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| 17:54 Uhr

Ein echter Graf in Finsterwalde

Gastgeber Johannes Wohmann nimmt mit seinen Handpuppen Politiker aufs Korn.
Gastgeber Johannes Wohmann nimmt mit seinen Handpuppen Politiker aufs Korn. FOTO: Dietmar Seidel/dse1
Finsterwalde. Kaum noch 1200 Mitglieder hat die FDP im Land Brandenburg, mal gerade 100 zwischen Elbe und Elster, ganze acht sind es in Finsterwalde. Die Partei ist aus dem Landtag geflogen und auch aus der Stadtverordnetenversammlung der Sängerstadt. Und dennoch meinen die Blau-Gelben mit dem neuen Magenta-Ton selbstbewusst: Ohne uns fehlt was in der Gesellschaft. Dieter Babbe

Er hat es noch nicht mal geschafft, sich eine neue Visitenkarte drucken zu lassen. So verteilt Axel Graf Bülow, erst seit sechs Wochen der neue FDP-Landesvorsitzende in Brandenburg, noch seine alte: Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Freier Tankstellen ist der 62-Jährige beruflich. Ende November war der Graf, Urahn des Preußen-Generals Friedrich Wilhelm Graf Bülow von Dennewitz, als einziger Kandidat in Potsdam angetreten, "den Laden wieder in die Spur zu bringen", wie er Donnerstag bei seinem ersten Besuch in Finsterwalde sagte.

Mit dem Spurhalten der Kugel hatte der neue FDP-Landeschef auf der Kegelbahn noch seine Probleme - als Johannes Wohmann, seit der Wende und bis 2010 Stadtoberhaupt in Finsterwalde und weiterhin Ortsvorsitzender seiner Partei, an dem Abend das 20. Mal zum "Bürgermeister-Kegeln" eingeladen hatte. Unter den zahlreichen Besuchern waren vor allem Parteifreunde aus dem hiesigen Ortsverband, aber auch aus Bad Liebenwerda, Herzberg, Falkenberg, Uebigau-Wahrenbrück und aus Doberlug-Kirchhain - aber auch Mitglieder und Abgeordnete von der SPD und den "Bürgern für Finsterwalde", erstmals war keiner von der CDU dabei.

Das diesjährige "Bürgermeister-Kegeln", die traditionelle sportliche FDP-Neujahrsveranstaltung mit rhetorisch zugespitzten, pointierten, nicht immer ernst zu nehmenden Rund-um-Schlägen seines redegewandten Vorsitzenden, fand allerdings mit nur einem einzigen Bürgermeister statt: Bodo Broszinski aus Doberlug-Kirchhain - mehr hat die FDP im Landkreis nicht zu bieten. Von den beiden verbliebenen Ortsvorstehern mit FDP-Parteibuch kam nur Ulrich Jachmann aus Uebigau zum Jubiläums-Neujahrstreff.

Dass die FDP auch im Elbe-Elster-Kreis nach der für sie niederschmetternden Kommunalwahl, bei der sie mit Ulrich Hartenstein lediglich einen Kandidaten in den Kreistag bringen konnte, kein erkennbares Lebenszeichen mehr von sich gegeben hat - die Kreisvorsitzende Carmen Schulz scheint völlig untergetaucht und war auch bei dem Finsterwalder Abend nicht anwesend - soll sich ab Februar ändern, kündigt Jachmann, der Vize-Kreisvorsitzende, an. Dann wird der Kreisvorstand neu gewählt, mit gleich mehreren und auch jüngeren Kandidaten, wie der Freie Demokrat versichert. Soll heißen: Ob Schulz, sollte sie überhaupt wieder antreten, dann weiter Kreisvorsitzende bleibt, scheint offen.

Dass man auch mit 70 nicht nur sportlich noch topfit sein kann, sondern auch schlagfertig bleibt, stellte der Gastgeber erneut unter Beweis. Johannes Wohmann scheint Politik noch immer großen Spaß zu machen - wenn er genüsslich über Angela Merkel herziehen kann, den Bundestag mit der DDR-Volkskammer vergleicht ("seit es hier die FDP nicht mehr gibt") und den zum Tag der Deutschen Einheit neu gepflanzten Finsterwalder Baumhain auf die Schippe nimmt. Ernster und unmissverständlich wurde Wohmann beim Thema Flüchtlinge - die es inzwischen auch im Elbe-Elster-Kreis gibt. Sie gehörten nicht in Gruppen eingeteilt und schon gar nicht in Gettos gesperrt - und er erinnerte daran: Viele Ostdeutsche seien einst auch Wirtschaftsflüchtlinge gewesen.

Doch zu hart ging der Alt-Bürgermeister mit der Stadtpolitik diesmal nicht ins Gericht. Seinen CDU-Amtsnachfolger, vor Jahren schon beim etwas anderen Neujahrsempfang durch sein loses Mundwerk offensichtlich verschreckt, hat er mit keinem Wort erwähnt. In der Hoffnung vielleicht, ihn doch noch mal zum gemeinsamen Kegeln überreden zu können.

Zum Thema:
Der sportliche Teil der Veranstaltung, bei dem auf vier Kegelbahnen die Besten gesucht wurden, ging so aus: Bei den Frauen siegte Andrea Schwinghoff (81 Holz) vor Katrin Wohmann (73 Holz) und Sabine Wenzel (62 Holz). Erster bei den Männer war Reiko Mahler (130 Holz) vor Jörg Melchert (121 Holz) und Göran Knösch (117 Holz).