade in der Nähe war", erinnert sich Karl Natusch. In die Fußstapfen des Ururgroßvaters zu treten und die Gerberei, die der Vater, im Ersten Weltkrieg schwer am Kopf verletzt, 1934 an Bruder Erich übergab, der sie bis nach dem Zweiten Weltkrieg weiter führte, kam dem jungen Natusch nicht in den Sinn. Der blätterte stattdessen immer wieder in Vaters Briefmarkensammlung, ging zu gern am Kolonialwarenladen vorbei und bekam immer mehr Fernweh. Schon als 15-Jähriger zog es Karl Natusch von Kirchhain weg - hin zur Kriegsmarine, mit dem Ziel später als Kapitän eines Schiffes auf den Weltmeeren zu schippern. Doch zum Fronteinsatz kommt er nicht mehr - nach seiner Ausbildung an der Kadettenschule ist der Krieg zu Ende.

Karl Natusch bleibt, aus Angst in Kirchhain in russische Gefangenschaft und nach Sibirien zu kommen, in Westdeutschland, landet in Wiesbaden, verdient sein erstes Geld als Schornsteinfeger, lernt dann Färber und studiert anschließend zum Textilingenieur. Dann verlässt der Kirchhainer zusammen mit seiner Frau für lange Zeit Deutschland - er arbeitet sieben Jahre in Südafrika als Leiter einer großen Färberei mit 1000 schwarzen Arbeitern, geht danach mit der inzwischen vierköpfigen Familie für zehn Jahre in die Schweiz, von wo aus er als technischer Berater in Textilfirmen in den damaligen sozialistischen Ländern tätig ist, und setzt anschließend zu einem großen Sprung über den Atlantik an: Familie Natusch lebt 33 Jahre in den USA. Er kennt das Land von Alaska bis nach Hawaii, bereist von hier aus dienstlich und privat aber auch mehr als 20 weitere Länder auf allen fünf Kontinenten. "Ich bin in meinem Leben 186 Mal über den Atlantik geflogen und war zusammengerechnet ein halbes Jahr lang in der Luft", sagt Karl Natusch.

Auch der Kontakt zu Kirchhain, wo neben den Eltern auch sein Bruder Willi wohnte, ist in all den Jahren nicht abgerissen. "Inzwischen ist Erich Herrmann, der Gärtnermeister, mein einziger Freund, der noch lebt", sagt Karl Natusch. Dieser Tage hat er sich mit ihn in Bad Erna zum traditionellen Forellenessen getroffen, wo sich beide gern an die Strandfeste von früher erinnerten. "Eine Kapelle spielte mitten auf dem See auf einem Floß. Und bei einer Flugschau turnte jemand an einem Doppeldecker, bevor der mit einem Fallschirm absprang", schwärmten beide.

Bis zum vorigen Jahr ist Karl Natusch noch von Wiesbaden, wo er in einer Seniorenresidenz lebt, allein mit dem Auto nach Kirchhain gekommen. Jetzt fährt ihn sein Sohn Michael, der in Südafrika geboren wurde, in der Schweiz in die Schule ging und jetzt als Deutscher in den USA lebt, die weite Strecke. Bei einem Stadtrundgang besuchen sie das Weißgerbermuseum, erklärt Karl Natusch, wie die Felle einst zum Einweichen über die Straße zur Kleinen Elster gekarrt werden mussten, und wird dann nachdenklich: "In Kirchhain sind nach der Wende viele Häuser neu gebaut und saniert worden. Doch in der langen Hauptstraße durch die Innenstadt zwischen der Gaststätte ‚Zur Linde' und dem Rosenende stehen auch 40 Häuser leer, manche verfallen schon." Umso mehr freut sich Karl Natusch, als er vor seinem Geburtshaus in der Leipziger Straße 54 steht: "Eine Gerberei gibt es hier zwar nicht mehr - aber schön, dass das umgebaute Haus gut in Schuss ist und sechs Familien hier wohnen."

Gut in Schuss ist Karl Natusch auch mit seinen 91 Jahren, der noch vor drei Jahren auf den 3000ern in Montana und Colorado Ski gefahren ist und noch immer schnurstraks durch Kirchhain geht. Und er sagt, wie ihm das gelingt: Ein kraftvoller 15-minütiger Frühsport und zum Frühstück ein Schüsselchen Haferbrei, gesüßt mit einem der besten Antibiotika, Honig, sowie ein Gläschen Rotwein zu jeder Hauptmahlzeit. "Wäre der Hausarzt mit diesem Gesundheitstrunk nicht einverstanden, sollte man prompt den Doktor wechseln."

Karl Natusch sagt im Rückblick auf sein langes Leben: "Es gibt unzählige schöne Orte auf der Welt, viele habe ich gesehen, aber es gibt nur eine Heimat!" Der rüstige Senior hofft, im nächsten Jahr wieder nach Kirchhain kommen zu können.

Unter dem Titel "Ein bewegtes Leben auf drei Kontinenten" hat der 91-jährige Karl Natusch auf fast 500 Seiten seine Erinnerungen aufgeschrieben und veröffentlicht.
Unter dem Titel "Ein bewegtes Leben auf drei Kontinenten" hat der 91-jährige Karl Natusch auf fast 500 Seiten seine Erinnerungen aufgeschrieben und veröffentlicht. FOTO: Dieter Babbe
Karl Natusch (links): "Erich Herrmann ist inzwischen mein einziger verbliebener Kirchhainer Freund."
Karl Natusch (links): "Erich Herrmann ist inzwischen mein einziger verbliebener Kirchhainer Freund." FOTO: Dieter Babbe